Obdachlose werden immer häufiger Opfer von Gewalt

Christina Römer
Ein Obdachloser in der Dortmunder Innenstadt. Immer häufiger werden Obdachlose Opfer von Gewalttaten. Foto: Franz Luthe
Ein Obdachloser in der Dortmunder Innenstadt. Immer häufiger werden Obdachlose Opfer von Gewalttaten. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe
Für Obdachlose wird das Klima rauer – nicht nur die Temperaturen sinken, sondern auch die Solidarität. Die Mitarbeiter der Straßenzeitung Bodo sagen: Obdachlose werden immer häufiger Opfer von Gewalt.

Dortmund. Er steht vor dem BVB-Fanshop, es ist der Tag des Derbys. Viele Menschen sind in der Innenstadt. Viele potenzielle Kunden für den 59-Jährigen, der die Straßenzeitung Bodo verkauft. Ein Mann läuft vorbei, rempelt ihn grob an. Der 59-Jährige versucht, Haltung zu bewahren: „Jetzt fühlst du dich stark“, sagt er, um noch ein bisschen Würde zu bewahren. Der alkoholisierte Mann kommt zurück, geht auf den 59-Jährigen los, schubst ihn und tritt auf den am Boden liegenden Zeitungsverkäufer ein.

Das war vor einer Woche. Kein Einzellfall. Erst wenige Stunden später ist in Bochum eine obdachlose Frau überfallen worden – zum wiederholten Mal. „Unsere Verkäufer beklagen sich immer häufiger darüber, dass die Menschen sie beschimpfen, bedrohen und sogar attackieren“, hat Bastian Pütter, Redaktionsleiter von Bodo festgestellt. „Es scheint zunehmend zu provozieren, dass die Menschen arm sind“, ist Pütter entsetzt. „Das ist eine Situation, die ich noch vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten hätte.“

Ein weiteres Beispiel von vor wenigen Monaten: Ein Obdachloser, der auf der Brückstraße geschlafen hatte, ist im Schlaf zusammen getreten worden. „Der hat jetzt einen Knacks weg“, weiß Pütter. Weil er sich nun völlig ungeschützt fühlt und immer Angst davor haben muss, dass so ein Angriff wieder passiert.

Der Bodo-Mitarbeiter bekommt immer wieder mit, dass die Verunsicherung bei den Verkäufern und bei den Obdachlosen groß ist. „Die meisten, die angegriffen worden sind, spielen die Bedeutung herunter“, sagt Pütter. Weil sie sich schämten. Wie der 59-Jährige, der zunächst gar nicht erzählen wollte, was ihm passiert war. Erst als Pütter von Zeugen erfahren hatte, was geschehen war, rückte der Mann mit der Sprache raus.

„Ein Zeichen der Entsolidarisierung“

„Das Klima ist härter geworden“, sagt auch Tanja Walter, Geschäftsführerin des Vereins Bodo. Vor allem Gruppen männlicher Jugendlicher seien ein Problem. Das ginge bereits mit beleidigenden Worten los. „Geh‘ arbeiten“, sei noch eine der harmlosen Worte, mit denen die Obdachlosen verunglimpft werden.

„Das ist ein Zeichen der Entsolidarisierung“, glaubt Bastian Pütter. Menschen, die oft selbst Probleme hätten, fühlten sich von dem Bild des armen Mannes auf der Straße provoziert. „Und unsere Verkäufer fühlen sich von der Gesellschaft noch weniger gewollt als früher.“ Dem 59-Jährigen hatten am Samstag Passanten geholfen. „Zum Glück gibt es immer noch viele solcher Menschen“, sagt Pütter.