Ohne Stimme keine Stimmung – Solidarität unter den Fans gefragt

Choreographie der Fans der SpVgg. Greuther Fürth beim Derby gegen den 1.FC Nürnberg.
Choreographie der Fans der SpVgg. Greuther Fürth beim Derby gegen den 1.FC Nürnberg.
Foto: dapd
Der Ligaverband will im Dezember über das umstrittene Konzept-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ abstimmen. Auch in mittlerweile überarbeiteter Version erhitzt das Papier die Gemüter. Für den ursprünglich ohnehin unerwünschten Dialog mit den Fans bleibt kaum Zeit.

Dortmund.. Aus Sicht eines Fans gäbe es zur Zeit zahlreiche Dinge rund um den BVB, über die man lieber eine Kolumne schreiben würde, als über die oftmals unsachlich geführte Sicherheitsdebatte im deutschen Fußball.

Zum Beispiel könnte man den „Traum von Amsterdam“ Revue passieren lassen und sich an Borussias bisherigem Triumphzug durch die Königsklasse erGÖTZEn, lobende Worte für die zuletzt sehr gute Punkte-Ausbeute in der Liga finden. Falls man sich trotz alldem auf die Suche nach dem Haar in der schwarzgelben Suppe machen wollte, würde man sich über das egozentrische Gefasel von Ivan Perisic, den schlechten Stil von Lewandowskis Beratern oder die überzogenen Vorwürfe Lutz Michael Fröhlichs gegen Jürgen Klopp ereifern. Bei letzterem Themenkomplex käme mit Sicherheit dem noch aktiven Unparteiischen Felix Zwayer („Klopps Verhalten ist eine absolute Katastrophe“) sowie dem Gesamtkontext, nämlich der schizoiden Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Emotionen im Fußball, eine prominente Erwähnung zuteil.

Politik übt Druck auf den Ligaverband aus

Man könnte aber auch einfach besinnlich werden – so kurz vor dem Vereinsgeburtstag und dem Fest der Liebe, was ja für den Borussen quasi ein und dasselbe ist. Aber das ist alles Pustekuchen. Denn ein Thema überschattet seit Wochen die Stadionbesuche: Das DFL-Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ stellt in der Vorweihnachtszeit die deutsche Fußballwelt auf den Kopf.

In diesem wird wegen des Drucks aus der Politik mit viel zu heißer Nadel an Maßnahmen gestrickt, die die Herren Innenminister dazu bewegen sollen, bei der Sicherheitsdebatte die am Anschlag knarzende Populismus-Schraube ein kleines Stück zurück zu drehen und Verbänden und letztlich Vereinen, Fanprojekten und Fanvertretern eine Mitgestaltung an der Lösung diverser Problemstellungen zuzugestehen.

Anstieg der Gewalt beim Fußball?

Um bei diesem äußerst schwierigen Unterfangen zu reüssieren, jongliert man bei der DFL mit einschneidenden Maßnahmen und Kollektivstrafen. Denn so leicht wird man Politiker nicht mehr los, wenn sie sich einmal in ein medienwirksames Thema verbissen haben. Schließlich können diese ihren Bekanntheitsgrad dank des großen öffentlichen Interesses am Ballsport mit markigen Worten über vermeintliche Sicherheitsprobleme in Fußballstadien effizient erhöhen. Deswegen profilieren sich Vertreter der Innenministerkonferenz gerne mal als unerschrockene Beschützer des Volkes vor dem Fußball, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, sich mit dem Thema Sicherheit in deutschen Stadien – geschweige denn mit Fankultur – verantwortungsvoll auseinandergesetzt zu haben.

Statistiken werden fehlinterpretiert und aus Verstößen gegen Sicherheit und Stadionordnung wird ein halber Bürgerkrieg herbeigeredet. Es wird ein Anstieg der Gewalt im Fußball konstatiert – obwohl genau die Statistiken, die zu diesem Zwecke anders herum frisiert wurden, eigentlich besagen, dass bei einem Zuschauerschnitt von 45.000 Menschen pro Spieltag und Stadion lediglich ein Besucher verletzt wird. Im Vergleich mit anderen Großveranstaltungen ist das eigentlich ein sehr großer Erfolg in Sachen Sicherheit – auch wenn jeder Verletzte selbstverständlich einer zu viel ist.

DFL-Konzeptpapier mit heißer Nadel gestrickt

Getrieben von politischen und medialen Fußball-Sicherheits-Dystopien hat der Ligaverband nach dem Sicherheitsgipfel im Juli ein Konzeptpapier entwickelt, das den Mitgliedern Ende September vorgelegt wurde. Der geplante Maßnahmenkatalog vernachlässigte präventive Maßnahmen und Fan-Dialog gleichermaßen und konzentrierte sich auf verschärfte Sanktionsmechanismen. Neben einem verbindlichen, teils oktroyierten Fan-Kodex als Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens, enthielt das Handlungskonzept die Einführung von sogenannten „Vollkontrollen“ und jonglierte mit Kollektivstrafen für ganze Fangruppen und der Drohkulisse der restlosen Versitzplatzung deutscher Stadien.

Als das Konzeptpapier den Fans durch die Vereine – wohlbemerkt: nicht durch den Verband – bekannt wurde, kam es zu Protesten sowohl von Fanvertretern, als auch von den Vereinen, die sich teilweise in gleichem Maße übergangen und bevormundet fühlten. Eine viel zu kurze Rückmeldungsfrist erschwerte zudem die sachliche Auseinandersetzung mit den Forderungen unter Einbeziehung der Fans.

Auch bundesweite Medien horchten auf und befassten sich kritisch mit dem Thema. Noch während Fanvertreter bei eilig anberaumten Treffen und Tagungen eine Handlungsstrategie gegen die Einführung des neuen Maßnahmenkatalogs erarbeiten zu versuchten, wertete man beim Ligaverband die teilweise sehr kritischen Rückmeldungen aus und erarbeitete eine erneuerte, in einigen wichtigen Punkten moderatere Version des Papiers, über welches jetzt am 12. Dezember auf der Mitgliederversammlung der DFL abgestimmt werden soll.

DFL plant weiter einschneidende Maßnahmen

Die Frist für neuerliche Rückmeldungen seitens Vereinen und Fans wurde auf weniger als zwei Wochen festgelegt und ist bereits verstrichen. Hier kann man nur zu dem Schluss kommen, dass einer ernsthaften Auseinandersetzung mit allen Beteiligten abermals die Zeit geraubt werden sollte.

Schließlich sorgen in der Neuauflage des Papiers schwammige Formulierungen für einen großen Interpretationsspielraum. Zwar ist dankenswerter und zielführender Weise der teiloktroyierte Fankodex einer statuarischen Verankerung des Dialogs zwischen Clubs und Fans gewichen und man bekennt sich zur Stehplatzkultur, allerdings sind die heftig kritisierten „Nackt-Kontrollen“ immer noch nicht vom Tisch. Und die Grenzen zwischen Einzel- und Kollektivbestrafung verwischen an einigen Stellen.

Kommunikation mit Fans wirkt unfreiwillig

Grundsätzlich ist es sehr positiv, dass man bei der DFL offensichtlich nicht nur offene Ohren für Boulevard-Medien, Polizei-Gewerkschaften und die Innenministerkonferenz zu haben scheint, sondern auch für die Fans – oder zumindest für die Vereine. Ebenfalls positiv zu bewerten ist, dass das Konzeptpapier im Hinblick auf die Verhältnismäßigkeit seiner Maßnahmen überprüft und zumindest in Teilen verändert wurde.

Schlimm ist allerdings, dass die Kommunikation mit Vereinen und Fanvertretern bei der initialen Erstellung des Maßnahmenkatalogs keine Rolle gespielt hat und auch die Diskussion danach wohl weder geplant noch gewünscht war. Zumindest den Fans ist das Papier ursprünglich lediglich aus anderen Quellen zugespielt worden.

Treffen mit Dr. Hockenjos und Dr. Rauball

Die Frage nach dem wirklichen Wunsch nach Kommunikation mit den Fans stellte sich zwischenzeitlich auch in Dortmund. Zum DFL-Konzeptpapier gab es zwei Gesprächsrunden von Fanvertretern, Fanclubvertretern und Fanmagazinen mit Dr. Hockenjos (Leiter Organisation und Verwaltung bei Borussia Dortmund) und Dr. Rauball (DFL- und BVB-Vereinspräsident). Beide fanden in einer angenehmen und sachlichen Atmosphäre statt, in der sich allen Parteien die Möglichkeit bot, Verständnis für die jeweils andere Position zu entwickeln. Leider wurden beide Gesprächsrunden von Fans initiiert und fanden jeweils erst ganz kurz vor Ende der Rückmeldefristen statt. Schöner wäre gewesen, wenn die entscheidenden Personen von sich aus mit Gesprächsangeboten auf die Fans zugegangen wären.

Mehr Kommunikation mit den Fans beabsichtigt

Genau das soll allerdings in Zukunft passieren. So zumindest hat es Dr. Hockenjos im letzten Gespräch mit Fanvertretern für den Januar 2013 angekündigt. Das ist ein wichtiges und richtiges Signal, weil in Zukunft der Kommunikation zwischen Vereinen und Fans mehr Bedeutung beigemessen werden muss und eben diese den besten Weg hin zu akzeptanzfördernden Problemlösungen in Sachen Sicherheit im Stadion darstellt.

Nur eben hier liegt der Hund begraben: Die Kommunikation unter Einbindung der Fans fand sowohl in Dortmund als auch deutschlandweit viel zu spät und zu kurz statt. Denn wenn sie weitergeführt werden kann, ist der 12. Dezember vorbei und über das DFL-Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ ist dann bereits entschieden.

Wenn schon Politikschaffende gewohnt sind, über die Köpfe der Bürger hinweg zu entscheiden, sollten es Fußballverbände und –vereine in Zukunft mit ihren Fans anders machen. Denn sie – die Fans – sind ihr wichtigstes Gut. Auch und grade die, die sich nicht nur ein Sky-Abo kaufen, sondern mit ihrer Stimmung in den Stadien dafür sorgen, dass sich auch viele andere ein Sky-Abo kaufen.

Ohne Stimme keine Stimmung – Solidarität unter den Fans gefragt

Wegen des großen Interpretationsspielraums und der lächerlichen Kurzfristigkeit beim offensichtlich ursprünglich ohnehin ungewollten Dialog mit den Fans lehnt der überwiegende Großteil der aktiven Fanszenen das DFL-Papier auch in der überarbeiteten Fassung ab. Aus der BVB-Fanabteilung gibt es beispielsweise folgendes Statement: „Aufgrund der Kürze der vorgegebenen Frist und der Komplexität des Themas kann nicht auf jede Teilziffer des vorgelegten Papiers eingegangen werden. Darüber hinaus bleiben nach der Durchsicht des Papiers noch zahlreiche Fragen offen (…). Wir fordern daher eindringlich, das Papier als Beschlussempfehlung für eine Abstimmung im Rahmen der Mitgliederversammlung der DFL (…) abzulehnen“.

Nichtsdestotrotz – so versicherte Dr. Hockenjos in der letzten Woche den Dortmunder Fanvertretern – soll am 12. Dezember über den Maßnahmenkatalog abgestimmt werden.

Aktive Fans aus dem gesamten Bundesgebiet haben daher Protest-Aktionen unter dem Motto „12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung“ angekündigt. An mindestens den drei verbliebenen Spieltagen bis zum besagten 12.12. ist für jeweils die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden der Spiele ein Stimmungsboykott geplant, um den Entscheidern in möglichst vielen Stadien gleichzeitig vor Augen zu führen, dass der Fußball von seinen Zuschauern und der Stimmung in den Fanblöcken lebt.

Fan-Demo am 8. Dezember geplant

Die Fans erhoffen sich Solidarität untereinander und wollen damit herausstellen, dass die geplanten Sanktionsverschärfungen seitens der DFL sich bei weitem nicht – wie vereinzelt angenommen – nur auf die Ultra-Szenen, sondern eben auf alle Fans auswirken würden. In Dortmund heißt es also schon morgen beim Spiel gegen Fortuna Düsseldorf: 77:48 Minuten alles geben - und vorher 12:12 Minuten den Mund halten!

Darüber hinaus hat man noch beschlossen, sich dem Thema bis zum 12. November nicht nur negativ, d. h. in Form von Boykott oder Protest, sondern auch positiv zu nähern: Mit einer bunten Fan-Demo am letzten Spieltag vor der Abstimmung – einer Demonstration nicht nur GEGEN das DFL-Konzept, sondern FÜR eine lebendige Fankultur in Deutschland. Eine gute Entscheidung, weil man nur auf diesem Weg auch die Politik erreicht. In Dortmund ist die Demo für den 8. Dezember vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg geplant.

Neue Munition für Populisten

Leider ist es nicht möglich, über die zur Zeit hektische und hitzige Gemengelage zum Thema Stadionsicherheit zu schreiben, ohne die teilweise peinlich verunglückten „Pyro-Shows“ in Düsseldorf und Gelsenkirchen zu erwähnen. Mit selten dämlichem Verhalten haben eine Minderheit von Hamburg- und Schalke-Fans allen Stadiongängern am vergangenen Wochenende einen Bärendienst erwiesen.

Sicherlich ist Pyrotechnik nicht mit Gewalt gleichzusetzen, sicherlich wünschen sich einige Fans ihre (Teil-) Legalisierung und sicherlich sind die vorhandenen Probleme in Sachen Sicherheit im Fußball kleiner, als sie unter dem Brennglas von Politik und Medien erscheinen. Trotzdem: In der jetzigen Situation den Populismus gegen die Fankurven so bereitwillig zu „befeuern“ (Sic!), ist nicht nur egozentrisch und weltfremd. Es ist auch rücksichtslos und dumm. Dabei – wie es HSV-Fans passiert ist – dann auch noch aus Versehen die eigene Blockfahne abzufackeln, passt da durchaus ins Bild.

In Gelsenkirchen soll es sich gerüchtehalber um eine Art Abschieds-Protest-Aktion einiger der viel zitierten Anti-DFB-und-DFL-Hardliner innerhalb der Ultra-Szenen gehandelt haben, die hinter allem eine Verschwörung des sogenannten Establishments gegen die Fankultur sehen und von denen auch nicht selten die zu lösenden Probleme ausgehen. Sollte dem tatsächlich so sein, hätten die besagten Personen eine exzellente Entscheidung im Sinne des Fußballs getroffen, blieben sie dem Stadion (bzw. in diesem Fall der Mehrzweckarena) tatsächlich in Zukunft fern.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Dem Dortmunder Stadiongänger bleibt zu hoffen, dass in der schwarzgelben Fanszene bis zum 12. Dezember nicht nur 99, sondern 100 Prozent aller Fans klüger handeln werden. Und dass aus diesem Chaos, dass zumindest in seiner jetzigen Form eher Politik und DFL, als die Fußballfans selbst herbei geschworen haben, ein kontinuierlicher Dialog erwächst, der es in Zukunft ermöglicht, die Gräben zwischen dem Fußball und seinen Fans zu verkleinern, anstatt sie weiter zu vergrößern. Dafür müsste der Entwicklung neuer Vorgaben für ein DFL-Sicherheitskonzept über den Dezember hinaus mehr Zeit eingeräumt werden.

26.11.2012, Rutger Koch, Gib mich DIE KIRSCHE

 
 

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