Neonazis spähen Asylheim aus und stellen Fotos online

Der Anschlag auf das Asylbewerberheim in Tröglitz ist nicht der einzige geblieben. Auch unter anderem in Moers, Hamburg und jetzt in Wuppertal gab es Übergriffe.
Der Anschlag auf das Asylbewerberheim in Tröglitz ist nicht der einzige geblieben. Auch unter anderem in Moers, Hamburg und jetzt in Wuppertal gab es Übergriffe.
Foto: dpa
Attacken auf Asylheime, Drohungen, Schmierereien: Die Fälle rechter Gewalt häufen sich. In Wuppertal schmuggeln sich Rechte in eine Einrichtung ein.

Dortmund.. Der Anstieg rechter Gewalt gegen Flüchtlingsheime ist auffällig: Nicht nur im anhaltinischen Tröglitz brannte eine neue Asylunterkunft. Auch in Berlin und Hamburg sind Gebäude nach Bränden am Dienstag teils unbewohnbar. In Coesfeld brannte es vor wenigen Wochen. In Moers haben Unbekannte am Dienstag ein geplantes Heim mit Hetzparolen beschmiert. In Dortmund marschierten Neonazis am Februar mit Fackeln an einem Heim vorbei.

Hausmeister führte "rechte Späher" durchs Gebäude

In Wuppertal haben Rechte am Samstag sogar ein Flüchtlingsheim ausgespäht. Die umgebaute Schule war erst am Vortag bezogen worden. Die Männer schmuggelten sich in die städtische Einrichtung, schossen Fotos und stellten sie ins Netz – auf die Homepage der Partei "Die Rechte".

Polizei und Staatsschutz ermitteln zwar, aber belangbare "Täter" gibt es nicht: Die Männer taten nichts Verbotenes, sie wurden hereingelassen, herumgeführt. Wuppertals Stadtsprecher Markus Bien erklärt: "Dem Hausmeister haben sie vorgegaukelt, die Einrichtung unterstützen zu wollen." Dem Mann, der selbst einen Migrationshintergrund hat, kamen sie "normal" vor. Keine Glatze, keine Bomberjacke, keine Springerstiefel.

Die Stadt Wuppertal ziehe Konsequenzen aus dem Vorfall, so Bien. Aber einen Hochsicherheitstrakt aus den Heimen machen? Nein, das sei keine Lösung. Es sollen normale Wohnhäuser bleiben. "Das war der heilende Schock zur richtigen Zeit", meint er. Jetzt sind alle Mitarbeiter sensibilisiert – Fremde kommen nicht mehr rein.

Betreiber "European Homecare" wünscht sich mehr Polizei

Aber wie sieht es mit anderen Heimbetreibern aus? Auch European Homecare (50 Asylheime bundesweit) hatte schon mit Späh-Attacken zu kämpfen. Aber nur aus der Entfernung, erklärt Unternehmenssprecher Klaus Kocks: "Wir haben mehrfach beobachtet, wie junge Männer einschlägigen Aussehens unsere Einrichtungen von außen fotografiert haben." Bisher sei das nur in Sachsen passiert, aus NRW sei nichts bekannt.

"Unser Sicherheitsstandard ist sehr hoch", ist sich Kocks sicher. Zudem sei immer ein Sicherheitsdienst vor Ort. Dennoch wünscht er sich mehr Polizei: "Wenn es nach mir ginge, wäre in jeder Einrichtung mindestens ein Beamter präsent."

Aber hilft mehr Polizei wirklich? Konflikt- und Gewaltforscherin Claudia Luzar von der FH Dortmund meint: nein. Sie favorisiert andere, nachhaltigere Wege. Wir haben mit der Sozialwissenschaftlerin über die Vorfälle gesprochen.

Woher kommt der Anstieg rechter Gewalt?

"Die Rechten fühlen sich sicher", meint die Sozialwissenschaftlerin. "Sie wissen, dass viele in der Bevölkerung hinter ihnen stehen, wenn es um die Ablehnung von Flüchtlingen geht." Das heiße nicht, dass der Kern der Gesellschaft durchsetzt sei von Rassismus. Aber die Skepsis vor Neuem sei riesig – und die Furcht vor Veränderung auch. "Die Rechten greifen diese Angst auf und instrumentalisieren sie." Bei Attacken auf Flüchtlinge ebenso wie bei der Hetze gegen Muslime.

Gab es einen konkreten Auslöser für den auffälligen Anstieg?

Ein genauer Startpunkt lasse sich natürlich nicht ausmachen, so Luzar. Der Auslöser dagegen liegt auf der Hand: Es kommen mehr Flüchtlinge. In der Folge werden neue Asylunterkünfte (um-)gebaut – und genau das sei oft der Startpunkt für Gewalt: "Viele Anschläge passieren im Vorfeld ", weiß Luzar. Der Grund ist denkbar einfach: Wenn die Flüchtlinge noch nicht da sind, gibt es auch noch keine Zivilgesellschaft, die sie schützt. Das nutzen die Rechten aus. Also muss schon vorher ein Dialog mit den Nachbarn her, um den Rechten das Sicherheitsgefühl und den Rückhalt zu nehmen. Vielerorts ist es dafür aber schon zu spät.

Müssen Städte und Heimbetreiber die Flüchtlinge besser schützen?

Natürlich – aber nicht mit Polizei und Stacheldraht, meint Luzar: "Der beste Schutz ist Akzeptanz in der Nachbarschaft und Menschen, die aufeinander aufpassen." Sicher schützt auch ein hoher Zaun.

Aber die psychologischen Folgen sind verheerend: Die Flüchtlinge fühlen sich ausgegrenzt, die Bürger sehen die neuen Nachbarn als furchteinflößend, fremd, abschirmenswert. "Wir müssen weg von den großen Heimen", fordert Konfliktforscherin Luzar. "Weg von Turnhallen, die für den Freizeitbetrieb blockiert sind." Denn so entstehen Konflikte und Ängste – zwischen Flüchtlingen untereinander und mit Bürgern. Ihre Lösung: Die neuen Mitbürger müssen in Wohnungen mitten in der Gesellschaft leben, um in der Gesellschaft anzukommen.

Die Pegida-Demos schrumpfen – die Zahl rechter Gewalttaten steigt. Gibt's einen Zusammenhang?

Eher nicht, vermutet Claudia Luzar. Anschläge auf Flüchtlingsheime seien immer Taten der organisierten Rechten, und die marschieren ja weiter. "Bei Pegida ist es wie mit allen sozialen Bewegungen: Irgendwann kommt ein Tief. Aber der Bodensatz der Menschenfeindlichkeit liegt in der Mitte der Gesellschaft – und die Menschen sind immer noch da." Im Sommer, vermutet sie, steigt die Teilnehmerzahl wieder.

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