Kunst im alten Bunker der Hoesch-Direktoren

Stefan Reinke
Der Tullbunker in Dortmund-Hörde diente den Hoesch-Direktoren als Schutz vor den Bombenangriffen der Alliierten.
Der Tullbunker in Dortmund-Hörde diente den Hoesch-Direktoren als Schutz vor den Bombenangriffen der Alliierten.
Foto: Stefan Reinke
Der Tullbunker in Dortmund-Hörde bot im Zweiten Weltkrieg den Direktoren des Phoenix-Werks Schutz vor dem alliierten Bombenhagel. Heute nutzt der Besitzer des Bauwerks den unterirdischen Stollen für Kunstausstellungen.

Dortmund. Eng muss es gewesen sein im Bunker an der Tullstraße. Die kleine unterirdische Anlage befindet sich am Ende der kurzen Stichstraße in Dortmund-Hörde. Hier stehen die alten Villen der Direktoren des Hoesch-Werks. Glücklicherweise blieben viele der Häuser von den Bombenangriffen der Alliierten verschont, obwohl auch der Dortmunder Süden eines der Hauptziele des großen Flächenbombardements am 12. März 1945 war. In eines der Häuser schlug zwar eine Bombe ein, explodierte aber nicht, sodass die Jugendstilfassade noch heute steht.

135 Menschen fanden Schutz in dem Bunker, Direktoren und ihre Familien. Die restliche Bevölkerung Hördes, auch in der Tullstraße, musste in den Luftschutzkellern ihrer Häuser Zuflucht finden. Oder in dem Hochbunker an der Faßstraße. So war der unterirdische Bunker im Hinterhof der mächtigen Villa von Hoesch-Direktor Matthias Tull eine Art Luxus-Unterschlupf, auch wenn es in sechs Metern Tiefe alles andere als bequem gewesen sein muss, wenn oben die Bomben einschlugen.

Dicht an dicht ausharren im Bombenhagel

Die 135 Sitzplätze waren dicht an dicht montiert. Heute zeugen in dem kleinen unterirdischen Labyrinth nur noch Reste der Aufhängung und Nummern an den Wänden von der Enge. Für lange Aufenthalte war der Bunker nicht ausgelegt. So gab es etwa keine Sanitären Einrichtungen.

An der Erdoberfläche weisen zwei mächtige kegelförmige Betonklötze und ein dick gemauerter Luftschaft auf die Existenz des Bunkers hin. Die Betonkegel dienen als Zugänge. Über steile Treppen geht es in die Tiefe. Der Architekt Richard Schmalöer besitzt den Schlüssel zum Bunker. Er hat das Bauwerk 1999 gekauft. "Das Grundstück gab es fast geschenkt", erinnert er sich. ThyssenKrupp wollte den Bunker unbedingt loswerden. Schmalöer und seine Frau Anna griffen zu und kauften das Objekt in ihrer Nachbarschaft. "Das war Abenteuerlust", erklärt Richard Schmalöer. Schließlich habe nicht jeder einen eigenen Bunker.

Mit Kerze auf gefährlicher Entdeckungstour

Jetzt besaß er einen Bunker und wusste irgendwie noch nicht so recht, was er mit dem unterirdischen Bauwerk anstellen sollte. Zumal auch noch unklar war, was da in der Tiefe lauerte. Mit Hammer und Meißel legte Familie Schmalöer die zugemauerten Eingänge frei und ging auf Entdeckungstour. "Wir sind da ganz unbedarft mit einer Kerze hinabgestiegen", erinnert sich der Architekt. Heute weiß er, dass das ein durchaus gefährliches Unterfangen war, denn in Bunkern können sich explosive Gase ansammeln. Schmalöers hatten Glück und eroberten sich nach und nach den Bunker. Sie beseitigten Bauschutt, legten Stromleitungen und installierten Leuchten. "In der Anfangszeit nutzten wir den Bunker für Kindergeburtstage und erzählten Gruselgeschichten", weiß Schmalöer die gute Schalldämpfung der Anlage zu schätzen.

Dann kam Schmalöer die Idee, den Raum für Kunstaustellungen zu nutzen. Eher aus der Not heraus. Bedingt durch einen Umzug fehlte dem Kunstliebhaber ein Raum für eine bereits zugesagte Ausstellung. Kurzerhand bot er den Bunker an, die Künstlerin willigte ein - und das Projekt "Kunst.unterirdisch" war geboren. Seitdem veranstalten die Schmalöers regelmäßig Ausstellungen in dem Objekt. In einem Nebenraum sprengte ein Künstler mit Dynamit Farbe an die Wände. Das Ergebnis sind bunt gesprenkelte Wände, die einen farbenfrohen Kontrast zum sonstigen Bunker-Ambiente darstellen. Denn trotz künstlerischer Nutzung hat der Bunker nichts von seinem bedrückenden Charme verloren. Den Künstlern bietet gerade das viele Möglichkeiten zur Entfaltung.

Ab 21. Juni 2013 Lichtkunst und Konzerte im Bunker

Ab 21. Juni wird Schmalöer eine Lichtkunst-Ausstellung in seinem Bunker eröffnen. Flankiert wird die Lichtkunst von einem Musikprogramm im Rahmen der Momenta-Konzertreihe. Dann wird sich zeigen, was die Akustik des Bunkers taugt. In kleinen Gruppen wird Architekt Schmalöer dann seine Gäste unter Tage führen.