Leere im Dortmunder U vor Ort, aber viele Besuche in der Statistik

Aus vielen Besuchen werden wenig Besucher - die Statistik verfälscht die Realität in Dortmunds teuerstem Leuchtturm, dem Dortmunder U. Vor Ort herrscht in den Ausstellungsetagen oft gähnende Leere, die offizielle Zählung dagegen weist 138.022 Besuche aus. Wir erklären, wie das zusammenpasst. Oder auch nicht.

Dortmund. Wie sieht das Alltagsbild im U-Turm vor Ort aus?

Bei über Monate verteilten Stichproben unserer Redaktion zu unterschiedlichen Tageszeiten wurden häufig nur vereinzelt Besucher in den Ausstellungen angetroffen. Am 1. Juni zum Beispiel war laut Personal in der Wechselausstellung vormittags niemand, nachmittags seien 25 Besucher gekommen. In der Dauerausstellung seien es vormittags sechs und nachmittags drei Besucher gewesen. "Aber zwei Schulklassen mit 61 Leuten waren da", lautete die weitere Auskunft. Bei Stichproben an anderen Tagen hieß es vor Ort wiederholt so wie am 9. August: "Heute ist es ungewöhnlich ruhig".

Lediglich bei Sonderveranstaltungen wie der Museumsnacht oder Sommer am U wird es voll im oder vor dem Zentrum für Kultur und Kreativität.

Was sagt dagegen die Statistik für das Jahr 2015?

44.378 Besuche waren es in den Ausstellungen des Museums Ostwall, 18.293 beim Hartware Medien Kunstverein, 37.820 auf der Kulturellen Bildungsetage U2, 13.006 auf der Hochschulfläche, 8482 im RWE-Forum und 16.034 sonstige Besucher, davon allein mehrere tausend beim Sommer am U.
Jeweils am 1. Mittwoch im Monat ist der Eintritt für alle frei. Auf die einfache Frage, wie viele Besucher es am Mittwoch, 2. November, waren, hat die Stadt bis heute nicht geantwortet.

Was für Menschen stehen hinter den 138.022 Besuchen?

Trifft man im U-Turm auf Gruppen, dann sind es meist Besucher aus Dortmunds Kitas und Schulen. Dortmunds teuerster Leuchtturm - von angeblich internationaler Strahlkraft - ist vor allem eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche. Sie tummeln sich auf der kulturellen Bildungsetage U2, dem größten Publikumsmagneten im U, und sorgen dafür, dass die Besuchszahlen in den Ausstellungen des Museums Ostwall ganz anders klingen, als es vor Ort aussieht.

Wie helfen sie, die Besuchszahlen in die Höhe zu treiben?

Doppel- und Dreifachzählungen machen es möglich, sprich die Unterscheidung zwischen Besuchen und Besuchern - Begrifflichkeiten, die immer wieder durcheinandergehen.
138 022 Besuche bedeuten nicht, dass 138 022 Menschen im U waren. Die Zahl bedeutet lediglich, dass 138 022 Mal jemand durch einen der Eingänge auf den Etagen 1 bis 6 gegangen sein soll. Wer also die drei Ausstellungen im U-Turm besucht, wird dreimal gezählt.

Doch selbst der Leiter der Kulturbetriebe und Gesamtverantwortliche für den U-Turm, Kurt Eichler, schreibt in einer Stellungnahme für den Rechnungsprüfungsausschuss aus diesem Jahr von im Jahr 2015 gestiegenen "Besucherzahlen mit ca. 138 000". Das vermittelt ein falsches Bild; denn sonst müssten im Schnitt Tag für Tag 445 Besucher den Weg ins U finden.

Warum sind so viele Kinder auf der Kulturellen Bildungsetage U2?

Sie nutzen das weitgehend kostenlose Angebot auf der Kulturellen Bildungsetage U 2. Im vergangenen Jahr gab es dort 37 820 "Besuche". Verteilt auf 310 Tage im Jahr (bei 6 Tagen pro Woche) sind das 122 am Tag. Ausgehend von der U 2 besuchen die Kinder und Jugendlichen an der Schnittstelle zur Bildenden Kunst zum Teil auch die Dauer- und Sonderausstellungen - und schon sind es in der Statistik zwei bis drei Mal so viele Besuche.
"Wenn eine Schulklasse die Dauerausstellung des Museum Ostwall besucht und zusätzlich an einem Workshop auf der U2_Kulturelle Bildung teilnimmt, erfolgt jeweils eine Erfassung", teilten die Kulturbetriebe auf Anfrage dieser Redaktion mit.

Wie handhaben das andere Museen?

Diese Verfahrensweise ist Standard bei internationalen Museen.

Was ist mit Seminaren und Workshops, die im U angeboten werden?

Selbst wenn sie über Wochen und Monate auf der U2 laufen, werden die Besucher jeweils neu gezählt - "bei mehrtägigen Veranstaltungen je Termin (Besuchstage)", teilt die Stadt auf Anfrage mit.

Wie viele Schulen haben 2015 die Angebote der Kulturellen Bildungsetage genutzt?

Nicht nur Schulen, auch Kitas. 15 Schulen haben im letzten Jahr über mehrere Monate verteilt an fünf Schulprojekten auf der U 2 teilgenommen. Darüber hinaus nutzten 239 Schulklassen und rund 60 Kita-Gruppen die U 2, beschäftigten sich mit Fotografie, Film und Multimedia, während Vorschulkinder an Kunstworkshops teilnahmen. Alles Futter für Mehrfachzählungen.

Von wem wird das U2-Programm organisiert und wer betreut die Kinder und Jugendlichen?

Mit 2,3 Stellen wird das hochwertige Programm organisiert und medienpädagogisch von 20 freien Honorarkräften betreut, für die insgesamt 81 000 Euro an Honoraren zur Verfügung stehen. Das wäre nicht zu schaffen, wenn die 37.820 Besuche tatsächlich Besucher wären.

Wie sieht es bei den Einnahmen durch Eintrittsgelder im U aus?

Mau. Bei den 17.317 Dauerausstellungsbesuchen 2015 handelte es sich zu zwei Dritteln um Nichtzahler (11.332), nach Auskunft der Kulturbetriebe in erster Linie Schulklassen sowie Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Sie haben laut Ratsbeschluss freien Eintritt und machten mit 4066 von 8965 Besuchen auch den größten Teil der Besucher in der 2015 laufenden Wechselausstellung des Museums Ostwall "Arche Noah" aus.

Und wie hoch sind die Kosten?

9.513.133 Euro flossen im Jahr 2015 aus dem städtischen Haushalt ins U. Davon gingen 4,538 Millionen Euro für Miete und Instandhaltung an das städtische Sondervermögen (eine Stadttochter) insbesondere zur Refinanzierung der Investitionen, knapp drei Millionen Euro waren Personalkosten (51 Vollzeit-Mitarbeiter, davon rund 30 für Bewachung und Besucherservice), der Rest ging für allgemeine Betriebskosten drauf. Für Ausstellungen, Programm und Marketing stehen gerade mal noch 250.000 Euro zur Verfügung.

Gab es auch Fördermittel Dritter?

Hinzu kamen für das Programm direkte und mittelbare Zuwendungen vom Land in Höhe von 288.550 Euro sowie 135.093 Euro an Drittmitteln, zum Teil von Sponsoren.
Der gemeinnützige und mit internationalen Preisen ausgezeichnete Hartware Medien Kunstverein (HMKV), der ebenfalls im Dortmunder U beheimatet ist, wird mit insgesamt rund 800 000 Euro im Jahr privat und öffentlich gefördert, davon mit 150 000 Euro von der Stadt, mit vergleichsweise hohen Beträgen städtischer Betriebe und 200 000 Euro vom Land.

Wie hoch sind die Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Veranstaltungsangeboten?

Vergleichsweise gering. So erzielte der HMKV, der die Kulturelle Bildungsetage ebenfalls nutzt, mit 18 293 Besuchen (im Schnitt 60 Besuche am Tag) 13 638 Euro an Einnahmen. Das Museum Ostwall generierte aus 17 317 Besuchen der Dauerausstellung (im Schnitt 56 täglich) 24 483 Euro und aus 27 070 Besuchen (im Schnitt 87 täglich) in den Wechselausstellungen 71 967 Euro. Macht zusammen 110 000 Euro an Eintrittsgeldern. Jahreskarten wurden nur vier verkauft. Weitere Einnahmen kamen unter anderem aus Veranstaltungen und Kursen: 5060 Euro auf der U2 und 12 749 Euro im Museum Ostwall.

Wie gestalteten sich die Eintrittsgelder beim Kino im U?

Die Eintrittsgelder für das Kino im U im RWE-Forum im Erdgeschoss betrugen im Jahr 2015 bei 107 Vorstellungen, die der Verein Kino im U organisiert, 17 747 Euro. Das sind 166 Euro pro Vorstellung. Die Betriebskosten beliefen sich, gemessen an der Fläche, auf rund 56 000 Euro. Der Verein zahlt keine Miete an die Stadt.
Für 34 weitere Kinovorführungen haben Fremdveranstalter verantwortlich gezeichnet wie die des Frauen-Film-Festivals und des Türkischen Filmfestivals.

Gibt es eigentlich einen Förderverein für das U?

Bis jetzt nicht, obwohl die Gründung eines Fördervereins seit 2013 angestrebt wird. Auch ein Großsponsor konnte nicht gefunden werden. Vielleicht ändert sich das, wenn im nächsten Jahr der Holländer Edwin Jacobs die Intendanz des U-Turms übernimmt.

Gaby Kolle