Zeitreise in Dortmunds alten Kommando-Bunker

Eingang zum Bunker an der Ruhrallee in Dortmund.
Eingang zum Bunker an der Ruhrallee in Dortmund.
Foto: Stefan Reinke
In unserer neuen Serie „Dortmund von unten“ stellen wir Ihnen die Stadt aus einer ungewohnten Perspektive vor. Uns interessieren die verborgenen Schätze: Keller, Tunnel, verborgene Gewölbe, Bunkeranlagen oder Stollen.

Dortmund. Der Weg in die Vergangenheit beginnt mit einem lauten Knall. Liberto Balaguer dreht an einem großen Rad, langsam schwingt die schwere, grüne Stahltür auf. Die Tür befindet sich am Ende eines etwa 20 Meter langen und zwei Meter breiten, leicht nach unten abfallenden Ganges. Ein Schritt durch die Tür führt in die Vergangenheit, rund 40 Jahre zurück.

Der erste Eindruck: Hier, sechs Meter unter der Erde, riecht es feucht und nach Schimmel. Neonröhren flackern, es wird hell. Im Notfall hätte der erste Weg gleich durch eine Holztür auf der rechten Seite geführt – in die Dekontaminations-Kammer. Die entpuppt sich als schlichte Dusche, immerhin mit Durchlauferhitzern für Warmwasser. Ob die heiße Dusche indes wirklich im Falle eines Atomschlags gereicht hätte, darf bezweifelt werden. Aber sie hat vermutlich allen, die hier im Bunker an der Ruhrallee ausgeharrt hätten, ein gutes Gefühl gegeben.

Liberto Balaguer führt gerne Besucher durch den Bunker. Er ist Pressesprecher der Grundstücks-Entwicklungsgesellschaft „Südtribüne“, die über dem Bunker an der Ruhrallee ein luxuriöses Haus mit Lofts und freiem Blick über Dortmund bauen möchte. Ein Investor, der die veranschlagten elf Millionen Euro aufbringen möchte, wird noch gesucht. „Interesse ist vorhanden“ sagt der Sprecher.

Luxus-Wohnungen sollen auf dem Bunker entstehen

Im Jahr 2011 wurde der Architekt Norbert Post auf den Bunker aufmerksam und kaufte die gut erhaltene Anlage der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ab. „Er ist seiner eigenen Kreativität auf den Leim gegangen“, so Balaguer. „Aus diesem Bunker müssen wir was machen“, habe Post beim Kauf gedacht. Die Idee: Oben Luxus, unten Geschichte und Kultur. Ab Frühjahr 2013 soll es Führungen durch den Bunker geben, außerdem ist geplant „Kunst, Fußball und Kultur zusammenzubringen“, erklärt Balaguer.

Während über der Erde die Wohnträume der Zukunft wachsen, steht unten die Zeit still. Auf rund 1500 Quadratmetern Nutzfläche befand sich hier im dem Zweiten Weltkrieg ein Befehlsbunker. Während des Krieges wurde von hier der Luftschutz Dortmunds befehligt. Im Kalten Krieg diente die Anlage mit ihren 56 Räumen als Leitstelle für den Katastrophenschutz. 1992 fand die letzte Übung statt, danach dämmerte den Verantwortlichen, dass es so schnell nicht zu einem Gas- oder Atomangriff kommen wird. Seitdem liegt die Anlage brach. „Der Bunker ist während des Krieges nicht als Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung genutzt worden“, erklärt Balaguer. Auch während der späteren Nutzung sei die Anlage nur für den Stab des Katastrophenschutzes, also Bürgermeister und verschiedene Behördenleiter, zugänglich gewesen. „Deren Angehörige mussten auch draußen bleiben“, sagt Balaguer.

Wochenlang unter der Erde

Eine beklemmende Vorstellung. Der Aufenthalt im Bunker hätte mehrere Wochen oder gar Monate dauern müssen. „Ich kann mir nicht mal vorstellen, mehrere Tage hier unten ausharren zu müssen“, gibt Balaguer zu. Er sei immer wieder froh, ans Tageslicht zu kommen, „es ist eine bedrückende Atmosphäre, wenn man sich vorstellt, wie die Leute hier hätten leben müssen.“ Große, schwarze Wassertanks sollten die Bunkerbesatzung versorgen. Dazu gibt es einen Anschluss ans öffentliche Trinkwassernetz – bei einem Angriff mit Atom- oder Biowaffen nicht das, was man sich wünscht.

Die Kommunikationszentrale des Bunkers ist ein wahres Technik-Museum. Fernschreiber, alte, graue Telefone, Telefonanlagen mit Dutzenden Steckern und Buchsen. Hier hätte auch im Krieg das Fräulein vom Amt für die richtige Verbindung sorgen sollen. Im Ernstfall hätte hier hektische Betriebsamkeit geherrscht, jetzt ist alles gespenstisch verlassen und aus der Zeit gefallen. Im Führungsraum sieht alles so aus, als kehrte der Krisenstab jeden Moment an seine Plätze zurück.

Quaddelbildung durch Hautkampfstoff

An den Wänden hängen Karten der Region, auf dem riesigen Konferenztisch liegen Formulare, Einsatztagebücher. Die Sitzordnung ist genau festgeschrieben. Im Nachbarraum befinden sich Kommunikationsgeräte, noch mehr Landkarten. Auf einem Tisch liegt eine Kampfstoff-Wirkungsscheibe, mit der sich, quasi als Schnelltest, Symptome wie „Kratzen im Hals“, „Heiserkeit“ „Rötungen der haut“ oder „Bindehautentzündung“ verschiedenen chemischen Kampfstoffen wie Arsenwasserstoff, Blausäure, Sarin oder Chlorpikrin zuordnen lassen. So lässt sich ablesen, dass der Hautkampfstoff „N-Lost“ Brennen und Quaddelbildung auf der Haut auslöst, aber auch für Magen- und Darmkrämpfe sowie schweres Krankheitsgefühl verantwortlich ist.

Durch die Kantine geht es zum Schlafraum. 30 Schlafplätze in Etagenbetten, säuberlich aufgereiht. Jede Pritsche ist mit Gurten versehen, denn auf den schmalen Betten herrscht Absturzgefahr. Außerdem denkbar, dass die Gurte bei Panikattacken zum Fixieren von Menschen hätten genutzt werden können. Nicht gerade Hotelkomfort. 40 bis 50 Menschen hätten in dem Bunker weitgehend autark leben und arbeiten sollen. Liberto Balaguer zweifelt: „Das hätte nicht funktioniert.“

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