Dortmund

Sie war die erste Frau auf der Kanzel

Renate Krull in ihrer alten Arbeitsstätte, der Martinkirche. Foto: Knut Vahlensieck
Renate Krull in ihrer alten Arbeitsstätte, der Martinkirche. Foto: Knut Vahlensieck
Foto: Knut Vahlensieck
Renate Krull war die erste Frau, die in der westfälischen Landeskirche Pfarrerin geworden ist. Die erste Frau, die vor fast 47 Jahren eine Gemeinde führen durfte.

Dortmund. „Ich war nun mal die erste und das ist beinahe alles nicht der Rede wert“, fasst Renate Krull äußerst nüchtern zusammen, was Geschichte geschrieben hat. Die Dortmunderin war die erste Frau, die in der westfälischen Landeskirche Pfarrerin geworden ist. Die erste Frau, die vor fast 47 Jahren eine Gemeinde führen durfte, die sich in einer durch und durch von Männern dominierten Welt durchsetze.

Heute hat die Landeskirche sogar ein weibliches Oberhaupt. Frauen, wie die heute 85-Jährige Dortmunderin, haben hierfür den Weg geebnet.

Zum Vikariat nach Dortmund entsandt

Renate Krulls eigener Weg begann in einer anderen Welt, in der neu gegründeten DDR. Nach dem Krieg kümmerte sich Krull statt um menschliche Schäfchen zunächst um Obst um Gemüse. Sie hatte eine Ausbildung als Gärtnerin gemacht. „Das war eine körperlich harte Arbeit, sehr spezialisiert“, erinnert sie sich. Das konnte sie sich für den Rest ihres Lebens nicht vorstellen. Stattdessen fühlte sie sich von einer Institution angezogen, „die im Krieg einige Makel bekommen hatte, aber trotzdem noch Stabilität ausstrahlte.“

Krull entschied sich Theologie zu studieren. In Halle bekam sie 1951 einen Studienplatz, 1954 wechselte sie nach Göttingen. Und wurde nach dem ersten Examen zum Vikariat nach Dortmund entsandt. Dort traf sie auf eine Frau, die ein wichtiges Vorbild sein sollte: Gerda Keller, „ein Dortmunder Kind.“ Keller hatte einen guten Ruf. Sie war in vielen Bereichen engagiert, kümmerte sich um die Frauenfürsorge. Aber sie behielt immer den Titel „Vikarin“, den eines Pfarrers in Ausbildung.

Not am Mann

Auch Renate Krull bekam nach dem zweiten Examen keinen neuen Titel. Aber eine Stelle in einer Gemeinde, wo Not am Mann war. „Ich sollte einem jungen Pfarrer zur Seite stehen.“ Das hieß: die Aufgaben eines Pfarrers wahrnehmen – ohne dass es zu diesem Zeitpunkt denkbar war, dass eine Frau sich Pfarrerin nennen durfte. „Ich war ordiniert, hatte alle Rechte und Pflichten“, erzählt sie.

Frauen in der Kirche habe es durchaus gegeben, etwa 30, die für die Westfälische Kirche gearbeitet hatten – im Frauenheim, bei Bethel, in Krankenhäusern. Ihre Stelle war schon etwas Besonderes. „Ich bin gar nicht groß gefragt worden“, sagt sie. Es sei einfach viel Arbeit auf sie zugekommen, die gemacht werden musste. „Ich bekam das Geld eines Hilfspredigers und damit konnte ich leben.“

Viel Zeit zum Nachdenken über ihre Position sei nicht gewesen, allein im ersten Vierteljahr ihrer Tätigkeit habe es acht oder zehn Trauungen gegeben, das wünschten sich Gemeinden heute für ein ganzes Jahr. „Und drei, vier Mal in der Woche war ich auf dem Friedhof“, erinnert sie sich.

Dann kam ein Anruf

Krull machte ihren Job gut. Die Gemeinde war mit ihr zufrieden. Diskriminiert habe sie sich nicht gefühlt. „Mit mir mussten sie vorlieb nehmen, aber sie lernten mich auf diese Art auch kennen“, sagt sie pragmatisch.

Trotzdem wurde Krull nach ein paar Jahren wieder woanders eingesetzt, die Pfarrstelle wurde mit einem Mann besetzt. „Ich sollte mich um berufstätige Frauen kümmern“, erinnert sie sich gut. Doch dann kam ein Anruf.

Der Superintendent fragte, ob sie nicht wieder in der Martingemeinde aushelfen könnte. Zur selben Zeit – 1964 – änderte sich die Kirchenpolitik. Die Landessynode, das oberste Entscheidungsorgan der Landeskirche, brachte ein neues Gesetz auf den Weg. Ein Pastorinnengesetz. Unter bestimmten Voraussetzungen, unter anderem, dass eine Frau nicht verheiratet war, sollte es auch weibliche Pastorinnen geben können können. „Ab da ging es rasend schnell“, sagt Krull. Ihre Gemeinde wollte sie gerne für den Job haben. Und am 21. Januar 1965 wurde sie offiziell in ihr Amt eingeführt. „Mit Fernsehen und allem Pipapo“, sagt sie.

Am 21. Januar 1965 offiziell eingeführt

Bis zur Rente 1988 blieb sie der Martingemeide treu. Unverheiratet ist sie heute noch. „Das hat sich eben so ergeben“, sagt Krull. Wie alles andere auch. „Eine Leistung war das nicht“, findet Krull. Wichtiger sei ihr gewesen, sorgfältig an der Predigt zu arbeiten. Und die Menschen zu erreichen, für sie da zu sein. Aber, dass eine Frau heute Präses ist, „das ist schon toll“, sagt sie.

 
 

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