Theater an Brandherden der Stadt

Bereiten das Projekt Stadt ohne Geld im Café des Schauspiels vor: (von links) Alexander Kerlin, Kristin Naujokat  und Nils Voges. Foto: Franz Luthe
Bereiten das Projekt Stadt ohne Geld im Café des Schauspiels vor: (von links) Alexander Kerlin, Kristin Naujokat und Nils Voges. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund.. „Wenn die Städte zerfallen und unser Leben nur noch Warenwert hat, stellt sich die Frage, wo und wie wir in Zukunft leben können“ - ein Satz, an dem man nicht einfach so vorbei kommt. Und zugleich Kern des Mammutprojekts „Stadt ohne Geld“, mit dem Kay Voges gemeinsam mit Künstlern und Wissenschaftlern vom 6. Oktober bis 3. Februar das Schauspiel mit der Stadt konfrontieren will - in Uraufführungen, Diskussionen, Konzerten, Filmen und Spaziergängen.

Es war ein Tiefpunkt in Dortmunds Geschichte, der Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin inspirierte: Als Kulturdezernent und Kämmerer Jörg Stüdemann angesichts der extrem angespannten Haushaltssituation Ende 2009 die „Tränenliste“ mit potenziellen Einsparungen präsentierte, setzte das „Ausmaß der Katastrophe“ Kreativität frei: „Wie wollen wir zusammenleben in einer Stadt unter Beschuss, wie soll Gemeinschaft organisiert werden in einer Kommune ohne Geld?“, stellt Kerlin die Kernfragen. Schnell entstand die grobe Skizze für die „Stadt ohne Geld“: Künstler und Wissenschaftler sollten in einer Art Labor über Monate hinweg Dortmund auf die „Umbrüche im gesellschaftlichen Leben“ und die Auswirkungen für den Einzelnen hin untersuchen. Theater also, das ganz nah dran ist am realen Leben, an drängenden Problemen einer Stadtgesellschaft.

Von künstlerischer Seite machten sich das „kainkollektiv“ - verankert in der freien Szene - und „Sputnic“, eine Gruppe von Grafikdesignerin mit der Spezialität Film, an die Realisierung - wissenschaftlich unterstützt vom Institut für urbane Krisenintervention (IfuK). Um zu lernen, wie der Puls der Stadt schlägt, haben sie die Ohren geöffnet - für Sichtweisen, wie sie das Straßenmagazin bodo oder die Landschaftsplaner der TU bieten.

19 Veranstaltungen

19 Veranstaltungen sind herausgekommen. „Um die Stadt zu hören“, wie Kerlin es nennt, sich ihr zu öffnen, brennend aktuelle Themen anzugehen. Das IfuK will so herausfinden, welches „Potenzial das Schauspiel hat, direkt auf die Stadt und ihre Zukunft einzuwirken und auf Konflikte einzugehen“, sagt Marcel Briegwitz. Am 7. Oktober etwa finden Stadtspaziergänge statt, die Konfliktlinien auf den Punkt bringen: Bodo-Verkäufer führen durch die Nordstadt - während eine andere Gruppe den Phoenix-See erkundet.

Der „Stadt ohne Geld“ liegt ohne Zweifel ein gewisser Idealismus zu Grunde - mindestens darauf, kritische Geister zu wecken. „Was sich im Kleinen verändert, hat auch Auswirkungen auf Großes“, findet „sputnic“ Nils Voges, Bruder des Schauspieldirektors. Forscher Briegwitz geht sogar so weit, dem Theater in Rollenspiel, Supervision oder Rhetorikschulung konkretes Konfliktlösungspotenzial zuzuschreiben. Kerlin aber beschwichtigt: „Zu einem gewissen Grad will das Projekt Chaos. Wir nehmen uns nicht vor, alles auf Thesen zu verdichten.“

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