Schulklassen für Zuwanderer - So lernen die Kinder der Roma

Annika Fischer
Kinder aus zugewanderten Familien lernen in Auffangklassen an der Dortmunder Nordmarkt-Grundschule.
Kinder aus zugewanderten Familien lernen in Auffangklassen an der Dortmunder Nordmarkt-Grundschule.
Foto: Tim Schulz / WAZ FotoPool
Für die Zuwanderer muss Dortmund immer mehr „Auffangklassen“ schaffen. 120 neue Kinder aus Zuwandererfamilien zählt die Stadt im Monat: Sie sind schulpflichtig, können aber nicht genug Deutsch, um regulärem Unterricht zu folgen. Lehrer treffen auf Schüler, die mehr brauchen als Sprachunterricht.

Dortmund. „Nudel“ schreibt man mit N wie Nase. Auf Patricias Zettel aber steht jetzt „Nadel“. Patricia ist acht Jahre alt, aber sie sieht den Unterschied nicht. Weil sie ihn nicht kennt: das deutsche Wort nicht, aber auch nicht seine Bedeutung. Weißt du, was eine Nadel ist? Das Roma-Mädchen schüttelt den Kopf, es hat noch keine gesehen. In dieser Schulklasse lernen Kinder mehr als Lesen, Schreiben, Rechnen. Sie lernen eine neue Sprache – und fremde Dinge kennen.

Solche „Auffangklassen“ werden immer mehr, weil die Schüler immer mehr werden: 30 neue Kinder aus Zuwandererfamilien zählt Dortmund derzeit jede Woche, 120 im Monat, die schulpflichtig sind nach dem Gesetz, aber nicht genug Deutsch können, um regulärem Unterricht zu folgen. Lehrer brauchen diese Kinder, Räume auch, es gibt schon Wartelisten. „Wir kommen kaum noch zurecht“, sagt Schulamtsdirektor Dieter Ihmann. Stammten die Schüler früher aus der Türkei oder aus Portugal, kommen sie heute mehrheitlich aus Osteuropa. 67, vor allem Rumänen, sind sie von 310 Schülern an der Nordmarkt-Grundschule, die ohnehin einen Migrationsanteil hat von 92,8 Prozent. 36 sitzen in zwei Auffangklassen.

Niedriger als bei Null können auch sie eigentlich nicht anfangen in der Grundschule, aber dies hat Rektor Klaus Westermann selbst „in 40 Berufsjahren nicht erlebt“: Kinder, die Butter blau malen, weil sie nicht mal die Farben kennen, Neunjährige, die nicht schneiden können und sich erste Buchstaben angestrengt erarbeiten müssen.

Kurzfristiges Ziel ist die Regelklasse

Trotzdem bleiben sie nie lang in der Auffangklasse, und das sollen sie auch nicht: Wer eben genug Deutsch kann, rückt im Durchschnitt nach einem Jahr in den Regelunterricht. Im Klassenbuch des vergangenen Schuljahrs hat Lehrerin Angelika Henkemeier nachgeschlagen: „50 Kinder haben uns übers Jahr verlassen.“ Sie lernen jetzt in Klasse zwei oder drei, oder sie sind zur weiterführenden Schule gewechselt: Gymnasiasten kann Henkemeier stolz vermelden, Jahrgangsbeste sogar an der Gesamtschule. „Wenn man sieht, wie sie sich entwickeln“, sagt Kollege Westermann, „weiß man, was man geschafft hat.“

Nur ist der Weg mit den Roma mühsamer geworden. G wie Geld, schlägt die Buchstabentafel vor, aber das haben diese Kinder nicht. G wie Gabel, aber die kennen sie oft gar nicht. G wie Giraffe, aber die haben sie noch nie gesehen. Haben deshalb womöglich nicht einmal ein Wort in ihrer eigenen Sprache dafür. „Nichtsprachler“ nennt man sie, die sich auch auf Romanes nur in Zwei-Wort-Sätzen verständigen, die ein paar Brocken Rumänisch können, womöglich noch einzelne Wörter aus den Ländern, über die sie eingereist sind: „Sie sind in keiner Sprache sattelfest“, so Westermann. Wie macht man da Unterricht? „Mit Kopf, Herz und Hand“, sagt Angelika Henkemeier.

St wie Stift, das kann sie auch so einfach behaupten, aber viele hier hatten nie einen in der Hand! Wissen nicht, wie man ihn hält, wie man einen Strich malt, und überhaupt: malen. Worauf denn? „Niemand hat den Kindern je ein Blatt Papier gegeben“, sagt Angelika Henkemeier. Und wenn den Familien heute eins in die enge Unterkunft flattert, dann freuen sie sich und wickeln vielleicht das Butterbrot darin ein – die wenigsten Eltern können schließlich lesen, dass das Amt etwas von ihnen will.

„Der Großteil von ihnen sind Analphabeten“, weiß Westermann. Er gibt den Kindern ihre Arbeitsbücher nicht mehr mit nach Hause, nicht, weil sie dort verschwänden: „Die Eltern füllen sie aus“, sagt Henkemeier, „die freuen sich, auch endlich etwas lernen zu dürfen.“ Dass Roma-Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schickten: für die Dortmunder ein Vorurteil. Und der Nachwuchs kommt gern und will gar nicht wieder gehen. Wenn beim Gong die anderen schon im Rennen den Tornister schultern, streiten sich in der Auffangklasse Elisabeta und Mindra, wer heute die Klasse kehren darf.

„Die Armut ist ein Riesenproblem“

„Sie kommen aus fürchterlichsten Verhältnissen“, erklärt Lehrerin Henkemeier. Junge Mütter mit sechs Kindern in einem Zimmer, kein Bett und auch kein Vater. Obwohl der gar nicht „zappzerapp“ gemacht hat, also geklaut, wie die Kinder beteuern. „Die Armut“, betont Schulleiter Westermann, „ist ein Riesenproblem.“ Sie haben jetzt ein paar Schultaschen im Keller, sammeln Kleider, Turnschuhe, Lernmaterial. „Die Not ist groß.“ Mappen, Stifte, Hefte halten sie in den Klassen vor, meist mitgebracht von den Lehrern selbst.

Was wenig hilft, wenn ein Roma-Kind krank wird: Eine Krankenversicherung haben die Zuwanderer meist nicht, „sie kommen sogar mit Brüllhusten“, klagt ihre Lehrerin. Eine Grundversorgung würde sie sich wünschen, wenigstens für die Zähne. Denn die sind schlecht bei den Kindern und bei den Eltern manchmal gar nicht mehr vorhanden. Weshalb die Buchstabentafel auch hier nicht funktioniert: „Z wie Zahnbürste“? Auch die haben die meisten Schüler nie gesehen. Im Klassenzimmer, wo sie gerade K wie Kartoffel ausmalen und an F wie Fleisch (unbekannt) scheitern, steht deshalb eine lange Reihe bunter Becher auf der Fensterbank – mit Zahnbürsten darin.