Kulturhauptstadt der Herzen

Foto: WAZ

Dortmund..  Zwar endet das Kulturhauptstadtjahr so, wie es begann – im Schneechaos. Schmelzen aber konnte es manches Herz: 2010 hat auch solche zu Kulturpilgerern gemacht, die bislang wenig von solchen Sonderwegen hielten.

Der Anfang aber war frostig. Zwar zündet Dieter Falk schon im Januar mit den Zehn Geboten ein Pop-Oratorium mit riesigem Chor in der Westfalenhalle und die Bewohner der „2-3 Straßen“ ziehen still an den Borsigplatz, um soziale Veränderungen herbeizuführen. Aber das Gefühl, dass der ganze Pott nun für die Kultur brennt, mag sich noch nicht recht einstellen.

Irrfahrt mit
Verbrüderung

Gemeinschaft bis zur Verbrüderung kommt erstmals Ende Februar dank der „Odyssee Europa“ auf: Sechs Ruhrgebietsschauspielhäuser schicken Theaterfans gebündelt zum Uraufführungsmarathon, den es per pedes, Bus, Schiff, Taxi zu bewältigen gilt - eine intensive Irrfahrt mit Heldenmahl, die den Stern der Kulturhauptstadt leuchten lässt.

Im Mai spätestens kommt 2010 im Volk an – und die Bürger recken ihre Hälse, um die gelben Ballons der SchachtZeichen zu bewundern, die an ehemaligen Zechenstandorten aufsteigen. Und Menschen mobilisieren: Ehrenamtliche kümmern sich um die 35 Ballons in Dortmund, organisieren Feste, Verpflegung, Programm. Zum wahren Volksfest wird die Kulturhauptstadt, als die Ader des Ruhrgebiets gesperrt und die Menschen fröhlich über die A 40/B1 flanieren, radeln, skaten können: Selbst Skeptiker werden überwältigt von dieser Demonstration der Alltagskultur im Pott, die drei Millionen zu einer feiernden Einheit verschmelzen.

2010 aber spricht gezielt bestimmte Gruppen an: Jugendliche entdecken ihr Kultur-Potenzial bei „pottfiction“ der Kinder- und Jugendtheater und „schoolmotions“ des Balletts oder dem Festival „SeeYou“. Medienkunstfans pilgern zur „ISEA“. Musikfreunde kommen dank der Henze-Projekte von Oper und mommenta auf ihre Kosten und können sich über Cecilia Bartolis Rollendebüt als „Norma“ im Konzerthaus freuen.

Etikett Kulturhauptstadt

Immer wieder beschleicht einen 2010 auch das Gefühl, dass alles Kulturelle, das ohnehin stattfindet, unbedingt das Etikett Kulturhauptstadt vorweisen will - das Theaterfestival Favoriten (zuvor Theaterzwang) zum Beispiel wird in seinem 25. Jahr ein Vorzeigeprojekt der Ruhr.2010. Echte Dortmunder Gewächse hingegen sind das Parkfestival „transindustriale“, das mit Tänzern im Westpark glänzt und über 25 000 Menschen lockt – plus aus der freien Szene „RuhrHochdeutsch“, das mit Pott-Kabarett drei Monate lang gut 30 000 Lachwillige in das historische Zelt vor dem U lockt. Das Dortmunder U selbst derweil zieht sich wie ein roter Faden durch 2010.

Neben großen Leuchttürmen strahlen auch kleine, feine Ideen in der Stadt – allen voran „Hanging Around“ von artscenico, die mit dem öffentlichen Nachdenken auf Phoenix 2010 den stillsten Moment der Muße geschenkt haben. Eben jenes Gelände hatte auch Thomas Baumgärtel im Blick, um den grellsten Coup des Jahres zu landen: Eine riesige Stahlbanane auf dem Hochofen. Aus dem fruchtigen Blickfang wurde dank fehlenden Geldes und langwieriger Genehmigungen nichts - was viele Hörder glücklich zur Kenntnis nahmen.

Das Kulturhauptstadtjahr also hat Emotionen ausgelöst – so, dass selbst OB Ullrich Sierau von einem „Erweckungsereignis“ schwärmte.

 

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