Kritik an zu laschen Einlasskontrollen beim BVB

Fans von Dynamo Dresden zündeten beim Pokalspiel in Dortmund Pyrotechnik. Foto: Timur Emek/dapd
Fans von Dynamo Dresden zündeten beim Pokalspiel in Dortmund Pyrotechnik. Foto: Timur Emek/dapd
Foto: Timur Emek
Die Innenministerkonferenz fordert Fußball-Vereine auf, das Abbrennen von Pyrotechnik konsequent zu verhindern. Für die Ordner in den Stadien soll ein Zertifizierungsverfahren eingeführt werden. Gute Ordnungsdienste müssten von schlecht ausgebildeten unterscheidbar sein.

Dortmund.. Zu einer Geldstrafe in Höhe von 8000 Euro hatte der DFB Borussia Dortmund nach dem Pyro-Spektakel Dresdner Fans während des Pokalspiels am 25. Oktober 2011 verurteilt. Die Fans des Gastes aus Sachsen tauchten weite Teile der Nordtribüne des Signal Iduna Parks in leuchtendes Rot – ein imposanter Anblick, aber gefährlich und daher verboten.

Der BVB akzeptiert das Urteil des DFB nicht, weil dem Verein „kein Versäumnis nachzuweisen“ sei, wie Borussias Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt. Dabei sind die „Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen“ des DFB eindeutig. In §24 (Verbot des Einbringens und Abbrennens von Pyrotechnik) heißt es: „Der Verein sorgt im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür, dass keine Pyrotechnik und vergleichbare Gegenstände in die Platzanlage eingebracht, abgebrannt oder verschossen werden.“ BVB-Organisationschef Dr. Christian Hockenjos will das Dresden-Spiel denn auch nicht als Beispiel für den Fußball-Alltag gelten lassen: „Die Anhänger von Dynamo Dresden hatten Pyro in einer Menge bei sich, wie wir es in 20 Jahren nicht erlebt haben“, so sein Fazit. Die Menge an sichergestellten Gegenständen sei enorm gewesen.

Rahmen der Möglichkeiten ausgeschöpft

Hockenjos ist überzeugt, dass der BVB den Rahmen seiner Möglichkeiten voll ausgeschöpft hat: „Wenn wir nicht kontrollieren wie am Flughafen, haben wir keine Chance, alles zu finden.“ Darum werde der BVB auch bei der Ablehnung der 8000 Euro Geldstrafe bleiben. Denn die Wege, auf denen Fans Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln, sind vielfältig und fantasievoll. „Da werden ausgehöhlte Butterbrote, Zigarettenschachteln und der Intimbereich genutzt“, erklärt Hockenjos. Doch das kann nicht für alle Feuerwerkskörper gelten, denn einige der Gegenstände, die nach dem Dresden-Spiel im Gästeblock herumlagen, passen schwerlich in die genannten Verstecke. Haben die Ordner demnach doch nicht so genau hingeschaut?

Ein Mitglied des Ordnungsdienstes bestätigt gegenüber DerWesten genau diesen Verdacht. Gerade im Gästebereich an der Nordtribüne sei der Ordnungsdienst viel zu schwach besetzt – im doppelten Wortsinn: „Jedem unter den Ordnerkollegen ist bekannt, dass die Ordner im Norden nichts hinbekommen, zu klein und schwach sind“, so die Aussage. Außerdem sei der Dienst am Gästeeingang unbeliebt und es komme entsprechend häufig zu Personalengpässen. Ausgerechnet am Einlass an der Nordtribüne, den am Spieltag 60.000 Zuschauer passieren, sei es ein Leichtes, Dosen und Flaschen ins Stadion zu schmuggeln – oder eben Pyrotechnik.

Fan aus Dresden schildert Erlebnisse

Zu wenig Ordner, zu schwaches Personal, diesen Eindruck hatte auch der Dresdner Thomas Drechsel, der seine Eindrücke in seinem Blog festgehalten hat. Gegenüber DerWesten sagt Drechsel: „Wir wurden nur kurz pseudomäßig abgetastet. Viele Bekannte von mir haben bestätigt, dass die Kontrollen ein Witz waren. Man hätte alles ins Stadion schmuggeln können.“ Sein Fazit ist, dass die Dortmunder Verantwortlichen die Dresdner offenbar falsch eingeschätzt haben. „Es war lange angekündigt und geplant, dass in Dortmund viel Pyro gezündet werden soll“, erinnert sich der Dynamo-Fan. Umso überraschter war er ob der laschen Kontrollen; zumal er von Heimspielen ohnehin schärfere Kontrollen gewohnt sei: „Da werden die Beine innen und außen abgetastet, der Rücken genau abgeklopft und die Arme der ganzen Länge nach untersucht“, so Drechsel.

Der Insider aus dem Ordnungsdienst bestätigt Drechsels Eindruck: „Die Pyrotechnik ist unter anderem reingekommen, weil die Dresdner die Ordner einfach überrannt haben und sich nicht haben anfassen lassen“. Darüber hinaus sei die Vorhut der Dynamo-Fans den Ordnern körperlich überlegen gewesen. Für gründliche Kontrollen habe angesichts des Ansturms von 4500 Fans, die en bloc das Stadion stürmen wollten, die Zeit nicht gereicht – und das, obwohl der Anpfiff um eine Viertelstunde verschoben wurde und die Ordner am Gästeeingang noch schnell reagieren konnten und die Tore schlossen.

Zeit reicht oft nicht

Das Gedränge wurde dadurch allerdings nicht kleiner. Zwar seien die Ordner angewiesen worden, gründlich zu kontrollieren, doch habe dafür die Zeit nicht gereicht. Das ist oft so: „Kurz vor Beginn des Spiels werden die Leute so reingelassen, damit alle pünktlich zum Anstoß im Stadion sind“, so die Aussage des Ordners gegenüber DerWesten. Dann werden die Rücken von Fans nur sporadisch abgetastet, Rucksäcke bleiben weitestgehend unbegutachtet. Umso unverständlicher ist es für das Ordnungspersonal, dass der BVB die Einlasszeit von zweieinhalb Stunden auf zwei Stunden verkürzt hat, statt die Situation an den Drehkreuzen durch eine frühere Öffnung des Stadions zu entzerren.

Dem Vorwurf zu kurzer Öffnungszeiten setzt Hockenjos nackte Zahlen entgegen: Beim Derby zwischen dem BVB und Schalke am 4. Februar 2011 galt noch die zweieinhalbstündige Öffnungszeit. „In den ersten 15 Minuten haben 3,5 Prozent von 80.000 Zuschauern das Stadion betreten“, so der Organisationschef, der die Zuschauerflüsse in einer Excel-Tabelle nachvollziehen kann. Auch in den zweiten 15 Minuten haben demnach lediglich weitere 3,67 Prozent der Fans die Drehkreuze passiert. Der Hauptandrang beginnt rund 45 Minuten vor Anpfiff und ebbt etwa 15 Minuten vor Spielbeginn ab – 40 Prozent der Fans kommen in dieser halben Stunde. Aufgrund dieser Werte hat der BVB, so Hockenjos, die Öffnungszeit um eine halbe Stunde gekappt. Beim Heim-Derby in der laufenden Saison kam der harte Kern der Gelsenkirchener ungefähr um 14.50 Uhr am Stadion an, mitten in der Rush Hour sozusagen. Auch bei diesem Spiel setzten die Gäste reichlich Pyro ein. Auch hier wurde viel Pyro sichergestellt, aber eben nicht alles.

BVB will Lehren ziehen

Der BVB will aus den Erlebnissen des Dresden-Spiels seine Lehren ziehen. Aus Ordnerkreisen ist zu hören, dass die sich etwa über Schulungen freuen würden, um wirkungsvoller kontrollieren zu können. Die Kollegen aus Leverkusen etwa seien deutlich besser ausgebildet. Da kommt dann auch die Forderung der Innenministerkonferenz nach einem Zertifizierungsverfahren ins Spiel. Prinzipiell sieht Hockenjos jedoch kein Qualitätsproblem beim Dortmunder Ordnungsdienst, aber: „Wir werden die Professionalität prüfen und uns dabei auch mit anderen Clubs austauschen.“

 
 

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