Neo-Nazis und Linksautonome sorgen für Ärger in Dortmund

Annika Fischer
"Die Braunen gehören auf den Müllhaufen der Geschichte”, sagte Dortmunds OB Sierau in Richtung der Nazis.
"Die Braunen gehören auf den Müllhaufen der Geschichte”, sagte Dortmunds OB Sierau in Richtung der Nazis.
Foto: Ralf Rottmann / FUNKE FotoService
Eigentlich wollte Dortmund feiern, doch musste sich die Stadt mit einem Nazi-Aufmarsch herumschlagen. Probleme machten auch vermummte Linksautonome.

Dortmund. Was Dortmund Sorgen gemacht hatte vor diesem Tag, waren vor allem die finsteren Seiten im Internet. Sehr konkret war da zu Gewalt aufgerufen worden, “die Wannen werden brennen”, notierten rechte wie linke Extreme, und “Wannen” sind in ihrer Sprache die Wagen der Polizei. “Das war schon ‘ne Hausnummer”, sagt ein Beamter am Rande der Demonstration.

Da verharrt diese schon im Vorort Huckarde, von der Behelfsbühne der Neonazis schallen dunkle Reden über Politik, die früher “für 1000 Jahre” gemacht worden sei, und schwere “Sorgen um das deutsche Volk” - derweil sich Männer mit Glatze und “Übermensch”-Hemden beim Italiener ein Eis kaufen. An der Ecke, keine 30 Meter entfernt, haben sich Linksautonome zusammengerottet, nur einige aufrechte “Normalbürger” unter ihnen, sie pfeifen, Sirenen heulen, die Stimmung ist bedrohlich. Vereinzelt fliegen Flaschen aus der Menge, eine Reichskriegsflagge soll angezündet werden, aber es fehlt am Benzin im Feuerzeug. Dann verschwindet die Szenerie für einen Augenblick aus dem Blickfeld: Die überdimensionalen Silberwürfel, aufblasbare Spiegel sollen sie sein, die die Gegendemonstranten den Rechtsextremisten vorhalten wollen, fliegen nach vorn, tanzen über den Köpfen der Polizisten, verdecken selbst die Windschutzscheibe des Wasserwerfers. Die Beamten fangen die Bälle, lassen ihnen die Luft raus.

Eigentlich wollte die Stadt feiern

Ein paar Umstehende finden das lustig, aber lustig ist dieser Tag in Dortmund nicht. Dabei wollte die Stadt eigentlich feiern: ein Gastrofest und das Fest der Chöre, “gelebte Vielfalt” will es zeigen statt “importierter Gewalt”, wie Oberbürgermeister Ullrich Sierau sagt. Nur ist da überall die blaue und schwarze Polizei im bunten Treiben, der Bahnhof ist abgeriegelt, die U-Bahnen fahren nicht und auch keine S-Bahn in Richtung Westen, wo die Rechten aufmarschieren. Zwei Stunden später als geplant, weil teilweise vermummte Autonome die Gleise des Bahnhofs Dorstfeld blockieren.

Hier ist der Stadtteil, der heute eigentlich auch feiern will, der aber nun einmal mehr Schauplatz wird für Rechtsgesinnte, die hier ohnehin eine Hochburg haben. Unter sie haben sich Anhänger der “Hooligans gegen Salafismus (Hogesa) gemischt. Hierher zieht aber auch Dortmunds Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus, ein Zusammenschluss von bald 20 Vereinen und Verbänden, Kirchen und Gewerkschaften. Keine 50 Meter, aber mehrere Einsatzhunderschaften trennen sie am Nachmittag von den “Gegnern”, die Menge skandiert “Diese Stadt hat Nazis satt!” und wird im Gegenzug als “Hurensöhne” beschimpft. “Wir sind eine weltoffene und solidarische Stadt”, sagt OB Sierau in der ersten Reihe, “die Braunen gehören auf den Müllhaufen der Geschichte.”

Grölend zieht die Menge durch Dortmund

Die tragen an diesem Samstag indes vor allem Schwarz oder das rote Motto-T-Shirt des “Tags der deutschen Zukunft”. Grölend zieht die Menge durch Dortmunds Westen, aus Fenstern und Hauseingängen schauen die Menschen verständnislos zu, ihre “Nazis raus”-Rufe klingen leise gegen das Gebrüll aus den Megaphonen. Die Vorredner passen auf, dass keine volksverhetzenden Parolen gerufen werden, die verboten sind. Aber, damit niemand sich vertue, haben sie sie am Mittag am Aufmarschplatz unüberhörbar vorgelesen.

Trotzdem machen die großen Probleme einmal mehr die autonomen Linken. Ignorieren das Vermummungsverbot, werfen mit Flaschen, unter einem Steinwurf geht der Helm eines Polizisten zu Bruch. Der Mann bleibt unverletzt, mehrere Kollegen haben weniger Glück. Mehrfach setzen die Beamten Tränengas ein. Ein Autonomer, im Stadtteil Huckarde festgenommen, wird wenig später von seinen Kumpanen wieder befreit. Am Abend rotten sich Hunderte erneut in der Nordstadt zusammen, die eigentlich tabu bleiben sollte. Die Polizei bleibt auch hier allerdings Herrin der Lage, mehrere Tausend Einsatzkräfte, sagt ein Beamter, “sind schon eine Macht”. Die beide Parteien am Abend eines im doppelten Sinne heißen Tages einigermaßen friedlich nach Hause schickt.

Der nächste “Tag der deutschen Zukunft”, das wurde am Abend bekannt, findet 2017 in Karlsruhe statt.