Stadt hatte frühe Gift-Hinweise

Klaus Brandt
Das Umweltamt wusste seit September 2008 von illegalen Aktivitäten bei der Giftfirma Envio. Foto: Rottmann
Das Umweltamt wusste seit September 2008 von illegalen Aktivitäten bei der Giftfirma Envio. Foto: Rottmann
Foto: WR RALF ROTTMANN

Dortmund. Die Stadt weiß seit knapp zwei Jahren von den gefährlichen Vorgängen im Hause Envio. „Illegale Aktivitäten der Firma Envio, Kanalstraße 25“ – so lautet die Betreff-Zeile einer Zuschrift, die am 11. September 2008 beim Umweltamt einging. Damals bekam die Behörde ganz gezielte Hinweise auf konkrete Gefahren, die Menschen und Umwelt drohten. Sie gab den Vorgang weiter an die Bezirksregierung.

Der Informant: offenbar ein Insider. Das fahrlässige und vorsätzliche Treiben hinter dem Envio-Werkstor schilderte er bis ins kleinste Detail. Auf zwei DIN A 4-Seiten offenbarte der Mann erstaunliches Hintergrundwissen. Die hochgradig verseuchten – weil mit PCB durchsetztem Bindemittel angelieferten – Transformatoren aus der Untertage-Sondermülldeponie in Herfa-Neurode kannte er ebenso genau wie die Schwachstellen der Envio-Haustechnik. Entsprechend konkret listete er die Verstöße gegen Auflagen und Genehmigungen auf, wies auf die Gesundheitsgefahren für Mitarbeiter hin. Das Umweltamt informierte Arnsberg per E-Mail über die Zuschrift und heftete den Vorgang ab.

Kleinere Brände, geöffnete Tore

Mit weiteren Tipps lief es ähnlich. Am 14. Januar dieses Jahres meldete Heinrich Bornkessel vom Umweltamt „zwei Hinweise bezüglich möglicher Verursacher“ des PCB-Skandals. Zum einen hatte ein Ranger des Umweltamtes „häufiger kleinere Brände auf dem Gelände der Firma Hittmeyer beobachtet, die wohl beim Schrottbrennen entstehen, aber immer schnell gelöscht werden“, wie Bornkessel protokollierte. Der andere Informant, ein ehemaliger ABB-Mann, sagte, „dass in Halle 55 Trafos bei geöffneten Toren demontiert wurden und ihm einiges auch unter Arbeitsschutzbedingungen nicht sauber vorgekommen sei“. Das Umweltamt gab auch diesen Tipp an Arnsberg weiter, nebst Name und Telefonnummer des Informanten. „Gehen Sie diesen Hinweisen doch bitte mal nach“, bat Bornkessel die Bezirksregierung.

Hinweise nach Arnsberg geleitet

Zwei Wochen später erreichte die Stadt ein weiterer Hinweis auf dubiose Envio-Praktiken. „Immer wenn die Aufsichtsbehörde einen Besuch angekündigt hat, wurde ein Großreinemachen durchgeführt“, gab diesmal ein Mitarbeiter zu Protokoll. Der Zustand, den die Giftfirma bei offiziellen Anlässen den Gästen vorzeige, „entspreche jedoch nicht dem Normalbetrieb“, notierte Bornkessel. Das Umweltamt gab auch diesen Vorgang unkommentiert an Arnsberg weiter – „an die zuständige Aufsichtsbehörde“, wie Stadtsprecher Udo Bullerdieck gestern sagte.

Die Linke im Rat befürchtete gestern, bei Envio werde wieder gearbeitet – „und das ohne Schutzkleidung“, wie besorgte Anwohner berichtet hätten. Die Bezirksregierung beruhigt. Eine Nachbarfirma „macht derzeit einen nicht PCB-haltigen Trafo transportfähig“, so Jörg A. Linden. Arnsberg überwache die Stilllegung. Auch die Sorge, Envio könne belastendes Material verschwinden lassen, sei unbegründet.