Sanfte Beratung, harte Regeln in Dortmunds Trinkraum

Nach monatelangen Diskussionen hat am Montag in der Dortmunder Nordstadt der umstrittene Trinkraum eröffnet. Der „Saufraum“ ist zwar keine therapeutische Einrichtung, aber Beratungsangebote wird es dennoch geben. Die „Kundschaft“ muss sích zudem strengen Regeln unterwerfen.

Dortmund. Monatelang liefen die Diskussionen über das Für und Wider des Trinkraumes in der Nordstadt. Seit gestern sprechen Fakten: Das ehemalige Gypsy an der Heroldstraße 22 eröffnete neu als „Café Berta“ (Beratung und Aufenthalt). Die Kundschaft kann kommen - und mit ihr sicher die nächsten Diskussionen. Ein Überblick.

SPD gegen den Trinkraum

Gegen die Stimmen der SPD beschloss der Rat die Einrichtung des Trinkraums. Betreiber ist der private Sozialdienst European Homecare (EHC), der auch die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hacheney betreut. Ordnungsdezernent Wilhelm Steitz: „Wir setzen nur einen Ratsbeschluss um, das muss hier keine Dauereinrichtung werden.“ Er glaube, dass das Projekt gelingen könnte - „Gewissheit darüber haben wir aber nicht.“

Keine Waffen, keine Drogen

Die Hausordnung ist deutlich: Keine Waffen, keine harten Drogen (auch kein Cannabis), keine Gewalt, kein Rassismus, kein Sexismus. Volltrunkene müssen den Trinkraum verlassen. Der Verzehr von Alkohol und Lärm vor der Einrichtung ist untersagt. Hunde dürfen nur in Ausnahmen mitgebracht werden. In der Hausordnung, die auch Hausverweise bis hin zu Anzeigen vorsieht, heißt es wörtlich: „Beschwerden und Diskussionen, die die Ebene der Sachlichkeit und des ruhigen Dialogs verlassen, sind im selben Moment beendet.“ Gleichwohl gehe es auch um Fingerspitzengefühl, so Trinkraum-Leiter Thomas Thanscheidt von EHC.

Menschen in der Nordstadt eine Chance geben

Steitz geht von „vielen hundert Menschen mit Alkoholproblemen“ als Zielgruppe aus. EHC will Menschen in der Nordstadt die Chance geben, Alkohohl nicht mehr in der Öffentlichkeit trinken zu müssen, sondern dafür einen Raum nutzen zu können. (Öffnungszeiten: montags bis samstag 12 bis 19 Uhr, an Sonn- und Feiertagen geschlossen). Erlaubt sind Bier und Wein in kleineren Mengen - stärkerer Alkohol ist nicht erlaubt. Ausgeschenkt werden nur: Kaffee (40 Cent), Saft (30 Cent) und Wasser (20 Cent).

Neben Einrichtungsleiter Thomas Thanscheidt baut der Trinkraum auf eine Sozialarbeiterin und fünf Bürgerarbeiter, die vom Jobcenter vermittelt wurden.

Keine Therapie-Einrichtung

„Der Trinkraum ist keine therapeutische Einrichtung“, sagt Steitz. Aber auch kein reiner Verweilraum. Dafür soll die „sanfte Beratung“ sorgen, die in den Händen von Sozialarbeiterin Viktoria Kuhl liegt.

Die 26-Jährige hat schon Flyer im Quartier verteilt und erste Reaktionen von „sehr interessiert“ bis „auf dem Nordmarkt ist mehr Platz, da kann man sich besser aus dem Weg gehen“ - gesammelt. Kuhls Job: Weichen stellen. Angebote vermitteln. Kontakte aufzeigen. Das gilt für die Drogenberatung, für Schuldnerberatung, für Arztbesuche oder auch bei der Kleidersuche. Viktoria Kuhl, die schon mit Kober zusammengearbeitet hat, freut sich auf die neue Herausforderung: „Solche freiwilligen Angebote sind immer besser.“ Aber sie weiß auch: Der Druck ist hoch, viele werden die Einrichtung genau beobachten: „Wir müssen gut sein.“

Zu zwei großen, ineinander übergehenden Aufenthaltsräumen mit Tischen, Stühlen, Bar und Toiletten kommt ein Beratungsraum für die Sozialarbeit. Ob es noch eine Küche oder Duschen geben wird? - unklar. Neben einem Billardtisch wird der Trinkraum mit einem Fernseher und Spielen ausgestattet. Rauchen ist bis auf Weiteres erlaubt.

Auf zwei Jahre befristet

EHC und die Stadt Dortmund führen das zunächst auf zwei Jahre befristete Projekt in Anlehnung an das so genannte „Kieler Modell“ durch. In Kiel, wie auch in Gelsenkirchen, hat man mit ähnlichen Einrichtungen gute Erfahrungen gemacht, so Steitz.

Das Projekt wird mit 240 000 Euro finanziert: von der EU, dem Bund, dem Land und der Stadt (Ziel 2 Förderprogramm „Soziale Stadt“).

Trinker gezielt ansprechen

Neben der Hilfe für Alkoholiker ist es wesentliche Aufgabe der Bürgerarbeiter als „Streife“ durch das Umfeld des Trinkraums zu ziehen und Trinker etwa auf dem Nordmarkt gezielt anzusprechen. Man wolle auf das neue Angebot hinweisen und, zum Wohle der Anwohner, Trinker von den Plätzen und Straßen holen. Wohlbemerkt: Es geht immer nur um Angebote - eine rechtliche Handhabe, Trinker zur Heroldstraße zu bringen, haben die Mitarbeiter nicht.

Das Ordnungsamt soll sicherstellen, dass die neue Einrichtung nicht für Probleme in der Umgebung sorgt. Etwa dadurch, dass es zu Ansammlungen von Trinkern vor dem Trinkraum kommt. Auch Ruhestörung soll vermieden werden. Der Einrichtungsbeirat soll Ende des Monate zum zweiten Mal tagen. In ihm vertreten sind unter anderen Vertreter der Schulpflegschaften, Hauseigentümer und Wohlfahrtsverbände.

 
 

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