Müde Familien – Flüchtlinge finden in Dortmund keine Ruhe

Erschöpft nach langer Flucht – aber zur Ruhe kommen die Flüchtlinge in der Zentralen Erstaufnahme in Dortmund nicht: Es gibt keinen Platz.
Erschöpft nach langer Flucht – aber zur Ruhe kommen die Flüchtlinge in der Zentralen Erstaufnahme in Dortmund nicht: Es gibt keinen Platz.
Foto: Funke Foto Services
In Dortmund sind dieses Jahr schon 55.000 Flüchtlinge angekommen. Eine Verschnaufpause können sie hier aber nicht einlegen – es fehlt der Platz.

Dortmund. „Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?“ Der Nigerianer schaut irritiert. Nicht, weil er es nicht mehr wüsste. Immerhin hat er zwei Jahre gebraucht, um es bis nach Deutschland zu schaffen. Zwei Jahre, um nun zusammen mit Hunderten von Menschen in einem zugigen Flur zu stehen, um sich als Flüchtling registrieren zu lassen. Er atmet tief durch. Nach dem Warum hat ihn noch niemand gefragt, dabei könnte er weit ausholen. Dann antwortet er: „Deutschland ist ein gutes Land. Hier gibt es Menschenrechte.“ Ob er weiß, dass es auch Deutsche gibt, die vor Asylbewerberheimen „Ausländer raus“ grölen?

„Deutschland ist ein gutes Land. Hier gibt es Menschenrechte.“

Vermutlich nicht. Denn plötzlich sagt der 34-Jährige voller Zuversicht: „Ich werde arbeiten und ein normales Leben haben und...“ Doch er wird unterbrochen. Nicht etwa von den Menschen, die mit voll gestopften Koffern im Schlepptau dicht an dicht stehen. Nicht vom Kleinkind in der Hello-Kitty-Jogginghose, das auf Knien rutschend versucht, ein Spielzeugauto zwischen all den Erwachsenen hindurch zu bewegen. Nein, seine Worte werden abrupt von der bestimmenden Stimme eines Security-Mitarbeiters abgeschnitten: „Hintereinander in der Reihe aufstellen. Sonst wird das hier nichts!“ Die Flüchtlinge verstehen das wenige Deutsch nicht, den Ton aber schon.

Seit Januar haben hier 55 000 Menschen aus der ganzen Welt Schlange gestanden, um sich in der Erstaufnahme des Landes NRW in Dortmund anzumelden und röntgen zu lassen. Bislang ist es friedlich geblieben. „Manchmal wundert mich das auch“, sagt Murat Sivri, Leiter der Erstaufnahme. Bei all den ethnischen Unterschieden und Problemen, die die Männer und Frauen mit sich herumschleppten, sei das ungewöhnlich. Sivri, der als kurdisches Gastarbeiterkind in Deutschland aufwuchs, strahlt Langmut und Zuversicht aus. Ob das abfärbt?

Obwohl sein Telefon pausenlos tönt, bleibt er ruhig. Bezirksregierung und Stadt fragen, wie viele Flüchtlinge eingetroffen sind. Die für 350 Menschen ausgelegte Erstaufnahme ist wieder überbelegt. 669 Leute waren am Morgen da, weitere 400 Zugänge werden noch erwartet.

„Wir wollten nur weg von der Gewalt“

„Früher konnten die Menschen nach der Flucht hier ein paar Tage verschnaufen. Heute sollen sie möglichst schnell weiter gehen in die städtischen Unterkünfte“, bedauert Sivri. Heute darf der bleiben, der spät abends oder nachts eintrifft. Doch die Wahrscheinlichkeit, ein bequemes Bett für die Nachtruhe zu bekommen, ist klein. Stattdessen gibt’s zum Ausruhen: Holzstühle, Tische, die nackten Flure der Küche oder eine Bank im Freien.

Denn der Strom der Menschen, die hier in der Erstaufnahme des Landes NRW in der Glückaufsegenstraße in der Peripherie Dortmunds ankommen, reißt nicht ab. Dabei ist „ankommen“ ein weiter Begriff. Der Nigerianer, dessen Name Chibuike ist, flog bis in den Kongo und von dort in die Türkei, um dann zu Fuß über Mazedonien nach Deutschland zu gelangen.

Die Syrer nehmen die lebensgefährliche Route übers Mittelmeer. Eine irakische Familie nutzte Autos, Flugzeug und die Kraft der Beine – 28 Tage lang. Der unbegleitete minderjährige Eroi aus Eritrea vertraute sich – wie viele andere auch – Schleppern an, um das gelobte Deutschland nach einem Jahr zu erreichen. „Wir wollten nur weg von der Gewalt“, sagt Sina, die junge Zahnärztin aus dem Iran. Ihre Kinder, Sen (5) und Besume (2) sind erschöpft. Wollen sie schlafen, müssen sie das auf dem Schoß der Mutter tun.

In diesem Warteraum ist Sauerstoff MangelwareFlüchtlinge in Dortmund

In diesem Warteraum ist Sauerstoff Mangelware. Weil es draußen wie aus Eimern schüttet, herrscht drinnen heillose Überfüllung. Kein Stuhl, keine Bank, kein Stückchen Fußboden, die nicht belegt wären mit Menschen, Taschen, Kinderwagen. Die Flüchtlinge harren aus, halten, füttern oder trösten ihre Kinder, Frauen streichen über ihre schwangeren Bäuche oder starren aus leeren Augen auf den Boden. Bald werden sie im Asylverfahren um einen begehrten Flüchtlingsstatus konkurrieren. Doch gerade eint sie eher die große Leere und das Heimweh der Flüchtlinge. Die meisten schweigen.

„Wir sind alle gleich“, hat ein Flüchtlingskind auf Englisch unter eine selbstgemalte Rose geschrieben. Zumindest hier in der Kinderstube der Erstaufnahme, in der Jungen und Mädchen ihre Flucht malerisch verarbeiten, ist dieser Satz Wirklichkeit.

 
 

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