Syrischer Karikaturist flüchtete nach Dortmund

Wenn Amer Zohbi zeichnet, wird sein Stift zur Waffe: Auf seinen Zeichnungen verhöhnt er unter anderem den syrischen Diktator Baschar al-Assad. Assad hat zurückgeschlagen und dafür gesorgt, dass der in arabischen Ländern bekannte syrische Karikaturist Zohbi fliehen musste - nach Dortmund. Nun will Zohbi zurück ins Geschäft.

Dortmund. Seit drei Jahren zeichnet Amer Zohbi nicht mehr wie zuletzt in Abu Dhabi, sondern in seiner Wohnung in Dorstfeld. Bissig wie immer. Doch seit der Arabische Frühling zum Arabischen Winter wurde, kann er seine Karikaturen nur auf Facebook veröffentlichen.

6200 Cartoons hat Amer Zohbi in seinem Computer gespeichert - Arbeiten aus rund 20 Jahren über arabische Konflikte: von der politischen Situation in seinem Heimatland, vom Krieg, der immer die Falschen trifft, vom IS-Terror und der Unterdrückung durch Assad.

Buch ist das Ziel

Frank Bünte, ehemaliger Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, sitzt zweimal in der Woche mit Zohbi auf dem Sofa und sortiert Karikaturen, die für Europäer und syrische Flüchtlinge von Interesse sind. Wenn‘s gut läuft, soll ein Buch daraus werden.

Auch Amer Zohbi, 1970 in Homs geboren, hat als Journalist angefangen. Weil ihm für ein Kunststudium die Beziehungen fehlten, hat er Journalistik studiert. Drei Monate nach seinem Abschluss 1994 sollte er für zwei Jahre zum Militär. Doch für Hafis al-Assad, Vater des heutigen Diktators Baschar, wollte er nicht kämpfen. Mit 25 Jahren ging er deshalb in die Vereinigten Arabischen Emirate, ein für die Region vergleichsweise gemäßigter Staat. Zunächst arbeitete er für fünf Jahre in Dubai und dann für zwölf Jahre in Abu Dhabi.

In Dubai schrieb er anfangs ein Jahr lang politische Artikel gegen das Assad-Regime und andere Diktaturen. Dann stieg er auf Karikaturen um, arbeitete für verschiedene große arabische Zeitungen wie Al-Arab Weekly Newspaper oder Sender wie Al-Jazeera und Al-Arabiya News Channel. Er wurde gleich mehrfach ausgezeichnet. Manchmal erschienen seine Karikaturen auch in London und Sydney. Zuletzt war Amer Zohbi bei der Zeitung Albayan (zu deutsch: Erklärung) in Abu Dhabi fest angestellt.

Rote Linie 2013 überschritten

Politische Cartoons sind im arabischen Raum noch beliebter als im Westen. Allerdings sind den Zeichnern enge Grenzen gesetzt. Wer sie überschreitet, muss mit Konsequenzen rechnen. Auch Amer Zohbi. Er überschritt die rote Linie, als er im Sommer 2013 Assad als Hitler zeichnete. Syrische Zeitungen brandmarkten ihn als Verräter. Die Vereinigten Arabischen Emirate ließen ihm - als Folge schwer durchschaubarer Allianzen - zwei Wochen Zeit für die Ausreise. "Der Schwächste musste gehen", sagt er auf Deutsch - das war in der Verlagshierarchie er als Syrer und Karikaturist.

Über die Erstaufnahme in Hacheney verschlug es Amer Zohbi mit seiner Frau, vier Kindern (heute 7, 10, 13 und 16 Jahre alt) und zwei großen Koffern nach Dortmund. Als politischer Flüchtling konnte er unter anderem einen arabischen Zeitungsartikel vorlegen, in dem zu lesen war, dass ihm in seiner Heimat Gefahr für Leib und Leben drohte.

Karikatur für Asyl-Entscheiderin

Um sicher zu gehen, wen sie vor sich hatte, ließ sich die Asyl-Entscheiderin von ihm zeichnen. Als das Porträt nach fünf Minuten fertig war, waren die letzten Zweifel beseitigt. Und Amer Zohbi erhielt eine Aufenthaltsgenehmigung zunächst für drei Jahre. Im September entscheidet sich, ob er unbefristet bleiben kann. Auf die Frage, ob er nach Assad nicht lieber in seine Heimat zurückkehren würde, verweist er auf eine seiner Karikaturen über die arabische Welt. Ein Knäuel von Arabern, ineinander verkeilt wie ein gordischer Knoten. "Ich glaube, wir brauchen 200 bis 300 Jahre, um als demokratisches Land zurückzukommen."

Ein zündender Gedanke, ein paar Bleistiftstriche für die erste Skizze, und dann arbeitet Zohbi an seinem Grafik-Computer weiter. Seine fein ziselierten Karikaturen sind unverwechselbar, würden auch ohne Namenszug sofort erkannt, hat mal eine Zeitung geschrieben. Er könne auch für Amerika arbeiten, sagt Zohbi mit Blick aufs Internet. "Mit seiner kritischen Einstellung ist er bei uns gut aufgehoben", meint Frank Bünte.

Er versucht, den Syrer in europäischer und deutscher Politik sattelfest zu machen, damit seine Zeichnungen interessanter für deutsche Zeitungen werden. Jeden Tag guckt Zohbi deshalb die "Heute"-Nachrichten mit arabischen Untertiteln. Angela Merkel hat Zohbi schon vor einem Jahr mit einem Zelt als Mantel gezeichnet, unter dem die Flüchtlingsmassen Schutz suchen. "Ich bleibe hier", sagt er, "das ist meine zweite Heimat. Hier bin ich frei."

Amer Zohbi hat geschafft, was keiner vor ihm geschafft hat. Er gewann drei Mal (2007, 2010 und 2013) die höchste Auszeichnung für Karikaturisten in der arabischen Welt, den Arab Journalism Award. Die Preisübergabe folgt dem Ritual der Oscar-Verleihung und wird im Fernsehen übertragen.

Gaby Kolle