„Man schlüpft in eine neue Rolle“

Von Jannis Carmesin
Die bundesweit größte Convention für Manga- und Animaefans  Foto: Franz Luthe
Die bundesweit größte Convention für Manga- und Animaefans Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe
Samir ist Cosplayer, genau wie alle anderen etwa 2000 Fans, die am Wochenende ins Henßler-Haus gekommen sind. Cosplayer sind Rollenspieler. Sie treffen sich und schlüpfen in die Charaktere aus japanischen Zeichentrickserien und Comics, so genannten Mangas.

Dortmund.  Für diesen einen Tag hat Samir Superkräfte. Halbnackt und barfuß steht der 15-Jährige im Eingangsbereich des Henßler-Hauses, bekleidet nur mit Totenkopf-Boxershorts und einem Rucksack über den Schultern. Pandabären strömen an ihm vorbei, Mädchen mit blauen Haaren und Frauen in bunten Kleidern. „Heute bin ich Tsunayoshi Sawada“, sagt Samir, „ein Superheld aus der Comic-Reihe ‚Katekyo Hitman Reborn!‘“.

Mehr als 20 Kostüme

Nein. Samir ist nicht verrückt – er ist Cosplayer, genau wie alle anderen, die am Wochenende ins Henß-ler-Haus gekommen sind. Cosplayer sind Rollenspieler. Sie treffen sich und schlüpfen in die Charaktere aus japanischen Zeichentrickserien und Comics, so genannten Mangas. Samir kommt mit seinen Freunden Burak und Geronimo aus Düsseldorf. Der Grund: Die Contopia, mit 2000 Besuchern eine der größten Manga- und Cosplay-Conventions in NRW. Auf dem Programm: Rollenspiele von Theatergruppen, Workshops und Konzerte japanischer Künstler.

Contopia erstmals in Dortmund

Zum ersten Mal findet die Contopia in Dortmund statt, die Veranstaltungshalle in Wuppertal ist zu klein geworden. Sebastian Steinecker war von Anfang an mit dabei. Seit 2006 organisiert er jedes Jahr die Convention, unterstützt von 40 Ehrenamtlichen. Werbung muss er schon längst nicht mehr machen. Die Szene ist gerade in NRW gut vernetzt. Über Internetforen und Mund-zu-Mund-Propaganda ist das Treffen groß geworden.

Steinecker selbst ist aus der Szene schon beinahe herausgewachsen, doch noch immer ist er von Mangas fasziniert. „Man schlüpft in eine neue Rolle, taucht in eine ganz andere Welt ein“, sagt er. Cosplay, so Steinecker, ist für viele die Flucht aus dem realen Leben. „80 Prozent der Besucher sind im Alltag in irgendeiner Form Außenseiter“, glaubt er. „Hier hat jeder die Gelegenheit, mit seinem Kostüm Bestätigung zu bekommen.“

Die Männer haben lange, strähnige Haare, die Frauen tragen Kniestrümpfe

Hinter der Manga-Kultur steckt eine breite Palette an künstlerischen Betätigungsfeldern. Manche entwerfen selbst Comics, andere basteln Schmuck oder fotografieren. Fast alle schneidern ihre aufwändigen Kostüme mit hohem Einsatz und finanziellem Aufwand selbst. Auch Jeanette. Die 26-Jährige hat über 20 verschiedene Kostüme. Für die Contopia hat sie sich in Merida aus dem Anime „Brave“ verwandelt. Lange rote Locken fallen über ihre Schultern, sie trägt ein weites schwarzes Gewand und einen Holzbogen auf ihrem Rücken. Die meisten Cosplayer kleiden sich auffällig und extrovertiert: Typisch sind lange, strähnige Haare bei Männern und kurze Röcke mit Kniestrümpfen bei Frauen.

Mit ihren Freundinnen Setsuna und Ruth gehört Jeanette schon zu den älteren Cosplayern, die meisten sind noch Teenager. Kein Grund aufzuhören, findet sie. „Ich liebe es einfach, mich der Herausforderung zu stellen und die Kostüme mit viel Liebe zum Detail nachzubasteln.“ Sie ist über „Sailor Moon“ vor vielen Jahren zu Mangas gekommen, neben „Pokemon“, „Naruto“ oder „Dragon Ball“ die in Deutschland populärste Reihe.

Hobby wurde zum Beruf

„Sailor Moon“ war auch für Martina Erhard der Anfang. Für sie ist das Hobby zum Beruf geworden. Erhard sitzt an einem Stand in der Nähe des Eingangs und verkauft ihre Werke. Sie ist hauptberufliche Künstlerin, zeichnet und koloriert ganze Manga-Bände und verkauft sie an verschiedene Verlage. „Mangas sind nicht so starr erzählt wie westliche Comics“, erklärt sie. „Die Charaktere sind verrückter und außergewöhnlicher.“ Verrückt genug, um 15-Jährige und erwachsene Frauen zu Superhelden zu machen. Zumindest für einen Tag.