Verloren in der Welt der Zahlen

Foto: WAZ / Jakob Studnar

Dortmund. Über mangelndes mathematisches Verständnis wird oft und gerne gewitzelt - auch vom Betroffenen selbst. Doch wenn der Zugang zur Welt der Zahlen komplett verwehrt bleibt, kann eine Störung dahinter stecken: Dyskalkulie - das ist, wenn der Bildungs- zum Leidensweg wird.

„Dyskalkulie, bitte was?”, dachte sich Klaus Fischer*, als er erstmals mit der Diagnose für seine Tochter konfrontiert wurde. Heute weiß er es nur zu gut. Dyskalkulie - das ist eine Störung, Rechenschwäche, schwer zu therapieren. Dyskalkulie - das ist, wenn der Bildungs- zum Leidensweg wird.

Seine Tochter Clara* hat es bis zur Oberstufe gebracht. Als sie noch in der Grundschule war, hätte sich Klaus Fischer nie träumen lassen, welche Sorgen er sich einmal machen würde. Seine Tochter war aufgeweckt. Gut, in Mathe kam sie in der Grundschule nicht über ein „ausreichend” hinaus. Dennoch bekam sie die Empfehlung fürs Gymnasium. „Mathe ist wohl nicht ihre Schokoladenseite”, dachte Fischer. Sprüche eben. Die einen sind gut in Sprachen - die anderen in Naturwissenschaften. Klischees. Verdrängung auch.

"Mit mir stimmt was nicht"

Eines Tages, Klasse 6, kam seine Tochter nach Hause, hielt es nicht mehr aus: „Mit mir stimmt was nicht.” Sie könne machen, was sie wolle - sie könne nicht rechnen. Fischer sprach mit dem Lehrer. Der riet zu einem Test. Für den Psychologen stand schnell fest: Rechenschwäche. Wie die Tochter es überhaupt soweit geschafft hätte, ein Rätsel.

„Wir haben einen Deal mit dem Lehrer gemacht”, erinnert sich der Vater. Wenn Clara versuche, ihre Hausaufgaben zu machen, aufpasse und sich melde, sollte sie keine „sechs” bekommen. Nur „mangelhaft”. Clara erledigte ihre Hausaufgaben mit Fleiß, „sie hat nach ihrem Verständnis gerechnet, die Ergebnisse waren zwar falsch, aber sie hat's versucht”, weiß sich der Vater.

Den Spott im Nacken

Klasse 7. Eine neue Lehrerin. Fischer zog sie ins Vertrauen - doch die Lehrerin habe mit dem Problem nichts anfangen können. „Stattdessen hat sie meine Tochter an die Tafel geholt” - und, den Spott der anderen im Nacken, zur Verzweiflung getrieben. „Clara, streng dich doch mal an!”, habe es oft geheißen. Clara strengte sich an. Vergeblich. Eines Tages sei sie zuhause zusammengebrochen. „Sie krümmte sich wie ein Fötus auf den Fliesen”, sagt der Vater. Immer wieder habe sie gesagt: „Ich bin zu blöd, und ihr müsst für mich zahlen.” Rückblickend ist für Fischer klar: „Ich glaube, meine Tochter stand vor dem Selbstmord.”

Nächster Test. Beim Mathematischen lerntherapeutischen Zentrum in Dortmund (MLZ). Es sollte der vierte sein. Und die vierte Diagnose: Dyskalkulie. Schwierigkeiten beim Abstrahieren, räumlichen Denken, an den Fingern abzählen. In seiner Verzweiflung wandte sich Fischer an einen Staatssekretär des Schulministeriums. Der habe nur gelächelt: Mangelhafte Noten - das sei doch nur „Faulheit”. Ende der Diskussion.

Kein Bewusstsein für das Thema

Derweil hatte die Lehrerin vorgeschlagen, dass Clara eine Klasse wiederholt. „Hätte nichts gebracht”, sagt Fischer. Wenn rausgekommen wäre, warum Clara wiederholt, hätte sie der Spott der neuen Mitschüler getroffen. In der Schule gab es kein Bewusstsein für das Thema.

Jahrelang versuchte Fischer alles im Alleingang. Die Therapien kosteten ihn 7000 Euro. „Es geht nicht um klassische Nachhilfe - wir mussten bei Null anfangen.” Für die Krankenkassen ist Dyskalkulie erst ein Thema, wenn daraus die Diagnose Depression werde. Für die Medien, beim nächsten Amoklauf in einer Schule, vermutet Fischer.

Viel gebracht hätten die Therapien nicht. Wäre die Störung nur früher erkannt worden. Wäre. Und wäre Dyskalkulie doch nur anerkannt - wie Lese- und Rechtschreibschwäche. Zum Glück habe seine Tochter aus dem Leiden gelernt. Sei selbstbewusster geworden, habe sich mit dem Scheitern in der Welt der Zahlen arrangiert. Heute ist Clara in der Oberstufe. Hat gute Noten in Sprachen, kommt trotz Versagens in Mathe noch auf einen guten Schnitt. Wenn sie noch zwei Jahre durchhält, wenn sie zum Abi zugelassen wird, wenn sie wegen Mathe nicht alles verliert - hat sie viel erreicht. *Namen geändert

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