Kopftuch-Debatte: Philosoph warnt vor Gruppendenken

Dortmund diskutiert über das Kopftuch-Verbot im St.-Johannes-Hospital und die Äußerungen von CDU-Politikerin Gerda Horitzky. Im Interview erklärt uns der Philosph Dr. Christian Neuhäuser, wie er die aktuelle Debatte und die Kopftuch-Diskussion bewertet.

Dortmund. Was hat die aktuelle Debatte mit dem Kopftuch zu tun?

Es geht um abstrakte politische Fragen, deshalb macht man es an dem Symbol des Kopftuchs fest, weil das das einzige ist, was man mit seinen Augen sehen kann. Aber es ist unglaublich gefährlich, politische Identitäten an solchen klar sichtbaren Symbolen festzumachen, weil man dann auch versucht, aus einem Reflex heraus klare Grenzen von "Wir" und "Ihr" aufzumachen.

Gerade in der westlichen Welt müssen wir hier ganz vorsichtig sein, weil wir da eine ganz unrühmliche Geschichte haben: Wir Weißen, ihr Schwarzen, wir Christen, ihr Juden, wir Männer, ihr Frauen. Manchmal habe ich die Befürchtung, dass beim Kopftuch genau dasselbe geschieht.

Wann wird "Wir und Ihr" zu Fremdenfeindlichkeit?

Zur Fremdenfeindlichkeit wird sie dann, wenn man glaubt, dass damit verschiedene gesellschaftliche Ränge einhergehen, man mehr Rechte beansprucht als die anderen, und auch einen anderen gesellschaftspolitischen Status, eine andere Würde, einen anderen sozialen Rang.

Wenn man versucht, über solche Stereotype die gesellschaftliche Ordnung herzustellen, dann wird es fremdenfeindlich und ist nicht mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks. In dem Brief von der CDU-Politikerin kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass genau das zwischen den Zeilen passieren soll.

Wie meinen Sie das?

Sie sagt, dass wir noch immer in einem christlichen Abendland leben und nicht nur in einem so geprägten. So wie sie das formuliert, scheint sie sagen zu wollen, dass es klare soziale Hierarchien gibt: Ganz oben stehen die Christen, und dann kommen die Moslems in ihrer Anerkennungswürdigkeit in unserer Gesellschaft. Was das für Atheisten bedeutet, hat sie nicht gesagt, aber die kommen wahrscheinlich dazwischen oder ganz am Ende. Und das geht natürlich nicht.

Das widerspricht ganz klar dem religiösen Toleranzgebot und der Idee der Menschenwürde, die dahintersteht, nämlich dass alle Menschen als Gleichrangige aufgefasst werden müssen. Warum greift man zu solchen Stereotypen? Da gibt es vielschichtige Gründe, das Ermächtigungs- und Sicherheitsbedürfnis sind wahrscheinlich ganz zentrale Motive. Christian Neuhäuser ist Professor für Praktische Philosophie.

Forschungsschwerpunkte des 37-Jährigen sind Politische Ethik, Menschenwürde, Wirtschaftsphilosophie, Verantwortungstheorie.

Seit April 2014 ist er Geschäftsführender Direktor des Instituts für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund.
Inwiefern wollen Frauen mit dem Kopftuch demonstrieren, dass sie die Gesellschaft, in der sie leben, ablehnen? Das haben unsere Leser immer wieder geschrieben.

Das ist grundfalsch. Vielmehr ist es oft genau umgekehrt, denke ich. Es gibt viele Frauen, die ein Kopftuch tragen und damit zum Ausdruck bringen wollen: Bitte akzeptiert mich so, wie ich bin. Denn man kann gleichzeitig liberale Demokratin sein und Kopftuchträgerin. Viele wollen nicht akzeptieren, dass eine Frau, die Kopftuch trägt, vielfältige Identitäten hat.

Ich bin Universitätsprofessor, laufe am Wochenende aber gerne in meiner Lederjacke rum. Bringe ich damit zum Ausdruck, dass ich kein Professor sein möchte? Nein, natürlich nicht. Ich habe einfach verschiedene Identitäten. Das ist bei Frauen mit Kopftuch genauso. Es ist ganz wichtig zu sehen, dass der Islam als Religion genauso bedeutungsoffen ist wie jede andere Religion.
Aber Sie können Ihre Lederjacke irgendwann ausziehen. Viele Kopftuchgegner sagen: Religion sollte nicht ständig nach außen demonstriert werden. Wie sehen Sie das?

Wir verstehen Säkularität manchmal so, dass die Religion aus dem öffentlichen Raum vollständig rausgehalten werden muss. Aber in öffentlichen Diskursen gibt es in Deutschland immer wieder auch Vertreter der christlichen Religion. Als solche haben sie eine hohe öffentliche Präsenz und das ist auch gut so. Aber der Islam hat diese Präsenz nicht.

Das kann schon dazu führen, dass Menschen individuell das Bedürfnis haben, ihre Religiösität zum Ausdruck zu bringen und auch wollen, dass sie darin akzeptiert werden. Säkularität kann nämlich auch als Pluralismus der Religiösität verstanden werden, wobei man verschiedene Religionen nebeneinander zulässt, auch den Atheismus - immerhin die größte quasi-religiöse Gruppe in Dortmund und Deutschland.

Welche Lösungen bietet da die Philosophie?

Die Philosophie versucht, die Lage in ihrer Komplexität möglichst umfassend darzustellen, in der Hoffnung, wenn die Menschen diese Komplexität sehen, dass sie dann auch bereit sind, sie anzunehmen und für etwas Positives zu halten. Zum Beispiel kann man der Meinung sein, dass es eine Bereicherung für uns sein kann, wenn muslimische Menschen mit uns zusammenleben. Dadurch entsteht kulturelle Dynamik, kultureller Austausch, wir haben dann keinen Stillstand, sondern können so etwas wie einen intellektuellen Fortschritt miteinander erleben.

Alles, was der Philosoph an dieser Stelle leisten kann, ist zu versuchen, durch Aufklärung und optimistische Grundstimmung dafür zu sorgen, dass die Menschen bereit sind, in den kulturellen Dialog einzutreten. Der Impuls muss aber von den Menschen selbst ausgehen. Das funktioniert im Moment nicht so gut, wie es könnte.

Denken Sie, das ist ein spezifisches Problem von Dortmund?

Es gibt viele Städte auf der Welt, die sehr multikulturell sind, in denen das Zusammenleben sehr gut funktioniert. Dortmund steht gerade an einer Weggabelung. Das muss die Politik sehr ernst nehmen. Die Tatsache, dass ein Rechtsradikaler ins Rathaus gewählt wurde, bringt das Problem deutlicher zum Ausdruck als in anderen Städten. Es gibt eine kleine rechtsradikale Gruppe, und dann - wie Ihre Leserbriefe zeigen - eine größere Gruppe, die vielleicht noch nicht fremdenfeindlich ist, aber zumindest eine Fremdenangst besitzt.

Aber, und das ist ganz wichtig zu betonen: Es geht gar nicht um Ausländer. Kopftuchträgerinnen sind oft in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland, also Deutsche wie wir. Es ist jetzt wichtig, dass man sich gute politische Strategien überlegt, wie man die Fremdenangst bearbeiten und abmildern kann, weil sie sonst zunehmend in Fremdenfeindlichkeit umschlagen könnte. Insofern würde ich es aus politischer Perspektive als Chance begreifen, dass die Problematik jetzt offen auf dem Tisch liegt.

Was bedeutet das für die Demokratie?

Demokratie ist vor allem öffentlicher Vernunftgebrauch. Bevor man öffentlich seine Vernunft gebrauchen kann, muss man erst mal sagen, wo man steht, sagen dürfen: So sehe ich das gerade. Dann muss man aber auch bereit sein, seine Meinung zu überdenken. Und auch, wenn man seine Ängste artikuliert hat, vielleicht einsehen, dass es eben Ängste sind, und überlegen, wie man sie bearbeiten kann.

Da brauchen wir eine viel dichtere öffentliche Kultur, auch in Dortmund, in der solche Themen viel stärker im öffentlichen Raum behandelt werden. Die Politik versteht sich nicht als Organisator dieser öffentlichen Auseinandersetzung und Diskussion, sondern viel zu stark als Verwaltungsinstanz. Sie verwaltet Konflikte nur. Und dann werden sie nicht gelöst, sondern schwelen weiter - und irgendwann brechen sie auf.
Was fehlt in der aktuellen Debatte?

Politisch-kulturelle Gemeinschaften befinden sich immer im Wandel. Heute würde auch niemand mehr sagen, er wünscht, dass sich der Protestantismus als Abspaltung des Katholizismus nie entwickelt hätte. Aber da gab es ja auch massive Konflikte. Tatsächlich wäre es wichtig, den Pluralismus des Islams und den Pluralismus des Kopftuchs aufzuzeigen, ganz viele verschiedene Stimmen zu hören, um zu erfahren, wie unterschiedlich der Islam ist - genauso unterschiedlich, wie Menschen, die sich als Christen bezeichnen, in ihrer Lebensführung sind.

Wenn wir sehen, dass wir da gar nicht so unterschiedlich sind, wird es leichter fallen, die Bereicherungen zu sehen - weil man die Bedrohung nicht mehr so einseitig wahrnimmt.

Wie kann das gelingen?

Man muss sich fragen, ob das Kopftuchbild und das Islambild, das man hat, nicht zu sehr von Klischees geprägt sind. Im medialen Diskurs ist es so, dass wir viel zu sehr Terroristen und Hasspredigern die Definitionsmacht darüber geben, was der Islam ist. Das ist grundfalsch.

Da muss jeder einzelne erkennen, dass er denen enorme Macht gibt, wenn er ihnen erlaubt, zu definieren was Islam ist, was es heißt, ein guter Muslim zu sein. Deshalb müssen wir uns von den Klischees, die diese Menschen produzieren, lösen: Das sind Demagogen, denen darf man nicht so viel Glauben schenken.

Leser haben uns geschrieben, dass der Islam selbst nicht tolerant sei. Kann das der Maßstab sein?

Das ist viel zu sehr Lagerdenken. "Der Islam ist nicht tolerant" - ja, es gibt islamisch geprägte Länder, die nicht tolerant sind. Aber dadurch darf man nicht auf alle Menschen islamischen Glaubens schließen. Das zweite, was daran nicht stimmt, ist, dass da eine sehr altertümliche Ethik zum Ausdruck kommt - nämlich "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Das sollte nicht die eigene moralische Grundüberzeugung sein. Toleranz selbst ist wertvoll. Wenn es Länder gibt, in denen keine Toleranz gelebt wird, dann können wir es ihnen doch besser vormachen.

Da stecken natürlich auch Ängste der Überfremdung hinter, aber da wäre ich einfach ein bisschen selbstbewusster: Alle Menschen wollen frei sein. Wie Rousseau so schön gesagt hat: Die Menschen werden frei geboren und überall liegen sie in Ketten. Da muss man nur mal in die Welt hinausschauen: Man denke an den Arabischen Frühling, Proteste in Istanbul - das sind Momente, in denen Menschen in islamisch geprägten Ländern um ihre Freiheit kämpfen. Zuhause in Dortmund können wir helfen, indem wir ihnen als tolerantes Vorbild dastehen und sie dann sagen: So wollen wir das auch.

Sollten sich Muslime von den Verbrechen der Islamisten oder Terroristen stärker distanzieren?

Man darf von jemandem, der dem Islam angehört, nicht verlangen, dass er sagt, ich bin aber doch liberal und kein Terrorist. Denn sonst identifiziert man den Islam mit einer antiliberalen, sogar terroristischen Haltung. Das ist islamfeindlich.

Dann drückt man den friedlichen Menschen auf, dass sie beweisen müssen, dass es bei ihnen nicht so ist - in einer Art Vorverurteilung, also im Zweifel gegen den Angeklagten. Das ist ein bisschen so, als würde ich als Deutscher ins Ausland fahren und dann erst mal den Leuten erklären müssen, dass ich kein Rechtsradikaler bin. Das fände ich auch sehr unangenehm.

Es gibt Migranten, die sich nicht richtig aufgenommen fühlen, und auf der anderen Seite Dortmunder, die sich das Gefühl haben, sie werden überrannt. Wie bringt man diese Gruppen wieder zusammen?

Wenn diese Gruppenbildung stattfindet und man in dieses Wir-Die-Muster verfällt, kommt es zu massiv ungerechten Urteilen. Sich selbst sehen diese Gruppen in der viel schlechteren Position und können die anderen nicht mehr fair beurteilen. Warum ist das so? Gerechtigkeit basiert auf der Idee eines unparteiischen Urteils. Deswegen hat Justitia auch die Augen verbunden - damit sie das Kopftuch oder die Hautfarbe nicht sieht.

Wenn wir für einen gerechten Umgang miteinander sorgen wollen, müssen wir lernen, unparteiischer zu urteilen, auf beiden Seiten. Anders geht es nicht. Auf muslimischer Seite gibt es Ängste, die man nicht so gut sieht, und vielleicht sehen viele auch nicht die Christen, die sie willkommen heißen.

Dann gibt es Deutsche, die mit einem Ressentiment belastet sind, den Pluralismus des Islam nicht sehen und wie klein der Anteil derjenigen ist, die eine radikale Grundhaltung haben. Gerechtigkeit kann man aber nicht verordnen. Da ist das schmutzige Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung gefragt, immer wieder und immer wieder.

Sarah Bornemann