Polizei kontrolliert vermehrt Fahrzeugbreite auf Autobahn-Baustellen

Baustelle auf der A1: Auf der linken Spur dürfen nur Autos, die schmaler als zwei Meter sind, fahren. Das kontrolliert etwa die Polizei Dortmund in ihrem Zuständigkeitsgebiet verstärkt. Foto: Philipp Guelland/ddp
Baustelle auf der A1: Auf der linken Spur dürfen nur Autos, die schmaler als zwei Meter sind, fahren. Das kontrolliert etwa die Polizei Dortmund in ihrem Zuständigkeitsgebiet verstärkt. Foto: Philipp Guelland/ddp
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Abzocke? In Baustellen dürfen auf dem linken Streifen nur Autos fahren, die schmaler als zwei Meter sind. Wegen erhöhter Unfallzahlen kontrolliert die Polizei dies verstärkt und verschickt bei Verstoß einen 20-Euro-Bußgeldbescheid an oft überraschte Autofahrer. Umstritten ist auch die Messmethode.

Dortmund.. Plötzlich kam ein Knöllchen. 20 Euro, weil das Auto zu breit ist. Wie bitte? Ja, in verschiedenen Baustellen dürfen Autofahrer nur die linke Spur (zum Überholen) nutzen, wenn ihr Gefährt schmaler als zwei Meter ist. Während die Polizei solche Vergehen seit Sommer 2010 verstärkt kontrolliert und ahndet, wundern sich Verkehrsanwälte und raten zu Einsprüchen dagegen. Der ADAC nimmt eine moderate Positition ein und nimmt beide Parteien in die Pflicht: Abzocke? Teils ja, teils nein.

Die Autos zu breit, die Überholspur zu eng: Rund 80 Prozent (!) aller modernen Pkw dürfen in zahlreichen deutschen Autobahnbaustellen nicht die linke Spur zum Überholen benutzen. „Wir hatten ab 2009/2010 auf unseren Autobahnen eine Unfallsteigerung um 200 Prozent, jeder sechste davon in einer Baustelle, davon wiederum jeder zweite auf der linken Spur beim Überholen“, verweist Wolfgang Wieland, Sprecher der Polizei Dortmund, die im Regierungsbezirk Arnsberg auf den (Ruhrgebiets)autobahnen zuständig ist, auf die Statistik. „Dagegen mussten wir was tun, und irgendwann ist der Punkt 0, an dem Bußgelder verschickt werden. Seither ist die Unfallzahl auch um 42 Prozent gesunken.“

Das Verbot ist den wenigsten bekannt, umso überraschender trudelten im ersten Halbjahr 2011 bei Autofahrern im östlichen Ruhrgebiet 3569 Verwarnungsgelder ein (im zweiten Halbjahr 2010 waren es nach Polizeiangaben 1473). „Die Polizei verstärkt wohl die Kontrollen an engen Stellen, da sie viele Bagatellunfälle mit abgefahrenen Außenspiegeln reduzieren will“, meint Günter Trunz, Verkehrssicherheitsexperte des ADAC Westfalen, und denkt auch an Geschwindigkeitsmessungen. Wieland hingegen weist auf die Gefahr hin, die bei einem bloßen Kontakt in einer engen Baustelle besteht und durchaus auch schwere Auswirkungen haben könne.

Kontrollen an Baustellen hat es in jüngerer Vergangenheit häufiger gegeben. Etwa auf der A1 zwischen Bremen und Hamburg, auf einer Brücke zwischen Dortmund und Schwerte, auf der A52 bei Marl und auf der A40. „Manchmal, wie auf der A1 oder beim ersten Bauabschnitt Schnettkerbrücke in Dortmund, ist bzw. war es extrem eng“, so Peter Meintz, Sprecher des ADAC-Westfalen.

Kastenwagen und sogenannte SUV erst recht in der Pflicht

Sein Kollege Trunz sieht dabei vor allem Kastenfahrzeuge von Kurierdiensten oder sogenannte SUV wie Geländewagen (Trunz: „Wer 2,10 Meter Fahrzeugbreite in den Papieren stehen hat, kann sich erst recht nicht ‘rausreden“) in der Pflicht, weniger einen gewöhnlichen Pkw. Dennoch: „Autofahrer tun gut daran, wenn sie die tatsächliche Breite ihres Fahrzeugs wissen. Und dann sollten sie gegebenenfalls auf Überholvorgänge verzichten und sich an engen Stellen sensibler verhalten“, so der ADAC-Leiter für Verkehr und Sicherheit in Westfalen. Unwissenheit schütze vor Strafen nicht, ein Blick auf die Beschilderung sei wichtig. Andererseits fordert er auch die Polizei auf, bei Grenzfällen eher aufzuklären und zu ermahnen anstatt gleich ein Bußgeld zu verschicken.

Die Polizei Dortmund sieht die Sachlage eindeutiger. „Wer einen Dachgepäckträger montiert, weiß auch, wie hoch sein Fahrzeug tatsächlich ist und ob er in ein Parkhaus fahren kann. Also sollte jeder auch über die reale Breite seines Fahrzeugs Bescheid wissen“, so Wieland. Seit Sommer 2010 fotografieren Polizisten von Autobahnbrücken und ermitteln per Abgleich mit Fahrzeuglisten die Breite eines Autos. „Eine Ermahnung hat leider keinen erzieherischen Wert, jeder muss die Verkehrsvorschriften einhalten, das Bußgeld hat Wirkung gezeigt.“ Dazu noch ein Blick in die Statistik der Autobahnstrecken unter Dortmunder Polizeiaufsicht: 2009 gab es in Baustellen 568 Unfälle wegen Nebeneinanderfahrten, 2010 waren es 290, von Januar bis Mai 2011 in diesem Jahr nur noch 54.

Tatsächliche Breite schwer zu ermitteln

Dabei besteht ein zusätzliches Problem: Die Zulassungspapiere geben nicht die tatsächliche Breite des Autos wider, da die Außenspiegel darin nicht mitgerechnet werden, die im tatsächlichen Straßenverkehr aber von Belang sind. Mit gleichzeitigem Widerspruch in den Paragraphen, da der Außenspiegel zur Pflichtausstattung gehört. Konretes Beispiel: Ein VW Golf ist laut Papieren 1779 Millimeter breit, tatsächlich sind es aber 2048 Millimeter. Auch Mittelklassewagen werden tendenziell immer breiter gebaut. Umso verständlicher ist der Ruf nach einheitlichen Messbedingungen, zumal einige Hersteller etwa aus Japan die Gesamtbreite ihrer Modelle nicht veröffentlichen und diese mitunter aus Prospekten gefischt werden (müssen).

Auch der Dortmunder Verkehrsanwalt Ingo Sartor rät angesichts vager gesetzlicher Vorschrift, bei einem Verwarnungsgeld Einspruch einzulegen. „Mir fehlt da die Rechtsgrundlage. Etwa ob der Fahrzeugführer oder -halter dafür verantwortlich ist.“ Klare Antwort der Polizei: der Fahrzeugführer. Sartor entgegnet: „Aber taugt ein Foto von der Brücke als Beweis dafür?“ Grundsätzlich sieht der Verkehrsanwalt in dem recht niedrigen Betrag von 20 Euro auch (noch) eine Hemmschwelle, damit zum Anwalt zu gehen und dagegen Beschwerde einzureichen. Wieland bestätigt, dass 87 Prozent dieser Bußgeldempfänger freiwillig gezahlt hätten, was wiederum der kommunalen Stadtkasse zufließt.

Fahrzeugbreite bis 2,10 Meter

Weil die Unfallzahlen in Baustellen in den vergangenen Jahren angestiegen sind, fordert der Autoklub Europa (ACE) zudem, die Spuren breiter anzulegen. In NRW hat man bereits reagiert – wo es denn geht. Seit Februar gilt, dass alle Fahrstreifen in Autobahn-Baustellen mindestens für eine Fahrzeugbreite bis 2,10 Meter inklusive Außenspiegel zugelassen sein sollen. Die Fahrbahn ist dann 2,60 statt 2,50 Meter breit. Dann dürften rund 80 Prozent der Autos die Spur benutzen, sagt Alfred Overberg, Abteilungsleiter Verkehr bei Straßen.NRW.

Allerdings werde es keine flächendeckende Verbreiterung geben, weil oft der Platz fehlt. Und selbst wenn die Spur breiter wird, bleibt vielen Pkw künftig nur die rechte Spur. „Auch bei Zulassung für 2,10 Meter Breite dürfen SUV, viele große Limousinen sowie Kleintransporter die Spur nicht benutzen.“

Breitere Fahrstreifen wünschenswert

Wie eine Baustelle angelegt wird, schreibt eine rund 20 Jahre alte Richtlinie vor. Damals waren die meisten Autos längst nicht so breit wie heute, die 2,50 Meter Mindestbreite der Überholspur reichten aus. Zudem wird bei der Baustelleneinrichtung abgewägt. Breitere Spuren bedeuten eine längere Dauer der Baumaßnahme – und nicht immer weniger Unfallgefahr. Das Bundesverkehrsministerium teilte auf Anfrage mit, dass man mit den Ländern über die Richtlinie mit dem Ziel etwas breiterer Fahrstreifen im Gespräch sei.

Ob es notwendig ist, um jeden Preis links zu fahren, bezweifelt Alfred Overberg von Straßen.NRW. Bei einer Baustellenlänge von sechs Kilometern mache der Unterschied zwischen 60km/h auf der rechten und 80 km/h auf der linken Spur etwa 90 Sekunden aus – und deutlich weniger Angstschweiß.

 

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