Farne erobern Industriemauern

Sattes Grün neben altem Stahl - so präsentiert sich die Kokerei Hansa. Foto: Michael Printz
Sattes Grün neben altem Stahl - so präsentiert sich die Kokerei Hansa. Foto: Michael Printz
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Huckarde.  „Mit Macht erobert sich die Natur die Standorte zurück – das sind spannende Geschichten für uns Botaniker“, sagt Diplom-Geograf Peter Gausmann über die Pflanzenwelt auf der ehemaligen Kokerei Hansa. Ein Industriewald entsteht – und eine seltene Farnflora.

Gausmann (34) ist im Bereich Landschaftsökologie und Biogeografie an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Das Industriedenkmal Hansa liefert ihm Anschauungsmaterial zu industrietypischer Flora und Vegetation. Bei seinem Promotionsvorhaben befasst er sich mit „Industriewäldern im Ruhrgebiet“. Und ein kleiner Industriewald ist auf Hansa entstanden – trotz schlechter Bodenverhältnisse, bedingt zum Beispiel durch Koksablagerungen. „Ein Faszinosum, das unter diesen Bedingungen dort etwas wächst“, so Gausmann.

Wo früher Züge fuhren, wuchert jetzt ein Wald

Doch der kleine Wald wuchert – und breitet sich auch etwa dort aus, wo sich früher der Kokereibahnhof befand. „Es wächst aus den Gleisbetten heraus“, ist auch Gerhard Hendler beeindruckt, der hier ehrenamtlich Besucherinnen und Besucher bei industriehistorischen Rundgängen über das Areal führt. Er kennt die stillgelegten Produktionsanlagen aus dem Effeff. Aber die Pflanzenwelt, die hier auf dem Erlebnispfad „Natur und Technik“ zu betrachten ist, hält auch für ihn immer wieder Überraschungen bereit.

Denn Geograf Peter Gausmann entdeckte bei einem Rundgang einige „aus pflanzengeografischer und naturschutzfachlicher Sicht hoch interessante, seltene und schutzwürdige Arten“ – so genannte Mauerfarne wie die Hirschzunge, den Gewöhnlichen Tüpfelfarn und den Braunstieligen Streifenfarn. „Diese Farnpflanzen erreichen den Raum Dortmund durch den Windtransport ihrer winzig kleinen, nur wenige Mikrometer großen Sporen, die durch den Wind weit hoch in die Atmosphäre und dadurch über hunderte von Kilometern transportiert werden können“, erklärt Gausmann. Dass die Sporen auf Hansa gelandet sind und die Farne, diese „Kosmopoliten“, nun hier gedeihen, sei insofern Zufall.

Jetzt besiedeln diese Farnen-arten die Mauerspalten an ehemaligen Produktionsstätten – an Sieberei, Kompressorenhalle, Gebläsehaus und Ammoniakfabrik. Die Mauern sind für die Farne dabei „künstliche Kalkfelsen“. Dort siedeln sie sich für gewöhnlich an – etwa im südlich gelegenen Mittelgebirge des Sauerlandes. Während der Eichenfarn, eine weitere auf Hansa entdeckte Art, sonst in nährstoffreichen Wäldern heimisch ist und im Dortmunder Raum ebenso „sehr selten“ vorkomme.

Eine Seltenheit im
Raum Dortmund

Gausmanns Fazit zu den verschiedenen Farnenarten: „Eine vergleichbare industriebegleitende Mauerfarnflora gibt es im Ruhrgebiet erst wieder 65 Kilometer weiter westlich im Landschaftspark Duisburg-Nord“. Und weiter: „Aufgrund der extremen Seltenheit dieser Farne im Dortmunder Raum ist diese Farnflora an der Kokerei Hansa nicht nur aus regionaler geografischer Sicht bemerkenswert, sondern auch in hohem Maße schutzwürdig.“

Zudem, ergänzt Gerhard Hendler bildhaft, setzten die Farne eine Tradition fort – denn sie kommen von außerhalb, so wie früher die Einwanderer, die auf Hansa anheuerten.

 
 

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