NS-Opfer vom Amt schikaniert

Gerald Nill
Claire Rosenberg, 87-jährige US-Bürgerin, geboren in Deutschland, möchte ein Bleiberecht in der Bundesrepublik, was ihr bislang verweigert wird. Das Foto zeigt außerdem die Enkelin Martina Reich mit Unterlagen.
Claire Rosenberg, 87-jährige US-Bürgerin, geboren in Deutschland, möchte ein Bleiberecht in der Bundesrepublik, was ihr bislang verweigert wird. Das Foto zeigt außerdem die Enkelin Martina Reich mit Unterlagen.
Foto: privat

Dortmund. Claire Rosenberg (87) hat eigentlich nur noch einen Wunsch. Die NS-Verfolgte, die nach Amerika auswanderte, möchte ihren Lebensabend im Kreis ihrer Familie in Dortmund verbringen. Was die gebürtige Deutsche nicht kalkuliert hatte: Die Ausländerbehörde soll mündlich gedroht haben, sie abzuschieben. Die Stadt widerspricht dieser Darstellung.

„Das ist ein schlechter Witz“, sagt ihre Enkelin Martina Reich aus Husen. Als sie bei der Ausländerbehörde nachfragte, heulte sie vor Wut. Was hatte die gebürtige Kölnerin Claire Rosenberg nicht alles vorgelegt: Darunter eine Geburtsurkunde von 1924, eine weitere, die 1979 vom Generalkonsulat der BRD in New York beglaubigt worden ist.

„Es fing eigentlich ganz gut an“, erinnert sich der Sohn der Rückkehrerin aus den USA, Ernst Samuel aus Asseln, wie er bei der Dortmunder Ausländerbehörde in der Sache seiner Mutter vorsprach, um die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen.

Papiere füllen Mappe

Reine Formsache, dachte Samuel. Einen Teil der geforderten Papiere hatte er dabei, einen Teil sollte er noch beibringen. Inzwischen füllen die Papiere eine ganze Mappe.

Darunter ist auch ein so sensibles Dokument wie die Bescheinigung aus dem Jahr 1945, dass die Mutter als Jüdin im Konzentrationslager Hessisch Lichtenau einquartiert gewesen ist. „Mein Vater ist im Lager Theresienstadt erschlagen worden“, berichtet Ernst Samuel, der Vollständigkeit halber. Die Mutter wanderte nach dem Krieg nach Amerika aus; ein Einbürgerungsausweis weist sie als „German“ aus.

Die Familie brachte in Dortmund auch die Unterlagen bei, die von der Ausländerbehörde noch gefordert waren: Einkommensnachweise. Claire Rosenberg hat Einkünfte aus einer amerikanischen Rente. Sie hat außerdem Einkünfte von der deutschen Rentenversicherung in Berlin und ihr steht, nicht zuletzt, eine Wiedergutmachungsrente als Nazi-Verfolgte seitens der Bezirksregierung Düsseldorf zu. Hinzu kommen Zinseinkünfte. Alles schriftlich belegt. „Meine Mutter liegt keinem deutschen Steuerzahler auf der Tasche“, betont Samuel.

Übersetzung gefordert

Dennoch kam, womit niemand rechnete: Die Behörde schrieb, dass die Nachweise über alle regelmäßigen Einkünfte in deutscher Sprache und amtlich übersetzt sein müssten. Und noch besser: Das Ausländeramt verlangt einen „Nachweis über den ehemaligen Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft“.

Die Angehörigen fielen aus allen Wolken. „Reicht denn nicht die Geburtsurkunde?“ fragte die Enkelin telefonisch beim Amt nach. Nein, da könne ja jeder kommen“, soll die Antwort gelautet haben. Claire Rosenberg müsse eben nach Köln fahren. Die Hinweise, dass die Antragstellerin 87, im Altenheim wohnend und das Stadtarchiv Köln, wie bekannt, vernichtet sei, zogen nicht. „Das ist nicht mein Problem“, soll der Mitarbeiter gesagt haben. Und wenn sie nicht „kooperativ“ sei, „muss ich sie eben ausweisen“.

Sohn Ernst Samuel bezeichnet die Schikane als Stolpersteine: „Ich muss wohl von der Jungfrau Maria geboren worden sein“, scherzt er. Obwohl die Sache alles andere als komisch ist. Die Enkelin verweist auf die Vita der Oma und ist empört über die Arroganz der Behörde. Oder ganz sachlich: „Ich weiß wirklich nicht, was ich noch vorlegen soll, um zu beweisen, dass sie gebürtige Deutsche ist.“

AOK machte keine Probleme

Selbst als Amerikanierin habe die Oma doch ein unbefristetes Aufenthaltsrecht in Deutschland, führt Reich an. Ohne Probleme nahm die AOK inzwischen ihr ehemaliges Mitglied innerhalb weniger Tage wieder auf.

In einer schriftlichen Stellungnahme zu diesem Fall schreibt die Stadt Dortmund: „Frau Rosenberg ist weder zur Ausreise aufgefordert worden, noch steht sie vor der Abschiebung o.ä..“

„Fakt ist, dass Frau Rosenberg, die amerikanische Staatsbürgerin ist, im Juli 2011 ihren Wohnsitz von New York nach Dortmund verlegt hat...und die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis beantragt hat.“

„Die Antragsprüfung ist noch nicht abgeschlossen,“ so die Stadt.

„Nach den bisher eingereichten Unterlagen, insbesondere den Kopien ihrer Geburtsurkunde, spricht vieles dafür, dass es sich bei Frau Rosenberg um eine ehemalige deutsche Staatsangehörige handeln könnte. Damit würde sie aufenthaltsrechtlich einen Sonderstatus genießen (§ 38 Abs. 2 AufenthG). Eine endgültige Klärung steht allerdings noch aus. Möglicherweise liegen dem Träger der Wiedergutmachungsrente diese Informationen vor. Eine Antwort erwarten wir in den nächsten Tagen.“ Dann könne „zeitnah“ entschieden werden.