Schwere Arbeit, leichter Anblick

Künstler Jan Köthe verabschiedet sich aus Dortmund. Foto: Franz Luthe
Künstler Jan Köthe verabschiedet sich aus Dortmund. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe

„Ich habe einen Draht zu Metall.“ Über 25 Jahre hatte Jan Köthe Zeit, sich diesen Spruch zu seiner Kunst zu überlegen: 1995 stellte er erstmals aus – seitdem hat er die Schwere des Stahls und die Leichtigkeit der Kunst zusammengebracht. Jetzt ist es Zeit für einen neuen Abschnitt: Jan Köthe verlässt seine Heimat und geht nach Berlin.

Bei Jan Köthe überkommt einen ab und zu das Gefühl, das Schicksal wolle ihm mit dem Vorschlaghammer den Weg weisen. Sei es, dass seine Großmutter das Grundstück in der Bozener Straße wieder für sich braucht, auf dem er seit 16 Jahren seine Kunst gezeigt hat – und er nun eben nach Berlin zieht. Oder, dass seine besondere Verbindung zum Metall schon früh ablesbar war: Jan Köthe erinnert sich noch, wie er mit 8 Jahren ein Fieberthermometer zerstörte und kaum den Blick von dem Quecksilber wenden konnte. Wie bei einem Umbau Unmengen Blei gefunden wurde, die er zu seinem ersten Objekt goss. Oder wie er mit 13 sein Taschengeld in ein Schweißgerät investierte. Als er schließlich an der Dortmunder FH Objektdesign studiert und die Aufgabe bekommt, Obst zu formen, greift Köthe nicht zu Styropor oder Pappmaché wie die anderen – sondern schafft eine 17½-Kilo wiegende Metallbanane. „Diese schwere, glitzernde Masse hat mich schon immer angezogen.“

Folgerichtig kauft er einem Schmied seine alte, hydraulische Presse ab – ein Koloss, der 30 Tonnen drückt und selbst zwei Tonnen wiegt. Wenn Jan Köthe im Kaltpressverfahren Kunst schafft, ist das nicht leicht und luftig, sondern schwere körperliche Arbeit.

Seinen Skulpturen allerdings sieht man das nicht an. Die Abschiedsausstellung zeigt einen Querschnitt von Jan Köthes Arbeiten – und auf den Sockeln stehen abstrakte Formen, glatt und glänzend, die sich elegant winden, in verwegenen Kreisen, die fließen und wirken, als habe Köthe einen Moment Bewegung festgehalten. Schweres Material, leichter Anblick. „Ich mag dieses Glänzende, Strahlende“, sagt Köthe und streichelt sanft über eine Hommage an Christo und Jeanne-Claude – Stahl, der gefaltet und gebunden ist wie Stoff. In Berlin nun hofft Köthe auf neue Inspiration.

Wohin seine Arbeit gehen könnte, lässt eine Installation ahnen: Köthe stellt einen Zusammenhang her zwischen steigender Gewalt bei Jugendlichen, Medienkonsum und Computerspielen – kommentiert durch ein riesenhaftes Emoticon, ein trauriger Smiley, den er aus echten Waffen an der Wand gestaltet hat.

Das Ungewöhnliche: Jan Köthe hat dafür einen langen bürokratischen Weg und viele Atelierbesuche in Kauf genommen. Denn er durfte jene Waffen nutzen, die bei der Polizei abgegeben oder von ihr konfisziert wurden – auch nach dem Amoklauf von Winnenden.

 
 

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