Neue Herausforderungen für Telefonseelsorge

Ingrid Behrendt-Fuchs, Leiterin der Telefonseelsorge Dortmund.
Ingrid Behrendt-Fuchs, Leiterin der Telefonseelsorge Dortmund.
Foto: Ralf Rottmann
Moderne Medien stellen die Dortmunder Telefonseelsorge vor neue Herausforderungen. Immer häufiger suchen Menschen den Kontakt per Chat oder auch über das Handy.

Dortmund. Moderne Medien stellen die Dortmunder Telefonseelsorge vor neue Herausforderungen. Immer häufiger suchen Menschen den Kontakt per Chat oder auch über das Handy. Zudem ist die Zahl der Hilfesuchenden in die Höhe geschnellt. Seit 1998 hat sich die Zahl fast verdoppelt, lag im vergangenen Jahr bei 22.500 Kontakten, ein Jahr zuvor sogar bei knapp 26.000 Kontakten.

Das Handy werde von vielen Hilfesuchenden mittlerweile gleichberechtigt zum Festanschluss eingesetzt, berichtet Pfarrerin Ingrid Behrendt-Fuchs, seit 2010 die Leiterin der Dortmunder Telefonseelsorge. Das habe zur Folge, dass auch die Anrufe für die Menschen, die per Handy anrufen, kostenfrei sind. Generell könne man nicht feststellen, ob der Anruf vom Festnetz oder vom Handy eintrifft.

Testanrufe von Jugendlichen

Denn die Nummern kommen anonym an. Aber wenn die Verbindung urplötzlich schlechter werde oder abbreche, dann könne man schon erkennen, dass es sich um einen Handyanruf handelt. „Eine negative Erscheinung geht allerdings mit der Nutzung des Handys einher“, so Behrendt-Fuchs. „Anrufe, die wir Scherzanrufe nennen, die aber alles andere als lustig sind.“ In der Regel seien es Jugendliche, die durchklingeln, sich einen Scherz machen wollen.

Doch könne man nicht gleich sagen, ob es sich auch wirklich „nur“ um einen solchen Scherz handelt. „Es können auch Jugendliche sein, die uns einmal testen wollen“, so Behrendt-Fuchs. „Wer sitzt denn da? Kann ich demjenigen vertrauen? Was hat der für eine Stimme?“ Deshalb prüfe man diese Anrufe sehr genau, bevor man deutlich macht: „Jetzt nehmt ihr anderen, die ernsthaft Hilfe benötigen, die Chance, uns anzurufen.“

Umstritten seien die modernen Medien wie Chatten oder E-Mail, wobei die Dortmunder E-Mail-Kontakte nicht anbieten. „Für mich sind sie aber ein ganz großer Segen“, blickt Ingrid Behrendt-Fuchs auf die Möglichkeit, mit den Hilfesuchenden auch zu chatten. Sicher sei das Telefon in der Vergangenheit bedeutend gewesen, doch nehme das Chatten immer größeren Raum ein. „Und“, so die Leiterin der Telefonseelsorge, „wir erreichen mit dem Chat wesentlich jüngere Menschen“. Die seien in der Regel zwischen 15 und 30 Jahre alt, während die Anrufer 40 Jahre und älter sind.

„Geben wir einen Chat-Termin im Internet an, so ist er auch relativ schnell belegt“, berichtet die Pfarrerin. Auch hier gelte: Beide Seiten sind anonym, geben Pseudonyme als Namen an. Der Vorteil beim Chatten: Hier herrscht eine noch größere Anonymität als am Telefon, so dass der Chatter sich auch weiter öffnet als ein Anrufer. Themen beim Chat der meist jugendlichen Schreiber seien Liebe und Freundschaft, häufig aber auch sexueller Missbrauch oder Vergewaltigungen. Bei Telefonanrufen seien Schwerpunkte Ehe- oder Familienprobleme, aber häufig auch tiefe Einsamkeit.

Höchste Konzentration und Sensibilität erfordert

Von dem Mitarbeiter in der Telefonseelsorge erfordere die Arbeit beim Chat am Computer höchste Konzentration und Sensibilität. Denn man müsse in Windeseile antworten - und das schriftlich. Und man könne nicht schon an der Stimme die Stimmung des Gegenübers erfassen, oder über das gesprochene Wort die Atmosphäre spüren. So müsse man beim Chatten auch lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Und da komme es auf jedes Wort an. Im Gespräch könnte man schon mal schnell korrigieren, Dinge klar stellen, erläutern, wenn der Gegenüber etwas missverstanden hat. „Ein Wort steht da Schwarz auf Weiß“, betont Ingrid Behrendt-Fuchs.

Deshalb sei eine fundierte Ausbildung notwendig, bei der man auch versucht, den Mitarbeitern trotz der Senisbilität „die notwendige Leichtigkeit beim Chatten zu vermitteln.“ Interessenten müssen mindestens 25 Jahren alt sein. Es gibt offiziell keine Altersbegrenzung. Die Ausbildung dauert eineinhalb Jahre (einmal wöchentlich 3,5 Stunden), in denen die Bereiche Selbsterfahrung, Gesprächsführung und anschließend die praktische Arbeit auf dem Lehrplan steht. Die Mitarbeiter müssten sich u.a. mit den Themen Suizid, Traumata und Aggressionen auseinandersetzen.

Für zwei Jahre verpflichtet

Nach Abschluss der Ausbildung erwarte man, dass sich die Ausgebildeten für zwei Jahre verpflichten. In diesen zwei Jahren stehen vierteljährlich neun Dienste (3,5 Stunden) und eine Nachtschicht (von 1 bis 8 Uhr) an. „Während in anderen Ländern von zu Hause gearbeitet werden kann, wird bei uns zentral von den Büros aus der Klosterstraße gearbeitet“, so Ingrid Behrendt-Fuchs. Das stärke auch die Teamfähigkeit.

Häufig gebe es dafür auch ein Dankeschön der Anrufer, sie sich direkt nach den Telefonaten oder am Ende eines Chats bedanken. „Hin und wieder schicken die Hilfesuchenden anschließend auch schon mal ein kleines Dankeschön ins Büro“, berichtet die Pfarrerin.

 
 

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