Mit Nächstenliebe und Schadenfreude zum Derby

Oliver Römer vom BVB-Fanclub "Totale Offensive".
Oliver Römer vom BVB-Fanclub "Totale Offensive".
Auch für den christlichen BVB-Fanclub "Totale Offensive" hat das Derby gegen Schalke seinen besonderen Reiz. Denn beim Nachbarschaftsduell stößt auch die christliche Nächstenliebe an ihre Grenzen - immerhin ist auch beim Derby Schadenfreude die schönste Freude.

Dortmund.. Der christliche BVB-Fanclub "Totale Offensive" ist inzwischen eine Institution am Borsigplatz. An Spieltagen laden die Fans die Nachbarschaft zum gemeinsamen Spielgenuss ins Haus "Stern im Norden" am Tor zur Westfalenhütte. Auf einer Großleinwand können das 150 Fans alle Spiele der Borussia sehen. Für die Kinder wird eine Hüpfburg aufgebaut. Auch unter der Woche ist der Fanclub im Viertel aktiv und bietet gemeinsamen mit den anderen im Haus tätigen Organisationen praktische Lebenshilfe an - vom Mittagstisch für Kinder bis zur Lebensberatung.

Am Abend vor dem Derby veranstaltet "Totale Offensive" zusammen mit dem christlichen Schalker Fanclub "Mit Gott auf Schalke" einen Gottesdienst auf neutralem Platz, im Haus der Freien evangelischen Gemeinde Bochum, Dirschauer Straße.

Nächstenliebe, Schadenfreude, Hass

Im Interview sprachen wir mit Oliver Römer vom Fanclub "Totale Offensive" über das Derby, Nächstenliebe, Schadenfreude und Hass.

„Tod und Hass dem S04“ – was ruft dieser Schlachtruf in Ihnen hervor?

Oliver Römer: Das ist ein Spruch, den ich in meiner Jugend auch mitgerufen habe, auch wenn ich schon immer ein komisches Gefühl im Bauch hatte. Aber die Gruppe hat es halt gefordert. Durch meine weitere Entwicklung und meine vielen christlichen Verbindungen bin ich immer mehr ins Nachdenken gekommen. Darum kann ich das heute überhaupt nicht mehr grölen. In mir weckt das ein bisschen Angst.

Wovor?

Römer: Vor Eskalation und vor dem Verlust von Werten. Ich muss es einfach verurteilen.

„Tod“ und „Hass“ sind sehr starke Vokabeln und stehen für eine Absolutheit. Aber sind das in dem Moment, wo es um Fußball geht, nicht eigentlich nur leere Hülsen oder Platzhalter für etwas Anderes? Oder überwiegt bei Ihnen einfach die Angst, dass es Leute gibt, die das nicht einordnen können?

Römer: Ja, das überwiegt. Mit dem Hintergedanken, dass es immer um Menschen geht, egal, welche Farben sie tragen, macht es für mich unmöglich, das zu rufen. In mir fließt schwarz-gelbes Blut, ich habe das von Jugend an kennen gelernt. Ich stehe voll und ganz hinter dem Verein, mit allem negativen und Positiven.

Ein anderes Lied beginnt „Wir lagen träumend im Gras“ und handelt vom „Tag, als der FC Schalke starb“…

Römer: Alles, was mit Tod und Sterben zu tun hat, geht nicht. Egal, wie es verpackt ist. Ich habe da inzwischen eine andere Sichtweise drauf. Ich versuche immer, den Gesamtüberblick zu behalten. Das macht nicht jeder. Teilweise sind vielleicht auch Leute dabei, die das durchaus ernst meinen – am Flughafen ist ja etwas passiert. Diesen Leuten kann man auch mit Anregungen nicht beikommen. Die wollen das so, es ist ihr Lebensinhalt. Nur werden auch die irgendwann mal in ihrem Leben feststellen, dass es das nicht sein kann.

Blau und Weiß rufen schlechte Erinnerungen hervor

Auch für viele „normale“ Fans gehören schlechte Schwingungen und die Pflege der gegenseitigen Abneigung zum Derby – ohne das gewaltsam zu leben. Leben Sie als Christ das Derby denn dann ausschließlich positiv?

Römer: Nein. Diese Verbindung zu unserem Schalker Pendant ist auch nicht nur durch Zuneigung geprägt. Das ist zufällig entstanden und im Prinzip eine Zweckgemeinschaft. Die Farben Blau-Weiß rufen bei mir natürlich auch unangenehme Erinnerungen an meine Jugend hervor.

Es ist auch reizvoll, sich gegenseitig anzustacheln. Für mich ist es aber Pflicht, eine Grenze zu ziehen und sie nicht zu überschreiten. Auch da steckt ein Reiz drin. Das möchten wir auch mit unserem gemeinsamen Gottesdienst ausdrücken. Dass wir nicht alle Menschen erreichen, ist uns klar. Dass das Spiel immer einen gewissen Spaßanteil mit gegenseitiger Neckerei hat, gehört dazu und ist ja auch das Schöne am Derby.

Das Christentum ist geprägt von Nächstenliebe. Da muss man ja auch gönnen können.

Römer: Gönnen können hat etwas mit sportlicher Fairness zu tun. Da ich auch selber Fußball gespielt habe, steht das für mich im Vordergrund. Deswegen kann ich auch manche Aktionen mancher Spieler nicht mittragen, wenn es wirklich eskaliert.

Das Derby birgt die seltene Gelegenheit, sich gleichzeitig über einen Sieg der eigenen und über eine Niederlage der anderen Mannschaft freuen zu können. Überspitzt gefragt: Dürfen Sie das?

Römer: Ja, natürlich! Es ist doch das Schöne am Christentum, dass Fehler sein dürfen, weil wir nicht vollkommen sind. Da ist Jürgen Klopp in gewisser Weise Vorbild mit seinen ganzen Emotionen – und auch Fehlern, die er macht. Aber er gibt diese Fehler auch immer wieder zu. Gerade auch, weil er Christ ist.

Wenn Sie sich einen Derbysieg malen dürften, wie sähe der aus?

Römer (überlegt lange): Ein ganz knappes, spannendes Spiel mit dem Siegtreffer in der 91. Minute…

… durch einen unberechtigten Elfmeter?

Römer (lacht): Ob ich so weit gehen würde, weiß ich nicht. Da kommt wieder die sportliche Fairness raus. Aber so ungefähr. Da wären die Emotionen auf einen Punkt gebündelt.

Man weiß aber auch, dass es die Anderen umso mehr schmerzt.

Römer: Natürlich. Aber das ist ja das Kribbeln. Wichtig ist, dass man sich hinterher die Hand reichen kann.

Wie transportieren Sie diese positive Emotionalität in den Alltag?

Römer: An meiner Arbeitsstelle bei der Feuerwehr gibt es unterschiedliche Fans: Borussen, Bayern, Schalker. Und da zu zeigen, dass Rivalität auch anders geht, ist etwas Besonderes. Ich will das Christsein nicht radikalisieren. Aber es ist toll, die Leute mit einem Augenzwinkern spüren zu lassen, was man eigentlich möchte.

Wie muss man sich die Arbeit als Fanclub vorstellen?

Römer: Wir wirken zum Beispiel in der Fanabteilung bei der Arbeit gegen Rechts mit. Da arbeiten wir auch mit anderen Gruppierungen zusammen. Gerade in der aktuellen Diskussion über Ultras muss man einen Gegenpol bieten und der Öffentlichkeit zeigen, dass es auch etwas Anderes gibt.

Der Fanclub „Totale Offensive“ ist auch sozial aktiv. Steht da mehr der christliche Aspekt im Vordergrund oder der BVB?

Römer: Beides. Der Fanclub bildet die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben, etwa bei den Live-Übertragungen hier im Haus. Es sind inzwischen viele Freundschaften darüber entstanden, zwischen Leuten, die sich vorher überhaupt nicht kannten. Da spielt dann die soziale Arbeit schon mit rein. Auch bei uns im Fanclub gibt es Menschen, die schon schwere Lebenskrisen erlebt haben. Diese Erfahrungen können sie mit den Leuten hier teilen.

 
 

EURE FAVORITEN