PCB-Skandal - Envio-Verantwortliche stehen vor Gericht

Jahrelang soll die Dortmunder Entsorgungsfirma Envio PCB-verseuchtes Material als gereinigt deklariert und verbreitet haben.
Jahrelang soll die Dortmunder Entsorgungsfirma Envio PCB-verseuchtes Material als gereinigt deklariert und verbreitet haben.
Foto: ddp/Clemens Bilan
Was wir bereits wissen
Es ist einer der größten Giftskandale in der jüngsten deutschen Geschichte: Jahrelang soll die Dortmunder Entsorgungsfirma Envio PCB-verseuchtes Material als gereinigt deklariert und verbreitet haben. Ab Mittwoch beschäftigt sich das Gericht mit den juristischen Folgen.

Dortmund.. Ein vermeintliches Vorzeigeunternehmen als Giftsünder: Jahrelang soll die Dortmunder Entsorgungsfirma Envio PCB-verseuchtes Material als gereinigt deklariert und verbreitet haben. Dabei hätten die Verantwortlichen „zumindest billigend in Kauf“ genommen, dass nicht nur die Umwelt, sondern auch Menschen mit dem gefährlichen PCB kontaminiert werden, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Ab Mittwoch müssen sich daher vier frühere Envio-Verantwortliche vor dem Landgericht Dortmund verantworten.

Unternehmen erhält sogar einen Umweltpreis

Dabei hatte die Dortmunder Firma lange als Vorzeigeunternehmen gegolten. Die Stadt war stolz, ein solches High-Tech-Unternehmen angelockt zu haben. Die Dortmunder Envio AG gehöre „zu den wenigen Unternehmen, die in der Lage sind, giftiges PCB aus alten Trafos zu waschen“, heißt es in „tremonia nova“, dem Image-Magazin der Stadt, im März 2008. Im Jahr darauf erhält das Unternehmen sogar einen Umweltpreis der Stadt, obwohl es schon damals Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei Envio gibt.

Multimedia-Spezial zu Envio

Die Geschäftsidee des Unternehmens klingt in der Tat überzeugend. Die Firma verdiene auf zwei Seiten, erklärte der damalige Geschäftsführer und Mitinhaber Dirk Neupert in „tremonia nova“: „Zum einen zahlen Kunden für die Entsorgung des PCB, zum anderen verkaufen wir das Metall der Alt-Transformatoren weiter.“

Details des Prozesses dürften allerdings nicht besichtigt und schon gar nicht fotografiert werden, heißt es in dem Bericht weiter. „Höchste Geheimhaltungsstufe.“ Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatten die Verantwortlichen dafür gute Gründe. Denn nach Einschätzung der Anklagebehörde blieb das Unternehmen weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück und entsorgte PCB-verseuchte Transformatoren völlig unsachgemäß.

Staatsanwaltschaft sieht vorsätzliche Verstöße bei Envio

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Envio-Verantwortlichen „vorsätzlich gegen behördliche Vorgaben verstoßen haben und die PCB-Kontamination einer Vielzahl von in der Recyclinganlage beschäftigten Mitarbeitern, Leiharbeitern und Beschäftigten von Fremdfirmen zumindest billigend in Kauf nahmen“. Folge ist unter anderem, dass das Blut mehrerer Hundert Beschäftigter mit PCB belastet wurde.

PCB gilt als extrem gesundheitsgefährdend, sogar krebserregend. Bereits Mitte vergangenen Jahres stellte die RWTH Aachen bei Dutzenden ehemaliger Envio-Beschäftigten Erkrankungen fest. Sie litten etwa unter Schilddrüsendefekten, Hautveränderungen oder Depressionen. Ein Arbeiter starb sogar. Ob die Fälle direkt auf den Kontakt mit dem gefährlichen PCB zurückzuführen sind, ist aber unklar, wie ein Sprecher der Bezirksregierung sagt. Denn wissenschaftlich sei es kaum zu belegen, was letztlich eine Krankheit ausgelöst habe.

Körperverletzung in 51 Fällen

Die Staatsanwaltschaft jedenfalls legt den Envio-Verantwortlichen Körperverletzung in 51 Fällen zur Last. Dem Geschäftsführer und dem ehemaligen Betriebsleiter des Unternehmens wirft die Anklagebehörde zudem „unerlaubten Umgang mit gefährlichen Abfällen, das unerlaubte Betreiben einer Abfallentsorgungsanlage und den unerlaubten Umgang mit gefährlichen Stoffen in einem besonders schweren Fall“ vor. Zwei weiteren Beschuldigten wird Beihilfe zum Straftatbestand des unerlaubten Betreibens einer Abfallentsorgungsanlage vorgeworfen. Für den Prozess sind zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt, der letzte am 10. August.

Das Unternehmen selbst gibt es in Dortmund schon lange nicht mehr. Ende Mai 2010 wurde der Betrieb im Dortmunder Hafen stillgelegt. Envio befindet sich inzwischen in der Insolvenz. Den Dortmundern hat das Unternehmen ein bitteres Andenken hinterlassen: Auf dem Hafengelände liegen auch heute noch verseuchte Transformatoren. (dapd)

Envio - der PCB-Skandal