Rente mit 67 - Malochen bis zum Umfallen?

Anja Schröder
Ist die Rente mit 67 machbar, schaffbar und erfolgversprechend? „Ein großer Teil der Beschäftigten erreicht nicht einmal das Renteneintrittsalter mit 65. Die meisten älteren Arbeitnehmer sind krank und ausgebrannt“, kritisiert der DGB.

Dortmund. Seit 1. Januar gilt die Rente mit 67. Das bedeutet für alle Erwerbstätigen ab dem Jahrgang 1947: Mindestens einen Monat länger arbeiten, um eine Rente ohne Abzug zu erhalten. Ab Jahrgang 1964 muss volle zwei Jahre mehr geschackert werden. Und schon schreien die Wirtschaftsexperten nach der Rente mit 69... Die späte Rente – machbar, schaffbar, erfolgversprechend?

„Ein paar Meter mehr bis ins Ziel“. So überschreibt die Deutsche Rentenversicherung die „Rente mit 67“. Was aber, wenn die Kondition des Arbeitnehmers nur auf die 65er Zielmarke ausgelegt war? Und viele nicht mal die erreichen? fragen die Gewerkschaften. Dass die Rente mit 67 „ein Verzweiflungsakt“ ist, um die Altersversorgung überhaupt noch bezahlbar zu machen? Sieht auch Dortmunds Statistik-Chef Ernst-Otto Sommerer so.

Dass, wer länger gesund arbeiten soll, viel früher ansetzen muss, unterstreicht Dr. Götz Richter, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: „Das Arbeitsleben ist ein Langstreckenlauf. Da wird nicht erst auf den letzten Metern entschieden, ob und wie ich ins Ziel komme“.

"Rente mit 67 ändert Situation nicht"

Wir sollen – können wir aber auch? „Ein großer Teil der Beschäftigten erreicht nicht einmal das Renteneintrittsalter mit 65. Die meisten älteren Arbeitnehmer sind krank und ausgebrannt“, kritisiert der DGB. Die Altersgruppe der über 50-Jährigen würde überdurchschnittlich häufig langzeitarbeitslos. Fänden sie dann doch eine Arbeitsstelle, müssten sie hohe Lohneinbußen hinnehmen. „Die Rente mit 67 ändert an dieser Situation gar nichts. Sie ist nichts anderes als eine versteckte Rentenkürzung“. Folge: Altersarmut. Die aktuelle Arbeitsmarktstatistik stützt diese Aussagen: Von 2010 auf 2011 stieg die Zahl der arbeitslos gemeldeten Über-50-Jährigen nochmals um satte sechs Prozent auf fast 12.500.

Ernst-Otto Sommerer tippt auf die Grafik zum Altersaufbau der Dortmunder Bevölkerung: Ein Tannenbaum, mit dickem Bauch rund um die Gruppe der 50-Jährigen.

Eingliedern statt ausmustern

„Den schieben wir vor uns her“, sagt Sommerer: „Wir haben nicht mehr das Solidarprinzip zwischen den Generationen... Das können meine Kinder nicht mehr bezahlen“.

Weg vom Geld, hin zum Menschen: „Wenn wir gesund und leistungsfähig ans Rentenalter ‘rankommen sollen, brauchen wir eine veränderte Arbeitskultur“, sagt Dr. Götz Richter. Unter das Stichwort Prävention fallen dabei die Gesundheit von Körper und Geist, gehören Qualifizierung und Weiterbildung. Wie beispielsweise kann man chronischen Stress, ob durch Taktzeiten am Band oder ständige Kundenkontakte, auffangen? „Es geht um die Gestaltung von Arbeit: Wir müssen Bedingungen schaffen, die es möglich machen, mit Arbeit alt zu werden“.

Das gilt für alle Berufsgruppen, vom Fluglotsen bis zur Pflegekraft, gilt für Berufe, die Konzentration erfordern, wie auch für den Knochenjob. Es fordert Arbeitnehmer auf, ihre Berufsbiografie flexibler zu lesen, fragt Arbeitgeber nach den entsprechenden Voraussetzungen. Tenor: Eingliedern statt ausmustern. Beispiel: Ältere reagieren stärker auf Störgeräusche – ein Großraumbüro ist da kontraproduktiv. Berufsverlaufsmodelle – das sind „Angebote, wie man nochmal zehn Jahre weitermachen kann“. – Nicht im selben Trott, nicht bis zum Umfallen eben.

Eine Keimzelle solcher Überlegungen ist das bundesweite Demografienetzwerk mit Sitz in Dortmund und über 200 beteiligten Firmen. Es lotet Aspekte aus, die ein Berufsleben bis zu Ende denken lassen. Ein Ende mit 65, 67, 69...

Am 11. Januar lädt das Netzwerk zu einer Straßenaktion gegen die Rente mit 67 ein. Beginn ist um 10.30 Uhr auf dem Hanseplatz.