Taschendiebe suchen junge Frauen in der U-Bahn als Opfer aus

Ein Pressegespräch über Taschendiebe in der U-Bahn-Station an der Kampstraße gewinnt an Authentizität. Dabei helfen die Täter. Vor den Augen des Leiters der Ermittlungskommission "Tasche" schreiten die jungen Männer zur Tat. Wir haben die Polizei am Mittwoch bei einem Einsatz begleitet.

Dortmund. Mittwoch, 12 Uhr, in der ersten Verteilerebende der U-Bahn-Station Kampstraße: Wir stehen mit Polizeisprecherin Nina Vogt und dem Ermittlungskommissions-Leiter Klaus Thimm vor einem Kiosk. Im Hintergrund steht eine junge Frau. Intensiv nutzt sie ihr Handy und wartet, wie sich später herausstellt, auf ihren Bruder. Ein junger Mann spricht sie an: Er will die Uhrzeit wissen. Nicht weil er ahnungslos ist, sondern weil er die Handy-Marke erkennen und damit den Wert der potenziellen Beute berechnen will. Die junge Frau schöpft Verdacht, da von jeder Position aus öffentliche Uhren zu erkennen sind - und steckt das Smartphone ein. Ihr Bruder kommt. Der Täter geht.

Unauffällig verfolgen wir den mutmaßlichen Dieb, der zwei Etagen tiefer mit zwei Komplizen am Bahnsteig steht und auf die U43 wartet. Sie steigen ein und trennen sich sofort. Die weitere Kommunikation erfolgt über Handzeichen. Zwei junge Männer setzen sich neben zwei junge Frauen. Sie sollen die neuen Opfer sein. Beide halten ihre Smartphones in der Hand. Mit Charme und gutem Englisch beginnen die Männer Gespräche. Sie fragen nach der Schule und sprechen andere Themen an - beide Frauen sind zugeknöpft. Denn die Gespräche wirken wie plumpe Anmache.

"Das sind keine Profis"

"Das sind keine Profis", erklärt Kriminalhauptkommissar Klaus Thimm, denn die Profis sind in den Kaufhäusern unterwegs und wollen ans Bargeld der Opfer. Aber die U-Bahn-Täter arbeiten effektiv. Spezialisiert sind sie auf Smartphones. Tatorte sind Rolltreppen, Aufzüge, Bahnsteige und die Bahnen selbst. Ist das Gedränge nicht dicht genug, erzeugen sie selbst ein Gedränge. Blitzschnell ziehen sie die Smartphones aus den Taschen und reichen sie an die Komplizen weiter - bis die Geräte aus dem Blickwinkel sind. Die Smartphones ziehen sie sogar dann aus den Taschen, wenn das Opfer mit Kopfhörern Musik hört.

Die U-Bahn-Station Kampstraße ist aktuell einer der Tatorte mit den häufigsten Diebstählen. Klaus Thimm: "Angefangen hatte alles in einem Aufzug: Drei Täter waren mit einem Opfer abwärts gefahren." In Sekunden war die Tat vollzogen. "Selbst wenn die Opfer merken, dass irgendetwas an der Tasche passiert ist, haben sie keine Chance: Die Beute wird blitzschnell weitergegeben", erläutert Klaus Thimm die Arbeit. Die Aktion heute läuft innerhalb der Aktionswoche "Taschendiebstahl". Die Dortmunder Polizei will aufklären.

Zu tun hat es die Kriminalpolizei mit jungen Männern aus den drei nordafrikanischen Ländern Algerien, Marokko und Tunesien. "Uns liegen Erkenntnisse vor, dass sie gezielt nach Deutschland eingeschleust werden, um hier diese Straftaten zu begehen." Eine Spur führte bereits in die Münsterstraße: Dort soll einer der "Ausbilder" leben und Kost und Logis bieten.

Beute kommt ins Ausland

Die gut gekleideten Taschendiebe seien in 3er-, 4er- und 5er-Gruppen unterwegs. Die Beute werde ins Ausland verfrachtet. "Wir wissen von Postpaketen und Kurierfahrten", sagt Klaus Thimm über die Vertriebswege. Die Polizei versucht weitere Wege zu erkennen. Bekannt ist der Polizei auch: Vor dem Verkauf der Smartphones verändern Spezialisten die vom Hersteller elektronisch hinterlegte "iMei"-Nummer des Geräts. Die iMei-Nummer des Handys ist vergleichbar mit der Fahrgestellnummer eines Autos. Im Blick haben die Banden Handys, die in den Heimatländern nur illegal zu erwerben sind. Für 60 bis 100 Euro. Den größten Teil der Beute müssen die Jugendlichen und jungen Männer abgeben.

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