Straßenstrich in Dortmund: „Keiner will diesen Job machen“

Der Straßenstrich an der Ravensberger Straße. Foto: Franz Luthe
Der Straßenstrich an der Ravensberger Straße. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund. Der Blick der jungen Bulgarin verfinstert sich. „Wenn ich könnte, würde ich in der nächsten Stunde nach Hause fahren“, sagt sie. Keiner würde diese Arbeit machen wollen. Zu Hause, das ist für die 25-Jährige in Bulgarien. Genauer: in Plovdiv. Sie ist eine der Frauen, die nach Dortmund gekommen sind, um Geld auf dem Straßenstrich zu verdienen. Bis zu 140 Frauen stehen über den Tag verteilt an der Ravensberger Straße – fast 90 Prozent sind aus Bulgarien.

So beobachten es die Mitarbeiterinnen von Kober, der Prostituierten-Beratung, die in einem Container an der Ravensberger Straße für die Frauen da ist. Hier gibt es Essen, Getränke, eine Toilette und eine Dusche. In der Mitte stehen Tische – an dem großen Tisch sitzt eine Gruppe von Frauen, die sich kennen, die bulgarisch oder türkisch miteinander reden.

Dank Olja Krecher können sich die Sozialarbeiterinnen von Kober mit den Frauen verständigen. Die Mazedonierin arbeitet als Honorarkraft für die Beratungsstelle und spricht bulgarisch. Die Studentin weiß, aus welchen sozialen Verhältnissen die Frauen kommen. Die meisten stammen aus Roma-Familien. „Sie werden auf dem Balkan sehr stark diskriminiert“, sagt Olja Krecher. „Dass es hier Menschen gibt, die ihnen helfen wollen, glauben sie meistens nicht.“

Keiner hat sie einstellen wollen

Das hat auch Christina Stodt von Kober schon erlebt. „Ich habe eine Frau auf dem Strich angesprochen und ihr unser Angebot vorgestellt“, erzählt sie. Die Frau habe entgegnet, sie sei doch Zigeunerin. „Sie war davon ausgegangen, dass ich sie nur aus Versehen angesprochen hatte“, erzählt Stodt. Alle Frauen aus Bulgarien berichteten dasselbe – sie hätten keine Chance, in ihrer Heimat eine Arbeit zu finden.

So auch die 25-Jährige, die am Tisch mit den anderen sitzt. In Bulgarien habe sie keiner einstellen wollen. Seit anderthalb Jahren sei sie nun mit Unterbrechung in Dortmund. Lebe mit ihrem Freund zusammen. Wie sie wohnt – darüber spricht sie nicht gern. Die junge Frau kennt die Geschichten von den Roma, die mit vier Familien in einer Wohnung leben. „Es sind nicht alle gleich“, betont sie. Ihre Familie ist in Bulgarien geblieben. Die Eltern wüssten nicht, wie sie ihr Geld verdient.

„Ich wünsche mir eine normale Arbeit“

„Ich wünsche mir eine normale Arbeit“, sagt die 25-Jährige. Dass es gefährlich ist, auf dem Strich zu arbeiten, weiß sie. Immer wieder würden sich die Freier nicht an die Absprachen halten. Da hilft oft nur noch der rote Alarm-Knopf in den Verrichtungsboxen.

Am Anfang ihrer Zeit war die Bulgarin unbedarfter, fuhr mit einem Freier zu ihm nach Hause. Als er kein Kondom benutzen wollte, wehrte sie sich. In der Badewanne drückte er ihren Kopf unter Wasser. Sie habe laut geschrien, erinnert sie sich, so dass er Angst bekam, die Nachbarn könnten etwas mitbekommen. Er gab ihr 100 Euro und ließ sie gehen. Die Angst begleitet sie nun, jedes Mal, wenn sie in ein Auto steigt.

„Der Alarm wird immer mal wieder ausgelöst“, erzählt Sabine Reeh von Kober. Aber die Zahl der Angriffe sei deutlich zurück gegangen. Solange die Frauen an der Ravensberger Straße blieben und nicht mit den Freiern woanders hinführen, sei es „sicher“.

Auch gesundheitliche Hilfe bekommen die Frauen im Container. Immer dienstags ist ein Arzt vor Ort. „Die meisten Frauen sind nicht krankenversichert“, sagt Reeh. Hepatitis sei ein häufiges Problem, Geschlechtskrankheiten oder Entzündungen im Unterleib.

Keinen Schulabschluss, keine Ausbildung

Auch Sabine Reeh weiß, dass die meisten Bulgarinnen am liebsten aussteigen würden. Doch auch wenn Kober sonst helfen kann, „für die Bulgarinnen können wir nichts tun“, sagt sie. „Sie haben keinen Schulabschluss, keine Berufsausbildung. Ein Deutschkurs wäre möglich, aber nach EU-Richtlinien dürfen sie sowieso nur selbstständig arbeiten.

Für die 25-Jährige gibt es trotzdem eine gute Nachricht. Sie hat sich eine neue Jacke gekauft und führt sie den anderen vor. Diese ist so gar nicht aufreizend, aber dafür schön warm. Immerhin stehen die Frauen den ganzen Tag draußen.

 
 

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