Organisatoren des Schweige-Protests sind "total überwältigt"

BVB-Fans demonstrieren, dass sie sich im Stadion sicher fühlen.
BVB-Fans demonstrieren, dass sie sich im Stadion sicher fühlen.
Foto: Bongarts/Getty Images
In den vergangenen Wochen zeigen sich Fußball-Fans als äußerst kreativ, wenn es darum geht, ihre Interessen zu vertreten. Am 14. Spieltag schweigen Fans aus Protest gegen drohende Auflagen. Im Internet sammeln sie Stimmen, die sagen: "Ich fühle mich sicher".

Dortmund.. Fußball-Fans eilt ein negativer Ruf voraus. Proletenhaftes Verhalten, Randale, Pyrotchnik, Alkohol - ein Zerrbild des deutschen Stadionalltags. Doch in den Fankurven regt sich Protest. So setzten Fans in ganz Deutschland ein eindrucksvolles Zeichen - indem sie einfach schwiegen.

Eines der Epizentren im Engagement gegen strenge und einengende Sicherheitskonzepte ist Dortmund. BVB-Fans initiierten die Aktion "Kein Zwanni", um für faire Ticketpreise zu kämpfen. Jetzt regt sich Protest gegen das von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) aufgelegte Papier "Sicheres Stadionerlebnis". "Wir Fans sind beim Börsengang des BVB überrollt worden", sagt Jan-Henrik Gruszeki, ein Kenner der Dortmunder Fanszene und Urgestein der Ultraszene. Damals, im Jahr 2000, habe sich ein Teil der Dortmunder Fans politisiert. Gleichzeitig hatte das damalige BVB-Präsidium unter Gerd Niebaum Satzungsänderungen durchgedrückt, so dass einige kritische Mitglieder ihren Einfluss schwinden sahen. Als der Verein dann in den Jahren 2004 und 2005 kurz vor der endgültigen Pleite stand, regte sich lautstarker Protest. Unter dem Motto "Not for Sale" gingen BVB-Fans auf die Straße und protestierten unter anderem gegen die Verpfändung des Vereinslogos.

Und jetzt also zwölf Minuten und zwölf Sekunden langes Schweigen. Die Stille legte sich bleiern über Deutschlands lautestes Stadion. Gemurmel, ab und zu ein Ruf, gelegentliches Raunen, wenn sich auf dem Rasen eine Torchance anbahnte. Ansonsten: Stille.

Vorsänger wurden Vorschweiger

Unten auf dem Podest zwischen den Blöcken 12 und 13 der gigantischen Südtribüne stand Vorsänger Oliver Ricken. Gemeinsam mit seinem Kollegen Claas gibt er normalerweise die Lieder vor, die vom größten Chor der Welt gesungen werden. Gegen Düsseldorf waren die beiden zwölf Minuten lang die Vorschweiger. "Das war eine Atmosphäre wie beim Tennis", sagt Ricken. Die zwölf Minuten hätten sich "wie Kaugummi" gezogen. Das Vorstandsmitglied der Ultra-Gruppe "The Unity" zeigt sich überwältigt von der Geschlossenheit, mit der die Fans auf der Südtribüne still protestiert hatten. "Ich hätte niemals erwartet, dass das so gut wird", gibt Ricken zu.

80.100 Zuschauer schwiegen. Bis die großen Anzeigetafeln exakt zwölf Minuten und zwei Sekunden anzeigten - Auftakt zum Countdown. Vorsänger Ricken: "Ich habe mich gefühlt, als wären die Blicke von 80.000 Leuten nur auf uns beide auf dem Podest gerichtet." Dann, mit Schlag 12:12 Minuten, brach es aus den Fans auf der Südtribüne heraus: "Borussia, wir sind immer für dich daaaaaaaa!", nach der Melodie von "Im Wagen vor mir". Auf der gegenüberliegenden Seite feuerten die Gäste aus Düsseldorf ihre Fortuna an, auch sie hatten sich an die selbstauferlegten Schweigeminuten gehalten. Die Fans zeigten anschaulich, wie die Stimmung in Fußballstadien im schlimmsten Fall sein könnte und wie sie eigentlich immer sein sollte.

Sebastian Kehl fand das stille Stadion "komisch"

"Die ersten zwölf Minuten waren schon komisch", gestand auch BVB-Kapitän Sebastian Kehl nach dem Spiel. Die Mannschaft war unter der Woche von den Fans informiert worden. Dennoch sei es der Mannschaft natürlich lieber, "wenn die Fans ab der ersten Minute da sind". Beobachter hatten denn auch das Gefühl, dass mit dem Lärm im Stadion auch mehr Tempo in die Partie kam.

60.000 Fans bekennen: "Ich fühl mich sicher"

Schon Anfang November hatten BVB-Fans kurzentschlossen ein Internet-Portal auf die Beine gestellt. Auf www.ich-fuehl-mich-sicher.de riefen sie Fans aller deutschen Vereine auf, sich in eine Liste einzutragen. Mit Erfolg. Keine vier Wochen später haben sich rund 60.000 Fans in die Liste eingetragen. Mitinitiator Arne Steding: "Die Aussage, man fühle sich im Stadion sicher, ist der kleinste gemeinsame Nenner. Würden sie sich nicht sicher fühlen, würden sie nicht ins Stadion gehen." Eine erste Auswertung der Daten zeige, dass sich bei weitem nicht nur Ultras oder Hardcore-Fans in die Liste eingetragen hätten. Mehr als 12.000 Fans, also rund 20 Prozent der Teilnehmer, haben angegeben, dass sie mit Kindern ins Stadion gehen.

Dabei ist "Ich fühl mich sicher" längst keine Dortmunder Aktion mehr. "Ungefähr 80 Prozent der Einträge kommen von Fans anderer Vereine", sagt Steding. Neben den BVB-Fans hätten insbesondere Anhänger des 1.FC Kaiserslautern, Union Berlin und großer Vereine wie Schalke oder Bayern von der Liste Gebrauch gemacht. In Kaiserslautern waren Fans der "Roten Teufel" mit Laptops auf Stimmenfang gegangen. Auch von den Klubs direkt erhält das Projekt Unterstützung. Eintracht Braunschweig macht Werbung auf der Vereins-Website. Werder Bremen ging im Stadionheft auf "Ich fühl mich sicher" ein und in Ingolstadt flimmerten Informationen über die Anzeigetafel. Ausgerechnet der Heimatverein der Initiatoren ziert sich jedoch. Der BVB hat die Aktion noch nicht unterstützt. Für Steding unverständlich: "Wir sitzen im selben Boot. Der Verein kann doch nur davon profitieren, wenn er sagt, dass die Zuschauer im Stadion sicher sind."

Fans demonstrieren in der City

Am 8. Dezember werden die Fans wieder auf die Straße gehen - auch in Dortmund. Unter dem Motto "Für den Erhalt der Fankultur" wollen sie vor der Partie von Borussia Dortmund gegen den VfL Wolfsburg demonstrieren und vom Stadttheater über die Hohe Straße zum Stadion ziehen.

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