Carmen Röser fotografierte einen Sexualstraftäter

"Mann missbraucht Sechsjährige hinter der Schule - dieser Fall aus Kley schockierte im Januar 2015 die Stadt. Carmen Röser machte damals ein Foto von dem Täter, deshalb konnte er schnell gefasst werden. Dafür hat die Dortmunderin jetzt den Preis für Zivilcourage erhalten. Uns schilderte sie die ganze Geschichte.

Kley. NRW-Innenminister Ralf Jäger hat Carmen Röser am Donnerstag in Hagen mit dem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

Das erste, was an der blonden Frau auffällt, ist ihr Händedruck. Er ist ungewöhnlich zart. Mit tiefer Stimme erzählt die allein erziehende Mutter von diesem Tag im Januar 2015, der auch sie verändert hat. Seit diesem Tag gehe sie noch mal bewusster durchs Leben. "Ich sehe mir die Menschen ganz genau an - und ich vertraue auf meinen Hund", sagt Carmen Röser.

Der Morgen des 9. Januar ist grau und stürmisch. Es ist kurz vor 8, Carmen Röser hat ihren jüngeren Sohn Mattes gerade zur Schulbushaltestelle an der Dorneystraße gebracht, jetzt will sie noch eine Runde drehen mit Hund Pekka, wie jeden Morgen. Das Leben verläuft in Bahnen, aber nicht immer in geordneten, und das weiß die gelernte Kinderkrankenschwester nur zu gut: Scheidung, Krankheit, Rente, ihren Ex-Freund musste sie nach einem Zusammenbruch reanimieren, eine Freundin hat sich gerade das Leben genommen. Carmen Röser sehnt sich nach einem normalen Tag.

Noch heute pfeift der Wind in ihren Ohren

Hinter der Grundschule Am Dorney führt ein Weg in den Wald. Auf diesem Weg kommt ihr eine Frau mit Hund entgegen. Als Hundebesitzer kennt man sich, die Frauen wünschen einander ein frohes neues Jahr, wechseln ein paar Worte. 20 Schritte weiter bleibt Carmen Röser stehen und mit ihr die ganze Welt. Sie fühlt sich, als würde sie aus der Realität ausgeschnitten und in eine andere versetzt. Noch heute pfeift der Wind in ihren Ohren, wenn sie an diesen Moment denkt: Schemenhaft erkennt sie zwei Figuren hinter den kahlen Büschen. Die eine ist groß, die andere klein.

Sie hört Pekkas Bellen, "aber er bellte nicht wie sonst", wird sie später erzählen, "er klang aufgeregt, aufgebracht." Sie ruft den Hund zu sich. Carmen Rösers erster Gedanke: Warum machen die hier draußen Biologieunterricht? Sie geht um den Busch herum, dahinter liegt ein Hügel. In der Mitte des Hügels steht ein Kind, es hat eine rosa Jacke an, über seinem Arm hängt eine Warnweste, das Gesicht kann sie nicht erkennen, vor dem Kind steht ein Mann, sie sieht nur seinen Rücken. Das kann nicht sein, denkt Carmen Röser. Plötzlich liegt der Mann auf dem Kind.

Pekka rennt auf den Mann zu

Sie lässt den Hund los, Pekka rennt auf den Mann zu, dann beginnen ihre Beine zu laufen, den Weg hoch in Richtung Pfarrer-Barnheim-Weg, zwei Frauen kommen ihr entgegen, eine davon kennt sie, Carmen Röser ruft "Komm mal schnell", dann spricht sie aus, was sie nicht glauben kann: "Dahinten wird ein Kind vergewaltigt." Die andere Frau will Hilfe holen. Als die Frauen den Hügel erreichen, kommt ein Mann aus dem Gebüsch, "er machte sich gerade die Hose zu", erinnert sie sich heute.

Carmen Röser greift wie von selbst in ihre Jackentasche, nimmt ihr Handy und macht Fotos von ihm. "Sie dürfen mich nicht fotografieren!", ruft er, tausend Gedanken schießen der Mutter durch den Kopf. "Was hast du mit dem Mädchen gemacht?", fragt sie mit ihrer tiefen Stimme. Er ist jung, aber groß, gut, dass Pekka da ist, denkt sie. Der Mann wirkt unruhig, stotternd bringt er hervor, er habe sie nur nach der Uhrzeit gefragt. "Wohin willst du?", fragt die andere Mutter. Er sagt, er müsse zur Schule, aber er sieht nicht wie ein Schüler aus, denkt Carmen Röser. Dann sagt er noch einen Namen, einen falschen, wie sich später herausstellt. Sie schießt ein letztes Foto, er hält die Hand vors Gesicht, dann dreht er sich um und läuft los.

Die Frauen auch, sie rennen von dem Hügel hinter der Grundschule Am Dorney quer über die Wiese, nach vorne zur Schule, sie wollen hinein und nach dem Kind sehen, aber sie dürfen nicht, es heißt, man habe schon die Polizei gerufen, das Kind sei in Sicherheit. Die andere Frau hatte sich um das Mädchen gekümmert und die Lehrer alarmiert. Minuten später fährt ein Streifenwagen vor. Carmen Röser zeigt den Polizisten die Stelle hinter den Büschen und ihr Handy, sie fotografieren die Bilder ab, die Mutter schreibt ihre Adresse und Telefonnummer auf, dann sind die Polizisten wieder weg.

Was ist hier eigentlich passiert?

Carmen Röser fragt sich: Was ist hier eigentlich passiert? Wenige Stunden später wird der Mann gefasst. Aber noch Tage, Wochen, Monate danach ist Carmen Röser voller Angst, wenn sie das Haus verlässt, gleichzeitig erlebt sie diesen Moment immer wieder. Wie konnte die andere Hundebesitzerin einfach weiterlaufen? Sie muss etwas gesehen haben, glaubt die 40-Jährige. Wie weit ist der Mann gegangen? Bis heute weiß sie nicht, was genau der Täter dem Mädchen angetan hat. Und sie fragt sich immer wieder: Was, wenn es mein Kind gewesen wäre? "Die Menschlichkeit fehlt total", sagt Carmen Röser, und es wird klar, dass sie nicht nur von diesem Fall spricht.

Als sich im Ort herumgesprochen hatte, dass sie damals die entscheidende Zeugin war, sei viel geredet worden - aber nur wenige hätten ihr gratuliert oder gedankt. Auch die Eltern des Mädchens hätten sich nie bei ihr gemeldet. Hauptsache ich und dann ganz lange nichts, das sei offenbar die Einstellung vieler Menschen. "Was jeder einzelne im Alltag vollbringt", sagt die 40-Jährige, "wird kaum noch gesehen."

Sie wirkt, als laste etwas schwer auf ihr. Carmen Röser kann nicht mehr arbeiten, eine Krankheit zerstört ihre Gelenke. Ihr ältester Sohn Mika (13) lebt bei ihrem Ex-Mann. Mattes, der Jüngere, wird im Dezember 11, er hat Probleme mit der Sprache und geht auf die Johannes-Wulff-Schule, eine Förderschule. Mit Labradoodle Pekka wohnt er bei seiner Mutter. Pekka sei wie eine Therapie für sie beide, sagt Carmen Röser - Mattes spreche mit dem Hund, gleichzeitig wirke er beruhigend auf ihn, und sie selbst komme durch das Tier in Bewegung.

"Ich vertraue auf dieses Tier"

Kurz nach dem sexuellen Übergriff in Kley habe Pekka sie selbst vor einem Mann im Wald beschützt. "Ich vertraue auf dieses Tier", sagt sie. "Wenn er jemanden anbellt oder anknurrt, weiß ich: Da ist was." Auf die Frage, ob sie eine Heldin sei, antwortet Carmen Röser nicht direkt. Eigentlich sei Pekka ja der Held, denn er habe den Täter damals gestört. "Es fällt mir schwer, mich zu loben", sagt die 40-Jährige. Sie schweigt. "Ich denke, es sollte selbstverständlich sein." Wieder Schweigen, ihre großen Augen blicken eindringlich. "Aber in dem Moment war ich es."

Bei der Verhandlung im Januar 2016 sagte Carmen Röser gegen den Angeklagten aus. Der 19-jährige Täter ist psychisch schwer krank. Eine Strafe bekam er nicht, er macht jetzt eine Therapie. Zu dem Urteil sagt die damalige Zeugin: "Jedem sollte man noch mal eine Chance geben. Andererseits ist es unfassbar."

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