Prinzen, Promis und Politiker vor Gericht

Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund/Schwerte.. Einen Ex-Bundeskanzler als Zeugen, einen zweiten Ex-Bundeskanzler als Anwalt und einen ebenso schillernden wie halbseidenen Prinzen auf der Anklagebank: Welcher Richter kann schon eine solche Klientel vorweisen? Hans-Ulrich Esken kann.

„Ja, man hat so einiges erlebt“, sagt Amtsrichter Hans-Ulrich Esken, seufzt, und blättert in einem Kalender aus dem Jahr 1978. Prominente, Politiker, Proleten, er hat sie alle befragt, freigesprochen, verurteilt. Am kommenden Dienstag schlüpft der Dortmunder zum letzten Mal in seine Robe.

In eine Robe, der er 35 Jahre, bis jetzt zu seiner Pensionierung, treu blieb. „750 Mark hat sie damals gekostet, die zerschlissenen Ärmel habe ich schon ein paar Mal flicken lassen.“ Er trug sie auch bei dem spektakulären Parteispenden-Prozess Ende der 80er Jahre, als drei Manager der Vereinigten Elektrizitätswerke (VEW), darunter auch ein ehemaliger Oberstadtdirektor, wegen Steuerhinterziehung auf der Anklagebank saßen. Der Vorwurf: Spenden an politische Parteien als Zuwendung für die Staatsbürgerliche Vereinigung deklariert zu haben. In erster Instanz wurde das Trio freigesprochen, in der Berufung musste der Finanzmanager 112 000 Mark Strafe zahlen. Zur Aufklärung des Sachverhalts scheute man keine Mühen: „Wir sind damals nach Bonn gefahren und haben Bundeskanzler Helmut Kohl und auch Außenminister Genscher als Zeugen vernommen“, erinnert sich Esken. Bei dem Wörtchen „wir“, da wird der gerade noch so launige Jurist plötzlich melancholisch: Er verhandelte damals zusammen mit einem Kollegen, der kürzlich verstarb. „Gerhard Weiß und ich, wir haben uns 29 Jahre lang in jedem Urlaub gegenseitig vertreten. Wir hatten ein besonderes Verhältnis zueinander, ich besuche auch häufig sein Grab.“

Kein Pardon für Betrüger

Die weiche, leise Seite eines Menschen, den viele als „harten Hund“ bezeichnen. Der von sich selbst sagt: „Wer bellt, muss auch mal beißen.“ Der oft unkonventionell verhandelte, dabei aber stets fair blieb. „Ich hatte immer eine konkrete Linie und habe immer gesagt, was ich denke.“ Unerschrocken legte er sich dabei zuweilen mit Verteidigern und auch Staatsanwälten an. Eine seiner Prinzipien: „Bei mir kommt niemand wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis. Und auch nicht, wenn er eine Banane klaut.“ Kein Pardon kennt der glühende Fußball,- und Eishockey-Fan dagegen bei Betrügern, wie er erst kürzlich bewies: Kurzerhand schickte er einen bekannten Dortmunder Rechtsanwalt ins Gefängnis. Auch Zuhälter mussten sich bei ihm all die Jahre warm anziehen. „Beide nutzen die Notsituation oder auch die Unwissenheit anderer Menschen aus.“

Eine der schillernsten Figuren der High Society hat ebenfalls die Härte des Gesetzes gespürt: Prinz Frédéric von Anhalt, der sich 1980 mit viel Geld durch Adoption in den Adelsstand heben ließ, und als achter Ehemann von Zsa Zsa Gabor Schlagzeilen machte. Damals noch ein bürgerlicher Saunabetreiber, hatte er einst in Dortmund „Kindergruppen zum Klauen geschickt“, erzählt Hans-Ulrich Esken: „Den habe ich dann zu einer Haftstrafe verurteilt.“

Franz-Josef Strauß vernommen

Der prominenteste Verteidiger, mit dem der Amtsrichter ein juristisches Sträußchen ausgefochten hat: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. „Es muss das Jahr gewesen sein, als Franz-Josef Strauß Kanzlerkandidat war. Strauß hatte zwei Bundestagsabgeordnete aus Dortmund wegen Verleumdung angezeigt.“ Auf Antrag des Verteidigers Schröders fuhr Richter Esken dann nach München, um Strauß als Zeugen zu vernehmen.

Privat fährt er jetzt sehr häufig ins schöne Bayern. Die Vorfreude darauf, an seinem zweiten Wohnsitz mit seiner Ehefrau „ohne Verpflichtung“ die Natur zu genießen, große Radtouren zu unternehmen, all das lindert ein bisschen den Abschiedsschmerz. Und dann natürlich die Aussicht, noch ganz häufig in die USA zu fliegen - und andere Globetrotter an seinem Glück teilhaben zu lassen: „Mein dritter Reiseführer ist gerade in der Mache.“ Seinen 65. Geburtstag feiert der BVB-Dauerkartenbesitzer am 1. November in Texas. Dennoch: „Es ist schwer. Die Gerichtsverhandlungen, das war ein Teil meines Lebens.“ Am Dienstag, seinem letzten Sitzungstag, ist auch sein Sohn im Gericht: „Der ist Staatsanwalt. Und kriegt jetzt meine Robe zur Aufbewahrung.“

 
 

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