Polizei vor Schall-Attacke gegen BVB-Fans offenbar eingeweiht

Unter dem Webebanner über dem Ausgang in der Mitte des Gästeblocks befand sich die Apparatur, mit der die BVB-Anhänger beschallt wurden. Foto. imago
Unter dem Webebanner über dem Ausgang in der Mitte des Gästeblocks befand sich die Apparatur, mit der die BVB-Anhänger beschallt wurden. Foto. imago
Bei der Hoffenheimer Hochfrequenz-Attacke gegen BVB-Anhänger waren Polizei und Ordnungsdienst offenbar eingeweiht. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Fans von Eintracht Frankfurt schon im April mit einer ähnlichen Apparatur beschallt wurden.

Berlin/Sinsheim. Der idyllische Kraichgau soll ja eigentlich einer der ruhigeren Landstriche Deutschlands sein. Doch seit Anfang der Woche ist es mit der Ruhe in und um Sinsheim erst einmal vorbei. Grund: Seltsamer Lärm bis an die Schmerzgrenze im Gästeblock bei der Bundesligapartie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Dortmund am Samstag. Dieser kam allerdings nicht nur von den zahlreichen Dortmunder Fans, sondern auch aus einer seltsam anmutenden Apparatur, die sich unterhalb deren Tribünenbereich befand. Wenn der BVB-Anhang den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp in Sprechchören oder Gesängen mit Schmähungen bedachte, erklang ein schriller Signalton. Zumindest ein BVB-Fan will körperliche Schäden davongetragen haben, er hat Strafanzeige gestellt.

Die TSG Hoffenheim 1899 hatte am Montag reagiert. Ein Mitarbeiter habe "eine entsprechende Apparatur eigenmächtig zum Einsatz gebracht", als "Gegenmittel" gegen die Anti-Hopp-Gesänge. Alle Klubverantwortlichen distanzierten sich in der Pressemitteilung ausdrücklich von der Aktion und entschuldigten sich bei den Dortmunder Fans. Entsprechende arbeitsrechtliche Konsequenzen gegen den Mitarbeiter seien eingeleitet. Ein Einzelfall also, verursacht durch einen übereifrigen Hopp-Fan?

BVB-Fans bezweifeln diese Deutung. Sie haben sogar ein koordiniertes Vorgehen mehrerer Personen beobachtet. Thilo Danielsmeyer vom Dortmunder Fanprojekt stand am Samstag unmittelbar vor dem Gästeblock. Er sagt, dass mehrere umstehende Personen über Sinn und Zweck des Beschallungsapparats im Bilde waren. "Die Polizei wusste davon. Der Ordnungsdienst hat es auch gewusst", sagte Danielsmeyer der Nachrichtenagentur dapd. Ein Verantwortlicher habe ihm das System sogar erklärt. "Er dachte sich gar nichts dabei. Er sagte: Hinter dem Tor sitzt einer und macht ein Zeichen, sobald Schmährufe ertönen", so Danielsmeyer. Dann habe jemand den Signalton ausgelöst: "Das Gerät wurde definitiv von weiter weg bedient."

Danielsmeyer geht davon aus, dass "auch Entscheidungsträger" von dem Lärmmacher wussten: "Der Bereich vor dem Gästeblock ist der sensibelste Bereich, den es im Stadion gibt. Normalerweise wird da selbst das kleinste Fitzelchen, das auf dem Boden liegt, weggemacht. Bei uns in Dortmund wüsste das zumindest ein Vorstandsmitglied."

Die Dortmunder Fanseite schwatzgelb.de, die mit einem akkreditierten Fotografen vor Ort war, hat der dapd hochauflösende Fotos zur Verfügung gestellt, auf denen eine Vorrichtung mit zwei nach oben ausgerichteten Lautsprechern auf einem Holzpodest zu erkennen ist. Sie befindet sich unter einer Werbeplane in einem Fluchtweg, der den Dortmunder Block teilt. Neben der Apparatur sind drei Personen zu erkennen, zwei von ihnen sitzen auf einer Bierbank.

Frankfurter Fans beschreiben ähnlichen Vorfall

Es gibt konkrete Hinweise darauf, dass bereits am 16. April die Fans von Eintracht Frankfurt in der Rhein-Neckar-Arena mit einer ähnlichen Apparatur beschallt wurden. Einen Tag nach der Partie beschrieb ein User die Störquelle in einem Fanforum auf eintracht.de so: "Es waren zwei riesige Hörner unter der Plane, die über den Bereich gespannt war, der die beiden Stehplatzblöcke 'unterbrochen' hat".

Axel Hoffmann befand sich damals im Frankfurter Block: "Als die üblichen Gesänge kamen, gab es kurzzeitig einen merkwürdigen Ton im Stadion, der für uns in dem Moment gar nicht greifbar war. Ich habe es zuerst mit dem Gepfeife der Einheimischen assoziiert, aber es war klar, dass es das nicht ist", sagt er der dapd. Als er am Sonntagabend einen Fernsehbericht gesehen habe, sei ihm die Sache sofort wieder eingefallen: "Meine erste Reaktion war: Hey, das gab's doch bei uns auch", sagt Hoffmann.

Wenn in Hoffenheim von den "üblichen Gesängen" gegnerischen Fans die Rede ist, sind meist die beleidigenden Schmähungen gegen den Klub-Mäzen Hopp gemeint, der in einigen Fankreisen massiv abgelehnt wird. "Es waren Beleidigungen unter der Gürtellinie, darüber müssen wir nicht streiten", sagte Nicolai Mäurer von schwatzgelb.de der dapd.

Mäurer bestätigt Augenzeugenberichte, wonach es bereits vor dem offiziellen Einlass Stunden vor der Partie am Samstag einen gut hörbaren "Soundcheck" mit dem durchdringenden "Signalton" in der Arena gegeben haben soll. "Es haben Leute gesagt, dass sie das Geräusch schon vor dem Einlass hören konnten", sagte Mäurer.

Hat die Beschallung kritischer Fans möglicherweise System bei dem Bundesligisten? Die Hoffenheimer wollten sich am Dienstagmorgen mit Hinweis auf das schwebende Verfahren zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern, kündigte aber eine weitere Mitteilung im Laufe des Tages an.

Es könnte noch eine Weile dauern, bis wieder Ruhe einkehrt im schönen Kraichgau nach den Störgeräuschen, die am Samstag aufhorchen ließen. Derzeit breitet sich die Schallwelle noch aus. (dapd)

 
 

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