Sorgen unter der Stromleitung

Reinhard Wegener zeigt Karten und Daten über elektromagnetische Belastung durch die Stromtrasse im Süden.
Reinhard Wegener zeigt Karten und Daten über elektromagnetische Belastung durch die Stromtrasse im Süden.
Foto: WAZ Fotopool
38 000 Menschen in Dortmund leben unter Stromtrassen oder in deren Einzugsbereich. Der Süden ist besonders betroffen.

Kirchhörde..  Mehr als 38 000 Menschen in Dortmund leben im Einzugsbereich von Hochspannungstrassen oder direkt darunter. „Sie sind dadurch potenziell kranheitsfördernden Effekten ausgesetzt“, sagt Reinhard Wegener von der „Interessengemeinschaft Vorsicht Hochspannung Dortmund-Süd“. Er wirft der Stadt Verharmlosung der Gefahr durch elektromagnetische Felder und Untätigkeit vor. Die Stadt wiederum sieht alle gesetzlichen Vorschriften eingehalten. Ein Streit um Grenzwerte, Bewertungsmaßstäbe und Standpunkte.

Süden besonders betroffen

„Hier“, sagt Reinhard Wegener, und zeigt auf die Karte, die den Verlauf der Ringstromtrasse um Dortmund zeigt. „Kleinholthausen, Eichlinghofen, Benninghofen, Berghofen, Wellinghofen, Aplerbeck, um einige zu nennen. Auf dieser Karte sieht man genau, wie viele Wohneinheiten betroffen sind. Und das sind viele“, sagt er. Eine Freileitung verlaufe mitten durch seinen Garten. Wegener spricht von gehäuften Krebsfällen in einer Siedlung in Aplerbeck, von erhöhtem Leukämierisiko bei Kindern, davon, dass Krankheitsgefährdungen bereits weit unterhalb des deutschen Grenzwertes von 100 Mikrotesla bestünden, und zieht einen Vergleich zu der zerstörerischen Wirkung von Asbest. „Man muss dieses Problem ernster nehmen.“

Einen ersten Schritt, das gesteht er zu, habe die Stadt gemacht. Nach einem Beschluss des Umweltausschusses ermittelte die Verwaltung, wie viele Häuser und Wohnungen sich in einem Korridor von 360 Metern (180 Meter beidseits der Trassen) befinden. Das Ergebnis liegt vor: Es sind 7350 Häuser mit 38.450 Menschen darin.

Allerdings schränkte Dezernent Martin Lürwer ein: „Der Betrachtungskorridor ist nicht gleichzusetzen mit einem tatsächlichen Einwirkungsbereich von Freileitungen.“ Denn der geforderte 180-Meter-Abstand bei der Erhebung orientiere sich an einem Strahlenwert von (vom Umweltausschuss geforderten) 0,25 Mikrotesla. Zum Vergleich: In Deutschland gilt ein Wert von 100 Mikrotesla als unbedenklich, die Stadt Dortmund legt bei Neubauvorhaben einen Vorsorgewert von 10 Mikrotesla zugrunde. Die unterschiedlichen Bezugswerte zeigen eines: „Es gibt eine Schere in der Sichtweise“, sagt Werner Höing, Abteilungsleiter Emissionsschutz bei der Stadt. Höing weist die von der IG Hochspannung erwähnte Häufung von Krankheitsfällen durch Magnetfeldbelastung zurück. „Es gibt keine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis darüber.“

„Wir sagen aber: Es ist heute fahrlässig und verharmlosend, so weiterzumachen und weiterzubauen wie bisher. Man muss besonders vorsichtig sein und es muss etwas passieren“, sagt Reinhard Wegener und fordert unter anderem die Verlegung von Trassen und Erdverkabelung. Ein Krebsatlas und eine neutrale Informationsstelle sollen für mehr Transparenz sorgen. „In den Niederlanden werden sogar Häuser in Magnetfeldzonen vom Staat angekauft“, sagt er.

Zunächst einmal wird die Stadt ein Messprogramm vorantreiben, bei dem an sechs Stellen in der Stadt Werte genommen werden sollen. Bei dem durchführenden Institut habe die Interessengemeinschaft das Vorschlagsrecht, sagt Höing.

 
 

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