Nur 707 Besucher in drei Wochen - hat der U-Turm ein Akzeptanzproblem?

Sogar über eine eigene Energiezentrale (rechts im Bild) verfügt der Dortmunder U-Turm. Doch seine Kraft voll zu entfalten, war Dortmunds über 50 Mio Euro teures Kulturhauptstadt-Projekt bislang nicht in der Lage
Sogar über eine eigene Energiezentrale (rechts im Bild) verfügt der Dortmunder U-Turm. Doch seine Kraft voll zu entfalten, war Dortmunds über 50 Mio Euro teures Kulturhauptstadt-Projekt bislang nicht in der Lage
Foto: WAZ FotoPool
Hat der Dortmunder U-Turm ein Akzeptanzproblem? Die Besucherresonanz des Kulturhauptstadtjahres fällt jedenfalls ziemlich bescheiden aus. Und auch im neuen Jahr läuft das Interesse schleppend an. Die großen Ausstellungen in der Nachbarstadt Essen lockten dagegen Hundertausende an.

Dortmund. Freier Eintritt plus Katalog und Wandkalender: Angelika Errante dürfte sich gefreut haben. Vor wenigen Tagen wurde die Dortmunderin als 200.000. Besucherin der Ausstellung „Paris - Bilder einer Metropole“ im Essener Folkwang Museum willkommen geheißen. Bemerkenswert: In ihrer Heimatstadt hätte die 45-Jährige nicht einmal den Hauch einer Chance auf eine vergleichbare Ehre gehabt. Denn gegenüber der Magnetkraft der 2010-Topacts in der Nachbarstadt verblasst die Strahlkraft des „U“ zu einem kümmerlichen Glimmen - und das trotz Millioneninvestition.

Nach den der WAZ vorliegenden Zahlen haben im letzten Jahr knapp 80.000 Besucher den U-Turm von Innen erlebt. Damit erreicht der zu einem der wichtigsten „Leuchttürme“ des Kulturhauptstadtjahrs hochgejubelte Kreativturm nicht einmal ein Drittel der Besucherzahl einer einzelnen Essener Ausstellung, die zudem erst seit Anfang Oktober - also erst nach der Eröffnung des Ostwallmuseums im U startete.

Krasser noch fällt der Vergleich aus, wenn man die Gesamtzahlen aller großen Essener 2010-Ausstellungen zugrunde legt. Allein das Ruhrmuseum auf Zollverein zählte eine halbe Million Besucher. Die beiden anderen großen Folkwang-Ausstellungen des Kulturhauptstadtjahres („Das schönste Museum der Welt“, „A Star is born“) kamen zusammen auf über 400.000 Gäste. Macht summa summarum rund 1,1 Millionen Ausstellungsbesucher in nur einem Jahr.

Experimentierstadium

Wie genau sich die Besucher auf die einzelnen Etagen im „U“ verteilt haben, ist kaum abzuschätzen. Differenziert ausgezählt wird erst seit dem 27. Dezember. Bis Weihnachten liegen nur Gesamtbesucherzahlen pro Woche und Monat vor. Die besucherstärksten Zeiten sind mit weitem Abstand die Wochen der Eröffnung des Ostwallmuseums und die der ersten Wechselausstellung mit teilweise freiem Eintritt.

Seit Weihnachten hält sich das Interesse am U wieder in engen Grenzen. Pro Woche pendeln die Gesamtzahlen zwischen 2500 und 2700 Besuchern, inklusive aller Führungen und Schulklassen. Aufgeschlüsselt ergibt sich folgende Bilanz: Die erste große Sonderschau „Bild für Bild“, die seit dem 18. Dezember zu sehen ist, kommt in den drei Wochen seit Weihnachten bis zum 16. Januar auf lediglich 707 zahlende Besucher. An einzelnen Tagen schlenderte nur eine Handvoll Interessierter durch die Ausstellung hochkarätiger Werke aus dem Pariser Centre Pompidou. Die Dauerausstellung im Ostwallmuseum sahen in derselben Zeit immerhin 2176 Besucher. Doch auch hier gab es Tage, an denen Museumsdirektor Kurt Wettengl eine handverlesene Zahl von Besuchern persönlich hätte durchs Haus führen können.

Unzufriedenheit in den Kulturbetrieben

Kein Wunder also, dass Kurt Eichler, der Chef der Dortmunder Kulturbetriebe, unzufrieden ist. „Das U muss mehr sein als nur die Summe seiner Teile. Danach sieht es aber derzeit nicht aus“, so Eichler im WAZ-Gespräch. Dem erfahrenen Kulturmanager kann das Schicksal des Turms ganz und gar nicht gleichgültig sein. Seit Anfang des Jahres hat Eichler das „U“ mit den Unwägbarkeiten eines bislang nirgendwo erprobten Konzeptes „an der Backe“.

Denn wie Volkshochschule oder die Bibliotheken fällt der Turm nun in seinen Geschäftsbereich. Allerdings ohne den Schwester-Betrieben auf der Tasche zu liegen, wie Eichler beteuert. Für die enormen Betriebskosten des Turms in Höhe von 5,2 Mio Euro jährlich (inklusive 700.000 Euro Ostwallmuseum-Etat) erhält Eichler eine Finanzspritze aus dem Stadtetat. Redet man mit Eichler über die Zukunft unterm U, ist eine gewisse Ernüchterung zu spüren. Das Haus befinde sich noch im Experimentierstadium. Mit belastbaren Erfahrungen aus dem Vollbetrieb sei vor 2013 nicht zu rechnen.

Auch die von der Verwaltung ins Spiel gebrachte Umwandlung in eine Stiftung mit der Ostwallsammlung als Kapitalstock (WAZ berichtete) betrachtet er skeptisch. Für rund 5 Mio Betriebskosten brauche man 100 Mio Euro Stiftungskapital. „Wo soll das Geld herkommen?“, fragt Eichler. Die Kunstsammlung sei Millionen wert, werfe aber keine Erträge ab.

 
 

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