Tochter von Dortmunder NSU-Opfer wirft Merkel Wortbruch vor

Ihr Vater Mehmet wurde 2006 von den Rechtsterroristen des NSU ermordet: Gamze Kubasik aus Dortmund erhofft sich vom Prozess gegen Beate Zschäpe und andere Angeklagte Aufklärung.
Ihr Vater Mehmet wurde 2006 von den Rechtsterroristen des NSU ermordet: Gamze Kubasik aus Dortmund erhofft sich vom Prozess gegen Beate Zschäpe und andere Angeklagte Aufklärung.
Foto: Getty
Die Tochter des Dortmunder NSU-Mordopfers Mehmet Kubasik hat in einem Interview Angela Merkel scharf kritisiert. Gamze Kubasik wirft der Bundeskanzlerin vor, zu wenig für die Aufklärung der rechtsextremen Mordserie zu tun. Auch am NSU-Prozess hat Kubasik einiges auszusetzen.

Dortmund/Hamburg. Gamze Kubasik hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Interview scharf kritisiert. Sie sei enttäuscht, sagte die Tochter des Dortmunder NSU-Mordopfers Mehmet Kubasik im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Stern". Sie habe zu wenig für die Aufklärung der rechtsextremen Mordserie getan.

Gamze Kubasiks Vater Mehmet war im April 2006 von der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" vor seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße erschossen worden. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel sei sie sehr enttäuscht.

Im Interview mit dem "Stern" erinnert die 28-Jährige die Kanzlerin an das Versprechen, das sie ihr bei der Trauerfeier für die zehn NSU-Opfer am 23. Februar 2012 in Berlin gegeben hatte. Merkel hatte ihr damals "rückhaltlose Aufklärung" zugesagt.

Doch davon habe sie bisher noch nichts gespürt. Stattdessen würden die Behörden "mit ihrer Heimlichtuerei" fortfahren. "Ich bin sehr enttäuscht", sagt Gamze Kubasik dem Stern. Sie hatte auf der Trauerfeier eine bewegende Rede gehalten.

"War mein Vater wirklich ein Zufallsopfer?"

Zwei Jahre später hat Gamze Kubasik weiter viele drängende Fragen: "Als Tochter habe ich das Recht, bis ins letzte Detail alles zu erfahren. War mein Vater wirklich ein Zufallsopfer? Wie hat man ihn ausgewählt? Wer war noch an dem Mord beteiligt?".

In dem Stern-Gespräch weist sie darauf hin, dass sich an allen Tatorten Hinweise auf lokale Helfer fanden. "Das NSU-Trio war 13 Jahre lang untergetaucht, lebte in der ganzen Zeit aber nie wirklich abgeschottet. Das hat auch der Untersuchungsausschuss des Bundestags festgestellt."

Kubasik hatte gehofft, dass mit dem NSU-Prozess in München endlich Gerechtigkeit einkehrt. "Es geht mir nicht um ein Urteil", sagt sie und kritisiert, dass sie die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft nicht überprüfen kann, da ihr Anwalt keine Akteneinsicht bekommt: "Ich verlange nichts mehr als Transparenz. Genau das haben uns die Kanzlerin und Bundespräsident Joachim Gauck versprochen."

Für sie sei es das zweite gebrochene deutsche Versprechen: "Als wir hier Asyl bekamen, sagte man uns, dass wir hier sicher sein würden. Doch mein Vater wurde nicht beschützt", so Kubasik zum Stern.