Sohn (3) von Envio-Mitarbeiter mit PCB vergiftet

Der Giftskandal rund um Envio in Dortmund: Diese dreiköpfige Familie wurde duch PCB in der Arbeitskleidung des Familienvaters vergiftet. WR-Bild: Ralf Rottmann
Der Giftskandal rund um Envio in Dortmund: Diese dreiköpfige Familie wurde duch PCB in der Arbeitskleidung des Familienvaters vergiftet. WR-Bild: Ralf Rottmann
Foto: Ralf Rottmann

Dortmund/Lünen. Ein dreijähriger Junge ist das jüngste Opfer des Umweltskandals um den stillgelegten Entsorger Envio. Nico (alle Namen von der Redaktion geändert) hat PCB im Blut, ein Gift, das Krebs auslösen kann. Sein Vater hat es mit nach Hause gebracht – ahnungslos. Auch die Mutter ist vergiftet. Die Westfälische Rundschau stieß bei einer Akteneinsicht im Landesumweltamt auf den Fall. Die Stadt Dortmund ging damit nicht an die Öffentlichkeit. Das Protokoll eines Familiendramas.

Die Schneiders aus Lünen. Kerstin (26) hilft in einer Arztpraxis. Martin (28) ist Schweißer, Leiharbeiter beim PCB-Entsorger Envio im Dortmunder Hafen. Ein dreckiger Knochenjob. „Ich bin zwischen alten Rohrleitungen rumgekrochen. Da war Staub ohne Ende“, erinnert er sich. Arbeitskleidung wird nicht gestellt, weder von Envio, noch von der Zeitarbeitsfirma. Also trägt er eigene Sachen. „Die klebten und stanken schon nach einem Tag erbärmlich.“ Wenn seine Frau die Montur in der Waschküche auspackt, steht sie in einer Nebelwolke. Dass es giftiger Nebel ist, weiß sie nicht. Und denkt sich deshalb nichts dabei, die Sachen des Sohnes mit in die Trommel zu werfen: Nicos Unterwäsche, seine T-Shirts, Pullis, Schlafanzüge.

Die böse Ahnung bricht am Abend des 26. Juni herein. Auf einer Envio-Betriebsversammlung erfährt Martin Schneider, dass sein Körper mit PCB verseucht ist. Ein Giftwert liegt 300-fach über der Norm. „Die Wäsche!“ schießt es seiner Frau durch den Kopf. „Mein Gott, Nico...“ Sofort ruft der Vater beim Gesundheitsamt an, bittet um einen Bluttest für Frau und Sohn – und wird abgewimmelt. Der Mann am anderen Ende sieht „keine Veranlassung dazu“. Als die WR sich einschaltet, klingt das anders. Eine Untersuchung der Restfamilie sei „zweifelsohne Pflicht“, meint Amtsleiterin Dr. Annette Düsterhaus.

Tapfer bei der Blutabnahme

Eine Woche darauf: Blutabnahme. Nico ist tapfer. Neun Tage später braucht seine Mutter all ihren Mut. Die Befunde sind da. Sie fallen nicht gut aus. „Alle Alpträume werden wahr“, denkt Kerstin, als sie erkennt: „Auch wir sind vergiftet, Nico noch schwerer als ich.“ Bei vier PCB-Verbindungen liegt er über den Referenzwerten. Eine Zahl macht besonders Angst: die hohe Konzentration von PCB 118, einem dioxinähnlichen Gift. 0,31Mikrogramm davon hat Nico in jedem Liter Blut, fast soviel wie einige Envio-Arbeiter. Eine Riesenmenge für einen Zwerg. Was es für ihn bedeutet, weiß niemand. Es gibt keine Richtwerte für Dreijährige.

„Die Konzentration ist auffällig hoch“, sagt Knut Rauchfuss, Arzt im Landesumweltamt. Und: „Die Belastung ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass sie von Envio stammt.“ Das weiß die verzweifelte Familie. Mehr erfährt sie nicht. Unwissen kann ein Nervengift sein. Es wirkt schon. Das junge Paar ist wie gelähmt. „Nichts ist mehr so, wie es war. Du schläfst damit ein und wachst damit auf“, sagt Kerstin Schneider. „Dein Kopf wird krank. Nur Gedanken. Mein Vater ist gestorben, mein Mann krank, mein Kind auch. Wen verliere ich jetzt?“ Martin nimmt sie oft in den Arm. Wenn er nicht selbst eine Schulter braucht. Wie sehr er leidet, verrät seine Frau: „Ich kann nicht darüber reden, wenn mein Mann sagt, dass er stirbt…“

Wut wegen Schweigen

Wut kommt hoch, wenn sie an die Stadt denkt. Dass sie die Vergiftung des Dreijährigen verschwieg, schürt Misstrauen. Das Gesundheitsamt beruft sich auf den Datenschutz. „Wir hätten die Ergebnisse später nach außen kommuniziert, sobald die Leute nicht mehr zu entschlüsseln wären“, sagt Verwaltungsleiter Holger Kessling. „Andere Eltern wollen doch auch wissen, welche Gefahren ihren Kindern drohen“, kontert Kerstin Schneider und sieht sich bestätigt: „Sie spielen alles herunter, wie damals.“

Das Schreiben, mit dem die Stadt die Blutwerte übermittelte – ein Standardtext, gleiche Worthülsen für alle, juristisch abgeklopfte Redewendungen: „…leicht erhöhte PCB-Werte…keine Auswirkungen auf Ihre Gesundheit…Befunde gut aufbewahren…“ Nein, diesem Amt glauben sie nichts mehr. „Die hätten uns doch gar nicht untersucht. Dann wäre Nico vielleicht todkrank geworden und keiner hätte geahnt, dass…“ – zu Ende spricht die Mutter den Satz nicht.

„Diffuse Ängste“

„Wir wollen nur die Wahrheit wissen“, sagt sie. Nächste Woche könnte sie ihr ein Stück näher kommen. Dann stehen Dioxin- und Furanuntersuchung im Uniklinikum Aachen an – für alle Drei. Prof. Dr. Thomas Kraus weiß, was auf ihn zukommt. „Diese Menschen haben diffuse Ängste. Sie wissen nicht, was kommt“, sagt der Chef des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin. „Jede Information hilft da weiter.“ Eine medizinische Prognose sei erst nach intensiven Tests möglich.

Das Warten frisst Nerven. Es kann Jahrzehnte dauern. Ende offen. „Man sieht das Leben mit anderen Augen. Wir genießen jetzt viel mehr“, sagt Kerstin Schneider und wünscht sich nur, „dass alles gut wird“. Noch einer Familie wünscht sie etwas: „den Neuperts“. Dr. Dirk Neupert ist Chef der Giftfirma Envio, die Menschen und Umwelt verseucht hat. „Er hat eine Tochter, die wahrscheinlich gesund ist. Vielleicht versetzt er sich mal in unsere Lage. Vielleicht denkt er danach mehr an Menschen als an Geld.“