Sierau nennt Ruhr.2010 ein "Erweckungsereignis"

Nadine Albach
Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist begeistert von Kultur. Bild: Ralf Rottmann
Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist begeistert von Kultur. Bild: Ralf Rottmann
Foto: Ralf Rottmann

Dortmund. Kulturhauptstadt – mit diesem Titel kann sich das Ruhrgebiet nur noch wenige Tage schmücken. Zeit, Bilanz zu ziehen. Nadine Albach sprach mit OB Ullrich Sierau über seine Eindrücke 2010, die Kosten für das Dortmunder U und die Perspektiven für 2011.

Was sind die drei wichtigsten Eindrücke, die Sie von der Kulturhauptstadt 2010 mitnehmen?

Schwierig, nur auf drei zu kommen. Für mich persönlich gehört das Still-Leben dazu - ein Volksfest der besseren Art. An zweiter Stelle war Schachtzeichen: Gelbe Ballone über schwarzen Zechen, was eine gewisse Affinität zum BVB hat, unter einem blau-weißen Himmel – Schalke 04 – das war schon was. Vor allem hat es deutlich gemacht, dass die Kulturhauptstadt bei den Menschen angekommen ist. Drittens war das „school motions“-Projekt des Balletts für mich ein emotionaler Höhepunkt: Schüler, die sonst kaum mit Tanz zu tun hatten, konnten ihr kulturelles Potenzial entdecken und viel Bestätigung mitnehmen. Ein unglaublicher Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung.

Das U als Star

Und das Dortmunder U?

Natürlich ist auch das U ein wesentlicher Beitrag zum kulturellen Leben in der Stadt, ein Kristallisationspunkt für Kunst und Kreativität und eine regionale Landmarke für die Metropole Ruhr, die die Außenwahrnehmung Dortmunds verändert hat. Wenn man über Nachhaltigkeit spricht, wird das U ein Star der metropolitanen Kulturlandschaft Ruhr.

Muss die Kulturszene Dortmunds nicht befürchten, dass nach dem Feuerwerk 2010 im nächsten Jahr kräftig gespart wird?

Nein. Es ist unsere Pflicht, das, was sich entwickelt hat zu erhalten – sowohl die Institutionen als auch die temporären Angebote. Die freie Kulturszene ist extrem wichtig. Das Spiegelzelt am U hat einen zentralen Beitrag zur Kulturhauptstadt geliefert – sonst wäre die Kultur im Sommer nicht so deutlich wahrnehmbar gewesen. Deswegen müssen wir diese Szene gut aufstellen.

Klangvokal fortsetzen

Was ist mit dem Festival Klangvokal?

Wir haben den Vertrag mit Torsten Mosgraber (Anm.: Festivaldirektor) für das nächste Jahr verlängert. Außerdem werden wir Geld umschichten, damit wir Klangvokal im nächsten Jahr fortsetzen können – wenn auch nicht in der Intensität. Aber wir wollen es als Format weitertragen.

Wie sieht es mit Schachtzeichen und Still-Leben aus?

Wir wollen diese Ereignisse in einem bestimmten Rhythmus wiederholen. Beim Still-Leben haben wir gespürt, wie sehr dass die Leute begeistert hat. Das sollte man wieder aufnehmen, aber es darf auch seine Spontaneität nicht verlieren. Wir müssen das jetzt besprechen: Die Sperrung der B1 ist kein Problem. Aber die logistische Leistung ist riesig, man braucht eine Versorgungsstruktur und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen – gerade nach der Love Parade in Duisburg. Die Frage, wie man das zeitlich, finanziell und operativ regeln kann, ist noch nicht geklärt. Wenn klar ist, wie die Kulturmetropole Ruhr in
Zukunft organisiert ist, besprechen wir das.

Der Wunsch ist ja, dass vom Kulturhauptstadtjahr nur positives bleibt: Sehen Sie dem Ergebnis der EU-Prüfung in Sachen U gelassen entgegen?

Ja. Sicherlich haben wir uns so eine Prüfung wegen des Aufwands nicht gewünscht. Aber wenn es so ist, stehen wir das durch. Der Vorgang hat viel mit Bürokratie zu tun: Verbunden mit der Förderzusage hatten Land, EU und externe Controller entschieden, dass es bei den Baukosten keiner Notifizierung bedarf.

Kosten prüfen

Dach- und Fachsanierung sowie die Städtebauförderung für die Rheinische Straße wurden davon abgesetzt. Dieser Prozess war hochgradig abgestimmt und transparent. Als uns dann im Laufe dieses Jahres mitgeteilt wurde, dass sich die rechtliche Einschätzung verändert habe, hat das Land signalisiert, dass es sich kümmert, weil es Fördermittelgeber ist und den Einsatz gegenüber der EU vertritt. Wir als Stadt sind die Empfänger. Wir werden demnächst in einem Gespräch erörtern, wie es weitergeht.

Sie sind also gelassen, weil sie davon überzeugt sind, von Seiten der Stadt alles richtig gemacht zu haben?

Ja. Natürlich ist es unerfreulich und auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar, warum die Kostenschätzung zur Dach- und Fachsanierung derart überschritten wurde. Die erste Bewertung lag bei 4,6 Millionen, die auf 6,5 Millionen gestiegen sind –allein 30 Prozent. Reingehauen haben aber vor allem die Beschleunigungskosten: Die Unterstützung des Landes war an ein Zeitfenster gebunden. Um das zu halten, sind zusätzliche Kosten angefallen – zumal der Winter so hart war. Außerdem muss man bei einem so alten Gebäude immer Zusatzkosten einkalkulieren. Mit dieser Höhe hatten aber auch die Gutachter nicht gerechnet. Das muss aufgearbeitet werden.

Finden Sie es heute richtig, dass das U in Etappen eröffnet wurde?

Das ist jetzt müßig, sich etwas anderes zu wünschen. Eckhard Gerber hat klar gesagt, dass man normalerweise fünf Jahre gebraucht hätte – und er hat es in zweieinhalb geschafft. Das ist eine Riesenleistung, die der Zielsetzung des Landes geschuldet war, das U im Kontext der Kulturhauptstadt zu präsentieren. Als das entschieden wurde, war klar, dass es extrem eng werden würde.

Hat 2010 ihr Verhältnis zur Kultur verändert?

Absolut. Als Städtebauer habe ich sicherlich eine spezielle Prägung. Für mich ist das ein kulturelles Erweckungsereignis gewesen. Kultur ist für mich durch 2010 zum absolut harten Standortfaktor für die Metropole Ruhr geworden. Das, was ich erlebt habe, möchte ich nicht mehr missen. Der Kulturdezernent wird mich in Haushaltsberatungen nicht mehr überzeugen müssen, dass wir Geld für Kultur investieren müssen – allerdings nicht nur für Hochkultur, sondern auch für die freie Szene und die Alltagskultur. Die Kultur ist in den Herzen angekommen und da sollten wir sie nicht wieder wegnehmen.