Unter Dortmund liegt die größte Luftschutzanlage der Welt

Stefan Reinke
Der Verlauf des Tiefstollens unter Dortmund.
Der Verlauf des Tiefstollens unter Dortmund.
Foto: Carina Maiwald
Dortmunds größtes Geheimnis befindet sich unter der City: eine Luftschutzanlage für zigtausend Menschen, verborgen hinter einer Mauer des Schweigens.

Dortmund. Kaum eine andere deutsche Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg so von alliierten Bombenangriffen heimgesucht wie der Kohle-, Stahl- und Logistikstandort Dortmund. Die Royal Air Force flog allein zwischen Mai 1943 und März 1945 insgesamt 105 Angriffe auf die Stadt. Offiziell kamen dabei 6341 Menschen ums Leben. Am 12. März 1945 warfen rund 1000 Flugzeuge binnen 50 Minuten eine Bombenlast von 4851 Tonnen über Dortmund ab — der größte Bombenangriff des gesamten Kriegs.

Die Nazis wussten um die Bedeutung Dortmunds als mögliches Ziel von Bombardements und trieben den Bau einer riesigen Anlage unter der City voran. Zeitzeugen berichten, bereits in den 1930er Jahren sei unter der Innenstadt gegraben worden — angeblich getarnt als U-Bahn-Bau. Mit dem großangelegten Bau von Luftschutzeinrichtungen begann die zuständige "Organisation Todt", eine militärisch strukturierte Bautruppe, benannt nach ihrem Führer Fritz Todt, jedoch erst in den 1940er Jahren.

Wahrscheinlich aber wurden die Arbeiten erst im Jahr 1942 begonnen. Das geht zumindest aus einem Gedächtnisprotokoll hervor, das im Auftrag der Stadt Dortmund am 1. August 1966 verfasst worden war. Zuvor waren in Dortmund schon andere Luftschutzanlagen errichtet worden, etwa der nach dem Krieg als Hotel genutzte Bunker vor der Westfalenhalle, mit dessen Bau bereits im Jahr 1938 begonnen wurde.

Aus dem Papier vom 1. August 1966 geht hervor, dass die zuständige Organisation Todt für den Bau "Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und später auch sogenannte Instandsetzungstrupps der örtlichen Luftschutzleitung" heranzog. Die technische Leitung oblag laut Papier der Tiefbau- und Bohrfirma Deilmann in Dortmund-Kurl. Die Stadtverwaltung um Oberbürgermeister Banike sei lediglich Erfüllungsgehilfin gewesen und habe keinen Einfluss auf den Bau der Anlage gehabt. Der zuständige Luftschutzleiter habe unbegrenzt Zugriff auf Reichsmittel gehabt, um die Arbeiten zu finanzieren.

Arbeiter wurden in einem Lager untergebracht

In einem Aktenvermerk vom 2. August 1943 wird festgehalten, dass "ab sofort" sämtliche Luftschutzbauarbeiten in Dortmund der Organisation Todt unterstellt werden. Ausländische Arbeiter sollten "im Verhältnis 10 Ausländer auf einen Deutschen" eingesetzt und in Lagern untergebracht werden. Die deutschen Arbeiter sollten dabei helfen, die ausländischen Kräfte im Lager zu überwachen, da sich das Lager jedoch in unmittelbarer Nähe der Baustelle im Westpark befand, wurde auf eine verpflichtende Unterbringung der Deutschen verzichtet.

Dortmund von unten80.000 bis 100.000 Menschen sollten in den gigantischen Katakomben Zuflucht finden. 19 Eingänge standen der Bevölkerung zur Verfügung, um bei Alarm in die Unterwelt zu fliehen. Der Haupteingang befand sich gegenüber des Hauptbahnhofs, an der Katharinentreppe. Allerdings lag die Treppe damals wohl noch ein ganzes Stück näher am Hauptbahnhof als heute. Die Topographie des Bereichs zwischen Bahnhof und Kampstraße wurde nach dem Krieg erheblich geändert. Der Straßenverlauf ebenfalls. So verlief die Straße "Königswall" bis zur Neugestaltung der City nicht etwa auf dem historischen Wall, sondern schräg von Nordosten nach Südwesten. Dort, wo heute der Königswall liegt, befand sich die Schmiedingstraße, die heute wiederum parallel zum Hellweg verläuft.

Auch die inzwischen abgerissenen alten Pavillons vor der Petrikirche standen auf einem Bunkereingang. Als sie abgerissen wurden, kam für kurze Zeit eine Treppe, die in den Untergrund führte, ans Tageslicht. Inzwischen ist dieser Eingang jedoch wieder fest verschlossen.

Ab und zu treten bei Bauarbeiten Bunkereingänge ans Licht

Auch bei der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes tat sich plötzlich ein Loch auf und gewährte Neugierigen einen Blick in Dortmunds unterirdische Vergangenheit. Doch auch dieses Loch ist längst gestopft. Ein weißer Kamin mit Lüftungsschlitzen, ungefähr vor der Bahnhofsbuchhandlung und unter der Treppe, die zu den Regionalzügen führt, steht jetzt auf dem Loch und sorgt für die nötige Be- und Entlüftung der Anlage.

Der Historiker Michael Foedrowitz ist einer der wenigen Menschen, die die Anlage nach dem Krieg besichtigen konnten. Ende der 90er Jahre drehte er dort eine Dokumentation mit dem Titel "Bunkerwelten". Er spricht von zwei nicht miteinander verbunden Systemen unter der Stadt. "Das ist die größte Anlage dieser Art in Europa", ist sich der Bunker-Experte sicher. Dr. Andreas Immenkamp, Oberkustos des LWL-Industriemuseums "Zeche Zollern", fügt sogar hinzu: "Außerhalb Europas wird es keine vergleichbare Anlage geben, da nie der Bedarf bestand, eine zu bauen." Ergo sei das Labyrinth unter der Stadt die weltweit größte zivile Luftschutzanlage.

Die Ausmaße sind in der Tat gigantisch. 4,8 Kilometer lang sind die Gänge und erstrecken sich verwinkelt und mit zahlreichen Nebentunneln in einer Tiefe von 3,50 Metern bis 17 Metern vom Westpark bis zum Probsteihof. "Einige der Räume sind Hallen", erklärt Foedrowitz. Diese sollten zweigeschossig ausgebaut werden, um noch mehr Menschen aufnehmen zu können.

Arbeiten am Tiefstollen endeten mit Kriegsende

Daraus wurde jedoch nichts, die Arbeiten an den Tunneln stoppten mit Kriegsende. Im Bereich des ehemaligen Körnerplatzes, das heutige Westentor, befindet sich eine solche unterirdische Halle. Dort in der Nähe liegt auch noch der einzige von außen einsehbare und erkennbare Eingang.

Der Ausbau der Tunnelabschnitte ist unterschiedlich weit fortgeschritten. "Für den Bau wurden ab 1943 Zwangsarbeiter herangezogen", erklärt Foedrowitz. Bei Fliegeralarm hätten die Bautrupps die Anlage verlassen müssen, bevor die Zivilbevölkerung in den Bunker strömte. Gearbeitet wurde bis Kriegsende. Augenzeugen, die wissen, wie es heute in dem Labyrinth aussieht, berichten, die jüngeren Stollen seien lediglich grob in den Fels geschlagen, während andere Teile des Gangsystems sauber mit betonierten Wänden ausgebaut seien.

Diskussion über Nutzung der alten Stollenanlage blieb ohne Ergebnis 

Um die tatsächliche Größe des unterirdischen Labyrinths ranken sich Gerüchte. In manchen Quellen heißt es, die Stollen hätten bis weit zu anderen Luftschutzsystemen in der Nordstadt gereicht. Dem war aber offenbar nicht so. Es gibt zwar Pläne, die einen weiteren Ausbau der Anlage vorsehen, doch wurden die nie realisiert. Unter anderem sollte etwa ein Wohnblock im westlichen Kreuzviertel an den Stollen angeschlossen werden. Die dortigen ungefähr 1930 erbauten Häuser waren im Keller zu Luftschutzzwecken alle miteinander verbunden.

Nach dem Krieg nutzten Diebesbanden die unterirdische Stadt als Versteck. Beim Wiederaufbau Dortmunds wurde immer mal wieder am Tiefstollen gearbeitet, um ihn zu sichern. „Die Anlage ist nicht mehr in ihrer historischen Form vorhanden“, erklärt jemand, der es wissen muss, aber anonym bleiben möchte.

Viele Teile seien inzwischen verfüllt, etwa unter der Stadt- und Landesbibliothek, die zusätzlich noch auf einer zwei Meter dicken Betonplatte steht, um den Druck von der Decke des unterirdischen Systems zu nehmen. In weiten Teilen wurden die Wände mit Wellblech verkleidet, "damit keine Schäden entstehen". Auch der Bau der U-Bahn habe Teile des Tunnelsystems zerstört. Die U-Bahn-Gleise zwischen den Stationen Kampstraße und Westentor verlaufen allerdings auf der Tunnelröhre.

Bunker-Eingang im Garten des Johannes-Hospitals

Insbesondere unter dem Westpark ist der Tiefstollen aber wohl noch weitgehend im Originalzustand erhalten geblieben. Von dort führte einer der Gänge in den Garten des Johannes-Hospitals, wo sich ein Eingang befand.

Immer wieder wurden Nutzungsmöglichkeiten für den Luftschutzbunker erwogen. In den 60er Jahren spielte die Anlage eine wichtige Rolle in den Zivilschutzplanungen der Stadt. Damals wurde noch in den Wiederaufbau zerstörter Eingangsbauwerke investiert — etwa im Bereich Wilhelmstraße und Möllerstraße. 1963 wurde sogar die Erweiterung des Stollens bis zu den städtischen Kliniken erwogen und "die Notwendigkeit der Schaffung von 18 neuen Stolleneingangsbauwerken" von der Stadt Dortmund "anerkannt", wie es in der Niederschrift einer Besprechung vom 17. Januar 1963 heißt.

In einem Dokument vom 26. Februar 1970 heißt es dann aber: "Durch Bombentreffer sind einige Teile des Tiefstollens beschädigt, und bei Nachkriegsarbeiten wurden an der Erdoberfläche die Überdeckungen teilweise erheblich gemindert. Aus der zivilschutztaktischen Sicht dürfte diese Anlage nach den heutigen Erkenntnissen nicht mehr den gedachten Zweck erfüllen." Die daraus folgende Empfehlung: Der Stollen sollte verfüllt oder gesichert werden. Statt auf den Tiefstollen als Bunkeranlage zu setzen, sollten "zehn Hoch- oder Tiefbunker auf Kosten des Bundes an anderen echten Brenn- oder Ballungspunkten" geplant und errichtet werden. Der Ausbau des Stollens sei auch wirtschaftlich nicht vertretbar.

"In den 80ern wurde eine Nutzung als Shopping-Mall erwogen", sagt Michael Foedrowitz. Der bislang letzte Versuch, die unterirdische Anlage einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, stammt aus dem Jahr 2008. Damals hatten Dortmund-Tourismus und Wirtschaftsförderung die Idee, das Tunnelsystem touristisch zu nutzen. Eine Machbarkeitsstudie sollte zeigen, was geht, und zeigte: nichts.

Dabei schreit die Anlage geradezu nach einer touristischen Nutzung. Wer schon einmal im "Imperial War Museum" in London war, weiß, wie anschaulich der Horror der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs dargestellt werden kann. Die Bunkeranlage könnte Mahnmal und Museum zugleich sein. In Berlin pilgern jährlich Zehntausende in die vom Verein "Berliner Unterwelten", für den auch Bunker-Experte Michael Foedrowitz tätig ist, unterhaltenen Bunker, Flaktürme oder Tunnelsysteme. Fragt sich jedoch, ob Touristen nach Dortmund reisen würden, nur um einen Bunker zu besichtigen.

Wissenschaftler: "Die Anlage ist ein Kulturdenkmal"

Darüber hinaus müsste die Anlage aufwendig umgestaltet werden. Zugänge müssten reaktiviert oder neugebaut werden. Der Brandschutz müsste gewährleistet werden. Die Luftfeuchtigkeit im Tiefstollen beträgt zwischen 80 und 90 Prozent, die Temperatur rund 13 Grad — der sichere Tod für empfindliche Exponate. Die Anlage komplett zu lüften und zu entfeuchten wäre eine Lebensaufgabe und kaum bezahlbar.

Andreas Immenkamp, der für das Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe eine Ausstellung über Dortmunds Unterwelten plant (Titel: Die zweite Stadt) schüttelt da nur den Kopf und fordert, die Anlage für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen: "Das ist ein Kulturdenkmal", so der Wissenschaftler mit leicht verzweifeltem Unterton in der Stimme.

Niemand will für Dortmunds Katakomben zuständig sein 

Doch bevor Nutzungspläne überhaupt reifen können, müsste erst einmal jemand hinab ins Labyrinth steigen und schauen, was dort vielleicht möglich sein könnte. Oberirdisch muss man sich die Informationen über die Dortmunder Katakomben mühsam zusammenklauben, etwa im Stadtarchiv. Doch auch dort lagern ausschließlich Nachkriegsakten, denn beim Einmarsch der Amerikaner vernichtete der Nazi-Bautrupp die Baupläne. Hinzu kommt, dass sich um das Tunnelsystem ein Wirrwarr aus Zuständigkeiten und Besitzverhältnissen rankt. Seit die Anlage in den 90er Jahren aus der Zivilschutzbindung entlassen wurde, sind die Besitz- und Zuständigkeitsverhältnisse ein kaum zu durchschauendes Dickicht. Ganz zu schweigen von Haftungsfragen, falls einem Besucher dort unten etwas passieren sollte.

Die Stadt wiegelt ab und verweist darauf, dass das Bundesvermögensamt als Immobilienverwalter des Bundes die Anlage vom Dritten Reich quasi geerbt habe. Die zuständige Stelle des Bundesvermögensamts heißt inzwischen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und verkauft unter anderem Bunker. Aber nicht den unter Dortmund.

Bund weist Zuständigkeit von sich

Der, so heißt es seitens der BImA, gehöre nicht dem Bund, sondern allen Eigentümern, denen Grundstücke gehören, unter denen Teile der Anlage verlaufen (der größte Teil liegt unter städtischem Grund, gehört also doch der Stadt). Oder in Behördendeutsch ausgedrückt:

"Die Aufgabe der BImA beschränkt sich gemäß dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz (AKG) auf die Beseitigung von Gefahren für Leben und Gesundheit von Menschen, soweit sie von dieser ehem. Luftschutzanlage ausgehen. Ausschließlich in diesem Zusammenhang unterliegt die Anlage der Kontrolle der BImA bzw. der für sie tätigen bergtechnischen Sachverständigen.

Auch der BImA wird durch den jeweiligen Grundstückseigentümer lediglich ein Betretungsrecht für erforderliche Kontrollbefahrungen eingeräumt. Hieraus folgt, dass die BImA nicht berechtigt ist, Betretungsrechte interessierten Dritten einzuräumen. Es sind somit ausschließlich die jeweiligen Eigentümer der Grundstücke befugt, die von Ihnen gewünschte Betretungserlaubnis zu erteilen."

Dann müsste es ja relativ einfach sein: Die Stadt Dortmund um Erlaubnis fragen (der gehört der größte Teil der Anlage), die Teile des Tiefstollens, die unter städtischem Besitz liegen, betreten zu dürfen — und schon schließt der von der BIMA bestellte Sachverständige die Tür auf.

Nein, denn:

Allerdings sei darauf verwiesen, dass wegen der Gefährdungslage die Stollen im Rahmen der Kontrollen ausschließlich vom bergtechnischen Sachverständigen und geeignetem Fachpersonal betreten werden.

Mit anderen Worten: Selbst wenn man rein darf, kommt man nicht rein, weil man nicht rein dürfen soll.

Experte vermutet: "Da soll keiner rein."

Jemand, der sich mit der Historie der Anlage auskennt, weiß um das Kompetenzgerangel. Die BImA bestätigt, dass es einen Erlass des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2007 gibt, der es verbietet, "Informationen über den Stollen, die bei allgemeinem Bekanntwerden die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden können", herauszugeben.

"Da kommt nicht mal OB Sierau rein", sagt auch ein Mitglied der Bezirksvertretung Innenstadt-West, unter deren Zuständigkeitsgebiet der Stollen verläuft. Offenbar fällt der Bunker wegen seiner Einzigartigkeit in eine Nische, die nicht gesetzlich geregelt ist. Es ist nicht einmal klar, ob die Grundstückseigentümer, denen der Bunker laut Auskunft der BImA gehört, überhaupt befugt wären, einen wie auch immer gearteten Zugang zu "ihrem" Abschnitt des Stollens herzustellen.

Auch wurden wohl noch keine Versuche unternommen, die Anlage unter Denkmalschutz zu stellen. "Die Stadt hat wohl Angst, mit ins Boot geholt zu werden", heißt es. Die Grundstückseigentümer über dem Stollen wissen laut BImA um die Existenz der Anlage unter ihren Häusern: "Soweit die Anlage unter privaten Grundstücken verläuft, werden die Grundstückseigentümer über die Anlage informiert — insbesondere dann, wenn Maßnahmen der Sicherung in dem in ihrem Grundstück verlaufenden Stollenabschnitt erforderlich werden."

Kosten für Instandhaltung des Tiefstollens zahlt der Bund

Dabei betreibt die BImA durchaus einigen Aufwand, um das historische Bauwerk in Schuss zu halten. Jährlich kontrolliert ein Mitarbeiter des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW im Auftrag der BImA die Anlage, überprüft die Standsicherheit und meldet etwaige vom Tunnel ausgehende Gefahren. Diese würden dann auf Kosten der BImA beseitigt. In der Anlage selbst sorgen Pumpen dafür, dass das System nicht absäuft. Die Stromkosten für diese Pumpen betragen jährlich rund 1800 Euro (Stand: Jahr 2012), so ein BImA-Sprecher auf Anfrage. Außerdem fielen 3700 Euro für den Austausch von Pumpen an. Gelegentlich müssen darüber hinaus Schlösser an den noch vorhandenen Eingängen zur Unterwelt ausgetauscht werden — denn immer mal wieder versuchen Abenteurer illegal in das Stollensystem einzudringen.

Das ist die einzige Möglichkeit, Dortmunds Unterwelt zu erkunden. Davon allerdings ist dringend abzuraten, denn der Tiefstollen gleicht einem Labyrinth — völlig unbeleuchtet und schon nach wenigen Schritten stockdunkel. Außerdem besteht immer die Gefahr, dass Faulgase in der Luft liegen. So kann der einst lebensrettende Bunker zur Todesfalle werden.

WR-Bericht: Schweigen um das "Labyrinth der Angst" 

In den Medien ist nur sporadisch über den Tiefstollen berichtet worden. Die Westfälische Rundschau beschäftigte sich in ihrer Ausgabe vom 13./14. Mai 1961 in einem größeren Artikel mit dem Tiefstollen unter Dortmund. Unter der Überschrift "Schweigen um das 'Labyrinth der Angst'" fasste die Zeitung schon damals die unklare Situation um Dortmunds Katakomben zusammen.

Der Artikel aus der Westfälischen Rundschau:

In irgendeinem Aktenschrank des Tiefbauamtes verstaubt eine Karte, irgendwo bei der Stadtverwaltung hängt ein vielgezackter Schlüssel, von dem kaum ein Beamter weiß, welches Schloss er drehen soll: Karte und Schlüssel führen in Dortmunds Katakomben, in das weitverzweigte und kilometerlange Labyrinth der Luftschutzstollen direkt unter den Häusern und Straßen der Innenstadt. Die Eingänge sind inzwischen verschüttet. Nur zweimal wagten sich nach dem Kriege Männer in die feuchtdumpfe, nachtschwarze Tiefe.

Keine Behörde will von diesem riesigen Stollensystem etwas wissen. Das Thema ist von einem geheimnisvollen Tabu umgeben. "Wissen Sie, man spricht besser nicht darüber", winkt ein Beamter des städtischen Amtes für zivilen Bevölkerungsschutz ab. "Wer sich um diesen Bunker kümmert, muss auch für seine Unterhaltung bezahlen..."

Und so wachsen in den weiten, dunklen Hallen Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr die Stalaktite. Unaufhörlich tropft das Wasser von den gewölbten Decken. Bizzarre Tropfsteingebilde wachsen aufeinander zu. Meterlang! Kein Dortmunder brauchte in die Hönnetaler Höhlen zu fahren, wenn die Stadt den Bunker zur Besichtigung freigeben würde. Fast wäre er eine Fremdenverkehrsattraktion.

Juristen streiten über die Zuständigkeit

Doch niemand kümmert sich um diese künstlichen Tropfsteinhöhlen, die einstmals Bautrupps der Organisation Todt in die Felsen wühlten, um 150.000 Menschen sicheren Schutz vor dem Glutatem der Bombennächte zu geben. Heute streiten sich die Juristen darüber, wer denn eigentlich dazu verpflichtet ist, das "Labyrinth der Angst" in Ordnung zu halten. Verständlicherweise reißen sich weder die Stadt Dortmund noch die Bundesvermögensverwaltung um diese Aufgabe. Luftschutzortsleiter Cornelius hingegen würde das Stollensystem gern wieder herrichten lassen. "Bessere Luftschutzräume finden wir ja überhaupt nicht", sagt er. "Und die Instandsetzung wäre billiger als der Bau neuer Bunker."

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Ganz gleich, wem die Pflicht obliegt, Dortmunds "Unterwelt" zu pflegen, hier muss bald etwas geschehen. Wasser sickert durch die gewölbten Decken der früheren Luftschutzhallen, obwohl die Betonwandung ja eigentlich keine Feuchtigkeit durchlassen dürfte. Streckenweise erhielten die Stollen überhaupt keinen Ausbau. Die Gefahr, dass die unterirdischen Gewölbe zusammenbrechen, droht täglich. Wer das Tabu um den Bunker errichtete, sollte bedenken, dass Häuser und Straßen nach 1945 über diesem Zufluchtsort gebaut wurden.

Statiker verheißen dem Bunker keine lange Lebensdauer

Da der Bunker in den Umlegungsplänen für den Wiederaufbau nicht berücksichtigt worden ist, haben viele Architekten "auf Sand" gebaut. Nur in Einzelfällen sorgten ortskundige Statiker für Sicherungsmaßnahmen. So ist zum Beispiel das Fundament des Brügelmannhauses am Königswall mit Seitenstützen ausgerüstet. Es leuchtet nicht ganz ein, warum es von dem Kriegsbauprojekt "Bunker" nur einen einzigen und dazu noch ungenauen Plan gibt. Da Statiker den Dortmunder Katakomben keine lange Lebensdauer verheißen, wäre es an der Zeit, in jeder Beziehung neue Pläne zu machen.

Es gibt wahrscheinlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder werden die Stollen und Gänge wie beim Bergbau verfüllt oder man baut weiter aus. Vielleicht lassen sich hier sogar unterirdische Parkplätze anlegen. Die vor Jahresfrist noch heftig diskutierten U-Bahn-Pläne sind anscheinend völlig verstaubt.

Die Bundesvermögensverwaltung, die das Eigentum des ehemaligen Deutschen Reiches übernahm, scheint nur an des Reiches lukrativen Überresten interessiert zu sein. Den Bunker jedenfalls möchte sie gern verschenken. Doch die Stadt lehnt dankend ab. Die Unterhaltungspflicht würde Millionen verschlingen.

Es hat sich wenig geändert

Die Ernüchternde Erkenntnis: Zwischen 1961 und 2013 hat sich in Sachen Zuständigkeit für den Bunker nichts geändert — oder die Situation ist noch verfahrener geworden.

WR-Bericht: Polizei stoppte "Unterweltforscher" 

Am 8. August 2000 berichtete die Westfälische Rundschau über eine Gruppe Menschen, die auf illegalem Wege in den Tiefstollen gestiegen war und dabei von Anwohnern beobachtet wurde. Verbunden war der Artikel mit einem Hintergrundbericht.

Hier der WR-Text vom 8. August 2000

(DBV) Gefährlicher "Forscherdrang" hat für acht Dortmunder im Alter zwischen 18 und 39 Jahren empfindliche Folgen: Gegen alle ist ein Strafantrag wegen Hausfriedensbruches unterwegs.

Der Hintergrund: Die Gruppe wurde in der Nacht zum Montag im unterirdischen Stollensystem der Innenstadt erwischt. Sie war dort offenbar auf Abenteuerjagd und hatte angeblich auch filmen wollen.

Ein zeuge alarmierte gegen 23 Uhr am Sonntag die Polizei, weil er beobachtet hatte, wie mehrere Personen im Bereich des Königswalls, unweit des Bahnhofs, einen schweren Gullydeckel aushoben und in die vermeintliche Abwasseranlage absteigen wollten.

Polizeibeamte entdeckten zunächst zwei Männer (18 und 21 Jahre), die gerade dabei waren, "unterzutauchen". Weitere Personen, die bereits "abgetaucht" waren, reagierten aus die Aufforderung, sofort wieder aufzutauchen, nicht.

Bei der Schachtanlage handelt es sich um ein weitläufiges Tunnelsystem zu Luftschutzzwecken, gebaut vor und während des Zweiten Weltkriegs. Da Gefahren für Leib und Leben in dem unübersichtlichen Gangsystem nicht auszuschließen waren, wurden die Feuerwehr und weitere Polizei an den Tatort gerufen.

Nach gelungenem Telefonkontakt per Handy stiegen gegen 1 Uhr drei Männer und eine Frau aus der Schachtanlage auf. Gegen 2.05 Uhr konnten die Beamten zwei weitere Männer (28 und 39 Jahre) nach Aufbruch eines Gatters im Bereich Lange-/Möllerstraße aus dem unterirdischen System herausholen.

Man habe sich für das Tunnelsystem aus der Nazizeit interessiert, gaben die Gruppe an. Alle Personalien wurden festgestellt.

In den stockfinsteren Stollen verliert jeder die Orientierung

Vier Kilometer lang sind die Tiefstollen unter Straßen und Häusern der Innenstadt — vom Hauptbahnhof bis zum Westpark. Die Stollen wurden zumeist in den späten dreißiger Jahren ins Erdreich vorgetrieben — von vornherein als Schutzssystem für Kriegszeiten gedacht.

Schon in den ersten Jahren der Nazizeit wurde mit dem Bau begonnen, als die Bevölkerung nichts vom Zweiten Weltkrieg ahnen konnte und schon gar nichts von den späteren Bombenteppichen, vor denen sie ab 1942 in die Stollen flüchtete.

Nach Auskunft von Bernd Struck von der Feuerwehrliegen die Stollen zwischen 12 und 16 Meter unter der Straßenoberfläche. Sie sind 2,30 Meter breit, 2,40 Meter hoch und stockfinster. Struck: "Niemand kann dort die Hand vor Augen sehen. UNd wer sich nicht auskennt, verliert schnell jede Vorstellung von Raum und Zeit, weiß nicht mehr, wo er sich befindet und deshalb auch nicht, wie er wieder ans Tageslicht kommen soll."

Auf Befehl von Fritz Todt (1891 - 1942), Nationalsozialist, Erbauer der Autobahnen und des Westwalls, wurden in den Städten Tunnelsysteme angelegt. "Durch Fremdarbeiter und Kriegsgefangene unter unmenschlichen Bedingungen ins Erdreich getrieben", empört sich noch heute Bernd Struck. Die unmenschliche Knochenarbeit hätten die meisten mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Das Bundesvermögensamt und das Staatliche Bauamt sind für die unterirdischen Anlagen ebenso zuständig wie für alle Bunkeranlagen. Struck: "In regelmäßigen Abständen wird das Tiefstollensystem kontrolliert." Er meint, es sei erstaunlich, "dass die jungen Leute ins unterirdische System eindringen konnten. Denn es gibt nur wenige, der Bevölkerung unbekannte und verschlossene Einstiege. Nur zwei Schlüssel sind vorhanden. Einen davon habe ich."

Allerdings: Es gibt einige wenige Zugänge, die aussehen wie die Zugänge zum Abwassersystem und auch wie bei einem Kanal mit Deckeln gesichert sind. Einer davon war der Gruppe offenbar bekannt. Struck warnt davor, sich auf das Abenteuer einer unterirdischen Expedition einzulassen.