Schwarzfahrer organisieren sich bei Facebook

Der neueste Trick von Schwarzfahrern: ein Online-Frühwarnsystem via Facebook, eine Art „Radarfallenmelder“ für den Nahverkehr. (Foto: dapd)
Der neueste Trick von Schwarzfahrern: ein Online-Frühwarnsystem via Facebook, eine Art „Radarfallenmelder“ für den Nahverkehr. (Foto: dapd)
Foto: ddp WP

Dortmund. Kontrollen bei Facebook posten, damit andere schwarzfahren können - das ist das Konzept eines neuen Online-Warnsystems vor Kontrollen in Bus und Bahn. Die Idee aus Hamburg ist nun im Ruhrgebiet angekommen.

Smartphone rausholen, einen Kontrolleur in der Bus und Bahn melden und somit andere Schwarzfahrer warnen – das ist die Idee hinter einer Facebook-Seite für Fahrgäste im Hamburger Verkehrsverbund (HVV), die bereits über 6200 Nutzern „gefällt“ und minütlich wächst. Die User organisieren sich dort, geben sich gegenseitig Kontrollwarnungen mit präzisen Linien und Kurzbeschreibungen der Kontrolleure. Der HVV spricht von „modernem Schmarotzertum“. Gisela Becker, Pressesprecherin vom HVV, sagt gegenüber DerWesten: „Moralisch können wir die Nutzer dieser Seite nicht nachvollziehen. Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt. Im Internet wird ja auch kein Ladendiebstahl propagiert“, so Becker.

Das große Verkehrsunternehmen hofft nun, dass der Hype für die Facebook-Seite nachlässt. Mit ihrem Verhalten und den Tipps im Internet würden die Facebook-Nutzer „anderen Menschen und den Steuerzahler schaden“, sagt Becker. Bereits jetzt, ohne eine aktive Schwarzfahrer-Netzgemeinde, liege der jährliche Schaden im gesamten HVV-Bereich nach eigenen Angaben bei „vorsichtig geschätzten“ 20 Millionen Euro.

Dortmunder Seite sei „keine Aufforderung zum Schwarzfahren“

Durch Medienberichte ist die Seite prominenter geworden. Und die Idee dahinter, eine Art Blitzmelder 2.0 für den öffentlichen Nahverkehr, ist nun auch im Ruhrgebiet angekommen. Eine Dortmunder Schwarzfahrer-Seite ist ist bereits angelegt. Am Mittwochmittag hatte die Seite, die erst vor wenigen Stunden eingerichtet wurde, erst sieben Freunde. Die Aufforderung des Gruppengründers ist eindeutig: „Hol dein Smartphone raus und poste, wo du einen Kontrolleur siehst.“ An anderer Stelle heißt es verteidigend: „Diese Seite soll keine Aufforderung zum Schwarzfahren sein! Was ihr mit den Infos von dieser Seite macht, bleibt euch überlassen.“ Rund 20.000 Schwarzfahrer haben die Dortmunder Kontrolleure im vergangenen Jahr erwischt. Das entspricht rund 2,5 Prozent aller Fahrgäste; die Dunkelziffer sei jedoch mindestens doppelt so hoch. Der Schaden wird auf zwei bis drei Millionen Euro jährlich geschätzt.

Thomas Steffen, Pressesprecher der Dortmunder Stadtwerke DSW 21, sieht das neue Facebook-Phänomen und die frische Dortmund-Seite im Gespräch mit DerWesten entspannt: „Die Seite gefällt ein paar Leuten. Mir zwar nicht. Aber ich bin sicher, dass das Brandmarken von Kontrolleuren und das Schwarzfahren als Haltung von unseren Kunden nicht akzeptiert wird. Wir können die Dortmunder Seite als Unternehmen gelassen sehen.“ Steffen sieht zudem den Nutzen eines Online-Warnsystems für Schwarzfahrer als „relativ gering“ an. „Unsere Kontrolleure wechseln ganz häufig die Linien.“ Außerdem, so Steffen, sei das ähnlich wie bei Radarfallen. „Die Autofahrer werden dort im Radio an dem einen Tag von einem Blitzer gewarnt, am nächsten Tag rauschen sie an der gleichen Stelle wieder in eine Falle.“ Sabine Tkatzik, Pressesprecherin vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) reagiert ähnlich. „Die Informationen auf Facebook-Seiten haben für lokale Linien eine geringe Halbwertszeit, weil kein Kontrolleur kontinuierlich auf einer Linie unterwegs ist. Auch bei S-Bahnen sehen wir keine große Effizienz, weil ein Schwarzfahrer wohl kaum wegen der Meldungen aussteigt, um 20 Minuten auf die nächste Bahn wartet.“ Den Tippgebern auf Facebook müsse jedoch bewusst sein, dass sie „der Allgemeinheit schaden“.

Was auf der frisch eingerichteten Facebook-Gruppe „Schwarzfahren Dortmund“ aber einmal los sein könnte, zeigt die Hamburger Seite. Dort posten die User mittlerweile minütlich Beiträge wie: „*Eilmeldung* 4 Kontrolleure in Montur haben um 9:40 Barmbek (S1) Richtung Poppenbüttel eine Schwarzfahrerin in weißer Bluse hopps genommen.“ Oder der Beitrag eines anderen Nutzers, der wie eine Täterbeschreibung klingt: „s-stellingen 4 hvv heinis 3 männer 1 frau . Die frau schwarze hose rosa hemd schwarze hose. Man mit halb glatze schwarze jacke/hose weißes hemd . Zweiter mann schwarze hose/weste und ein hellblaues hemd . Dritter mann schwarze hose und ein hell graues hemd. Alle ca 35-45 jahre.“

Wohl keine rechtliche Handhabe

Eine rechtliche Handhabe haben Verkehrsbetriebe gegenüber Facebook wohl nicht. Der Präsident der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Hamburg, Otmar Kury, sagte NDR.de, dass für ihn „keine tatsächlichen Anhaltspunkte für ein strafrechtliches Verhalten“ vorliegen würden. Die Rechtslage sei genauso wie bei den Blitzer-Warnungen im Radio zulässig. Der HVV wolle die Seite nun aber trotzdem durch einen Juristen prüfen lassen. Gisela Becker zu DerWesten: „Da auf der Facebook-Seite auch Kontrolleure fotografiert worden sind und persönlich beleidigt werden, muss nachgeschaut werden, ob Persönlichkeitsrechte angegriffen werden.“ Facebook äußerte sich bisher nicht auf eine Anfrage, ob die Hamburger Seite gegen Nutzungsbestimmungen verstoßen würde.

 
 

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