Trinkraum in der Nordstadt von Dortmund öffnet am 2. Januar nach Kieler Vorbild

Noch trinken viele am Dortmunder Nordmarkt ihr Bier, ab dem 2. Januar soll das im „Cafe Berta“ in der Nordstadt geschehen. Foto: Jakob Studnar
Noch trinken viele am Dortmunder Nordmarkt ihr Bier, ab dem 2. Januar soll das im „Cafe Berta“ in der Nordstadt geschehen. Foto: Jakob Studnar
Als „Cafe Berta“ öffnet am 2. Januar 2012 der umstrittene Trinkraum zum Verzehr leichter Alkoholika und Beratung in Dortmunds Nordstadt. Und zwar nach Kieler Vorbild. Dort läuft die erste Einrichtung in Deutschland seit 2003 als Erfolgsmodell. Wir hörten nach, wie diese dort organisiert wird.

Dortmund. Der umstrittene Trinkraum öffnet in Dortmunds Nordstadt doch erst im neuen Jahr: Unter dem Namen „Cafe Berta“ macht der Raum für Alkohol-Beratung am 2. Januar auf. Die Renovierungsarbeiten in der ehemaligen Kneipe „Gypsy“ an der Heroldstraße sind so gut wie beendet. Von dort aus sollen Mitarbeiter auf Streife gehen und Alkoholiker auf Straßen und Plätzen gezielt auf das Angebot ansprechen. Leichte alkoholische Getränke (Motto: Bier ja, Schnaps nein) dürfen mitgebracht werden, ausgeschenkt werden sie nicht. Öffnungszeiten: 12 bis 19 Uhr.

Im ehemaligen „Gypsy“ gebe es eine ideale Raumaufteilung, mit einem großen Aufenthaltsraum und mehreren kleineren Zimmern. Sieben Mitarbeiter, darunter Sozialpädagogen, sollen in der Einrichtung arbeiten. Geplant sind Aufenthaltsmöglichkeiten und Beratungsräume, auch ein Fernseher, Internet und ein Kicker sollen vorhanden sein. Essen werde günstig angeboten.

Wer einen solchen Trinkraum eröffnet, blickt eigentlich immer nach Kiel, da dort die erste Einrichtung dieser Art seit 2003 als Erfolgsmodell läuft. Zumindest jener in der dortigen Schaßstraße, der nach Anlaufschwierigkeiten gut (wohl auch wegen Innenstadtnähe) werktags von 9 bis 15 Uhr angenommen werde. Die zweite Einrichtung in einer ehemaligen Kneipe werde nicht so stark besucht. Was können die Dortmunder Betreiber also von den erfahrenen Kieler Kollegen an Tipps erhalten? DerWesten fragte nach bei Anita Lex, stellvertretende Abteilungsleiterin für „Wohnungs- und Unterkunftssicherung“ in der Kieler Stadtverwaltung und Vertreterin von Christoph Schneider, dem „Erfinder“ des Trinkraums.

Das Gesamtkonzept

Wichtig sei, so Lex, das Gesamtkonzept. In Kiel gab es in dem Gebäude bereits vor der Einrichtung des Trinkraums 2003 eine Anlaufstelle für Wohnungslose. Seit zehn Jahren existiert nun dieser Tagestreff & Kontaktladen („Tako“), den die Evangelische Stadtmission betreibt. Auf drei Etagen können sich Bedürftige u.a. ausruhen, duschen, ihre Wäsche waschen, erhalten ein Mittagessen oder Hilfe von Ärzten und Sozialarbeitern. „Der Trinkraum ist nur ein Angebot von vielen“, so Lex. Diese Kombination sei absolut sinnvoll.

„Wenn es im Haus noch andere Möglichkeiten gibt, nimmt das auch Druck von Alkoholikern. Sie finden dann womöglich einen anderen Zugang zu der Einrichtung und lassen sich eher beraten, kommen eventuell wegen anderer Angebote, all das wirkt auf sie niederschwelliger.“ Auch von der Vorstellung, die Einrichtung eines Trinkraumes sei die Lösung aller Alkohol-Probleme in einer Stadt, solle man sich verabschieden. „Es ist auch nicht gesagt, dass dieses Modell etwa in fünf Jahren noch funktioniert.“ Dementsprechend wichtig sei die regelmäßige Nachsorge, der konstante Austausch der Träger und das permanente Überprüfen von Entwicklungen.

Die Bezeichnung

Auch die Namensgebung spiele eine Rolle. Von Bezeichnungen wie „Sauf- oder Trinkerraum“ würde sie Abstand nehmen, da das in eine falsche Richtung führe. Der Begriff Trinkraum sei am zutreffendsten, da es dort ja auch nicht-alkoholische Getränke gibt. „Und manche kommen bei uns tatsächlich auch nur zum Kaffeetrinken“, so Lex.

Die Anwohner

Lex kann sich noch an die Anfangszeit und Widerstände erinnern. Viele waren zwar froh, dass die Trinker vor einem benachbarten Discounter nicht mehr auftauchten, andere wiederum forderten aber, im Innenhof des Kieler Gebäudes in der Schaßstraße eine Mauer zur zusätzlichen Abgrenzung von Nachbargrundstücken zu ziehen. „Bei einem Anwohner mit Balkon zu dem Innenhof war der Protest besonders ausgeprägt, der ist später dann auch weggezogen“, berichtet Lex.

Das anfängliche Aufbegehren habe sich aber recht zügig gelegt. Nur in einer Phase, als auf einem Spielplatz in der Nähe vermehrt Flaschen alkoholischer Getränke und Spritzen für Drogen lagen, „gab es nochmal Proteste“. Letztlich habe sich auch da die Lage nach entsprechenden Maßnahmen beruhigt, sodass das Projekt insgesamt in der Nachbarschaft „toleriert“ werde.

Die Träger

Während auch in Hamburg und Kassel die Trägerschaft die Einrichtung eines Trinkraums erschwert(e) bzw. verhindert(e), beteiligt sich in Kiel neben der Stadt und „Tako“ auch das Straßenmagazin „Hempels“ an dem Projekt. Dieses wiederum verzeichnete daraufhin wachsendes Interesse und vermehrten Zulauf bei der Mitarbeitschaft.

Das Personal

Dank der vielen Schultern, die in Kiel das Projekt tragen, stamme das Personal aus unterschiedlichen Bereichen. Hauptsächlich arbeiten im Trinkraum Ein-Euro-Kräfte bzw. ALG-II-Empfänger. Da im Haus aber weiteres Fachpersonal wie Sozialarbeiter unterwegs sei, gebe es einen guten Austausch untereinander. „Die Grenzen sind da eher fließend“, meint Lex.

Die Werbung

Es sei ein schmaler Grat, um einerseits auf solch ein Angebot eines Trinkraums hinzuweisen, ohne andererseits mit zu offensiver Werbung weitere Trinker zum Alkoholgenuss anzulocken. „Wir haben damals Scouts vom Ordnungsamt losgeschickt, die Alkoholikern auf der Straße den Trinkraum diskret empfohlen haben. Außerdem sind immer noch Streetworker unterwegs“, schildert Lex den Kieler Mittelweg. Die Trinkerszene sei auch keine homogene Gruppe. Schließlich habe die Mund-zu-Mund-Information ausgereicht, zumal „die Prävention an allererster Stelle stehen sollte.“

 
 

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