Lesen, schreiben, Schach spielen

An der Kirchhörder Grundschule unterrichtet Soel Kartsev jetzt Schach.
An der Kirchhörder Grundschule unterrichtet Soel Kartsev jetzt Schach.
Foto: Linz/PiLi
In der Kirchhörder Grundschule ist das königliche Spiel jetzt festes Unterrichtsfach.

Kirchhörde.  In der Kirchhörder Grundschule ist Schach jetzt verpflichtendes Unterrichtsfach. Die Zweitklässler lernten gestern ihren neuen Lehrer kennen: Soel Kartsev, einen Mann, der Dame und Turm meisterlich bewegt. Er hat schon die NRW-Pokalmeisterschaft gewonnen.

Der Mann, der vorne an der Tafel sitzt, ist von anderem Kaliber als Julius’ Opa. Julius aus der 2a gehört zu den sechs Kindern, die schon einmal Schach gespielt haben. „Ich habe meinen Opa matt gesetzt“, verkündet er stolz. Aber in der Schule wird es einstweilen nicht ums Gewinnen oder Verlieren gehen. Es geht um Logik, Strategie, mathematisches Denken.

Jede Figur hat ein Häuschen

Dass Schach unabhängig vom Alter zu einer besseren Konzentrationsfähigkeit, mehr Geduld und Durchhaltevermögen führt, ist längst wissenschaftlich erwiesen. Doch auch Entschlossenheit und Fairness sollen durch das Spiel gefördert werden. Und so erzählt Lehrer Kartsev den Kindern in der 1. Stunde die Geschichte von den beiden gelangweilten Königen. Die hätten im Streit beinahe alles in Schutt und Asche gelegt, wäre nicht das Schachspiel erfunden wurde. Seither fechten sie ihre Kämpfe auf dem Brett aus – und kennen keine Langeweile mehr.

Schulleiterin Gudrun Rüping ist selbst sehr gespannt, wie sich das regelmäßige Schachspiel auf die Kinder auswirken wird. In Dortmund gebe es bislang nur eine einzige Grundschule, die Gutenberg-Grundschule, die Schach im geregelten Stundenplan unterrichtet. Andere haben AGs gegründet, in denen Bauer und Läufer nachmittags Freigang auf den schwarz-weißen Feldern haben. Gudrun Rüping erinnert sich an gemischte Reaktionen aus der Elternschaft, als die Schachpläne bekannt wurden. „Es gab auch die Sorge, dass sich die Kinder langweilen werden.“

Davon ist in der Schachstunde zunächst nichts zu bemerken. Die Kinder müssen raten, was Soel Kartsev in seiner Tasche hat. Sie setzen all ihre Fantasie ein. Und so taucht die Frage auf: Passt da wirklich ein weißes Pferd rein? Schließlich fragt der Schachlehrer: „Gebt Ihr auf?“. Na ja, die Partie endet eher remis. Mit etwas Hilfe erraten die Kinder, dass es sich um Schachbücher handelt.

1. Lektion: Julius zeigt, wie der Bauer gezogen wird. Der Junge will auch gleich schlagen. Schließlich hat er ja bekanntlich seinen Opa mit solchem Offensivspiel zu Fall gebracht. Aber Soel Kartsev hat es nicht so eilig: „Schlagen kommt später.“ Erst mal erzählt er weiter Geschichten, die so schön russisch poetisch klingen: „Was ist ein Feld? Das Feld ist wie ein Häuschen, in dem eine Schachfigur lebt.“

Selbstkritik wird geschult

2. Lektion. Die Kinder lernen die Figuren kennen. Emilia hat sich gleich einen Liebling ausgeguckt: Das Pferd. Ihre Nachbarin lässt Emilia wissen: „Ich hab’ ein echtes Pferd.“ Wir befinden uns nicht gerade im ärmsten Teil Dortmunds.

Eine Stunde pro Woche, ein ganzes Schuljahr lang, werden die Zweitklässler nun den Gebrauch der Figuren vertiefen können. Gudrun Rüping glaubt fest an das Gute im Schachspiel. Sie selbst hat es als Kind „nicht lernen dürfen“. Doch der pädagogische Wert – die Rückmeldungen anderer Schulen sind da deutlich – ist völlig unbestritten. Auch selbstkritisches Denken werde zum Beispiel geschult. Und vielleicht wird Julius sich so eines Tages doch die Frage aufdrängen, ob sein Opa ihn nicht einfach hat gewinnen lassen.

3. Lektion. Wenn es denn später doch ums Gewinnen und Verlieren geht, dann kann sich die Kirchhörder Schulleiterin durchaus kleinere Turniere vorstellen. Warum nicht mit Zweitklässlern aus dem Dortmunder Westen? Nur Vorsicht, es gibt da einen Wissensvorsprung: An der Gutenberg-Grundschule wurde Schach schon 2009 als Schulfach eingeführt.

 
 

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