Syrisches Protestcamp zieht von Dortmund nach Berlin

Peter Bandermann
Kino in der Katharinenstraße in Dortmund: 150 Zuschauer sehen den Film über die Flucht aus Syrien.
Kino in der Katharinenstraße in Dortmund: 150 Zuschauer sehen den Film über die Flucht aus Syrien.
Foto: Peter Bandermann
Seit Anfang Juni protestieren syrische Flüchtlinge in Dortmund für schnellere Asylverfahren - ihr Ziel erreicht haben die geduldigen Demonstranten bisher nicht. Nun wollen die Syrer nach Berlin umziehen. Wie verzweifelt sie sind, zeigt ein erschütternder Film.

Dortmund. Knapp 60 Tage dauerte das Flüchtlingscamp in Dortmund – und war damit die längste Demo der Dortmunder Geschichte. Am 3. August verlegten die Syrer ihr Camp nach Berlin. In der Hauptstadt erhoffen sich die Aktivisten höhere Chancen auf die Erfüllung ihrer Forderung: den Aufenthaltsstatus zu bekommen, damit ihre Frauen und Kinder das Bürgerkriegsland verlassen dürfen. Hier eine Reportage vom 23. Juli:

Um 22 Uhr kehrt in der Großstadt Dortmund die Nachtruhe ein. Nicht so auf der Katharinenstraße: Zunächst stehen etwa 25 Besucher am Protestcamp der Syrer. 30 Minuten später sind es etwa 150. Sie blicken auf eine am Boden mit Wasserflaschen beschwerte Leinwand, auf der in den nächsten Minuten ein erschütternden Zusammenschnitt von Fotos und Filmen aus Syrien zu sehen ist.

Fassbomben statt Popcorn

Weltpolitisches Kriegs-Kino unter freiem Himmel. Die Zuschauer sitzen auf Plastikstühlen, Matten und den roten Pflastersteinen. Kein Eintritt. Keine Werbung. Kein Popcorn. Dafür Kinder, die durch zerbombte Häuserzeilen laufen, sowie Raketen, Granaten, Feuerbälle, Rauchwolken und Fassbomben. Also Syrien. Der Film ist ein Aufschrei, der im Publikum Stille auslöst.

Im Publikum sitzen an diesem Sommerabend mehr Dortmunder als Demonstranten. Unter ihnen der 26-jährige Radiologe Bani Almhanid, der vor seiner Flucht vor dem Krieg in der 1,5-Millionen-Metropole Lattakia studierte und seit sieben Monaten ein von der Bundesrepublik Deutschland anerkannter Flüchtling mit Einzimmerwohnung in der Dortmunder Innenstadt ist.

Vom ersten Tag an in Deutschland lernte Bani Almhanid Deutsch. "Syrien ist meine Heimat. Deutschland ist mein neues Zuhause", sagt er über die Distanz. Sein Deutsch ist so gut, dass er flüssig über den Diktator Assad und die IS-Terroristen berichten kann.

Absatzmarkt für Waffenlieferanten

Die Zukunft Syriens sei ungewiss, weil niemand bereit sei, den Krieg zu beenden: "Dafür ist Syrien ein viel zu großer Absatzmarkt für Waffen", stellt der 26-Jährige fest. Die Bomben würden in seiner Heimat solange fallen, bis die Waffenexporteure ein anderes Land entdecken. Dann werde es neue Flüchtlinge geben. So sieht Bani Almhanid die Welt.

Von seiner Einzimmerwohnung aus hat er sich bei sieben Universitäten beworben. Bani will Medizintechnik studieren. Längst hätte er damit beginnen können. Aber sein Aufnahmeverfahren ging über die im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbarten drei Monate hinaus.

Der Krieg dringt bis nach Dortmund vor

Der mit Dortmunder Unterstützern zusammengeschnittene Film beginnt mit einem geradezu idyllischen Syrien-Portrait: Moderne Architektur in den Metropolen. Antike Stätten auf Hügeln. Verschneite Großstadt-Straßen und Landbau auf fruchtbarer Erde im Landesinneren. Ein Mädchen mit großen braunen Augen spricht in eine Handy-Kamera. Dann erschüttern Raketeneinschläge die Idylle.

Das Pfeifen der Granaten wirkt so nah. Das Bomben will nicht aufhören. Auf erschütternde Weise dringt dieser zur Nachrichten-Normalität gewordene Krieg bis nach Dortmund vor, denn die privat aufgenommenen Fotos und Filme führen aus den zerbombten Städten über das Meer bis an die Huckarder Straße, wo die syrischen Flüchtlinge am 9. Juni 2015 ihr Protestcamp errichtet hatten.

Am Ende berichten syrische Kinder darüber, wie sie den Krieg erlebten. Ein Junge äußert den Wunsch, endlich wieder seine Schule besuchen zu können und seine Freunde wiedersehen zu können.

Umzug nach Berlin oder Düsseldorf

Erst an der Huckarder Straße, dann an der Katharinenstraße führten die Flüchtlinge mit Ministern und anderen Politikern viele Gespräche. Dem IT-Spezialisten Fadi Khatib, einer der Sprecher, waren diese Gespräche sehr wichtig. Nüchtern stellt er fest, dass sie nicht viel gebracht haben. Noch immer dauern die Anerkennungsverfahren viel zu lange.

"Unter uns sind Demonstranten, die ihre Familienangehörigen im Krieg verloren haben", sagt er. Den unterstützenden Dortmundern ist Fadi Khatib unendlich dankbar. Die enorm große Solidarität sei wichtig gewesen für das Protestcamp.

Derzeit bereiten die Syrer einen Umzug in die Bundeshauptstadt Berlin vor. Der 30-Jährige spricht von einem dann noch größeren Demo-Camp. Vorher soll es noch eine große Abschluss-Demo in Dortmund geben.

Es wird mit 400.000 Erstanträgen gerechnet

Im Abspann fordern die Filmautoren die automatische Anerkennung syrischer Flüchtlinge, sobald die Dreimonats-Frist abgelaufen ist, und den Rückführungs-Stopp in die EU-Länder (Dublin-Abkommen), in die die syrische Flüchtlinge zuerst eingereist sind.

Laut Dr. Mehmet Ata vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg rechnet seine Behörde in diesem Jahr mit 400.000 Erstanträgen von Asylbewerbern aus verschiedenen Ländern. 2014 waren es rund 200.000. Bis Ende 2014 hatte das BAMF 650 neue Mitarbeiter eingestelt. 2015 kommen 1000 hinzu.


2016 sollen es noch einmal bis zu 1000 sein. Seit Anfang 2015 sind 77.000 Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen angekommen. Laut Innenminister Ralf Jäger sollen die Städte finanzielle Hilfe für die Versorgung der Asylbewerber erhalten. Jäger kritisierte erneut die hohe Zahl unbearbeiteter Anträge von aktuell 270.000 bundesweit.