Kirche meistbietend zu verkaufen

Die Gemeinde in Eving hat ein Gemeindehaus in die Kirche gebaut. Foto: Knut Vahlensieck
Die Gemeinde in Eving hat ein Gemeindehaus in die Kirche gebaut. Foto: Knut Vahlensieck
Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund. Die Kirchen stehen vor einem Dilemma: Die Kirchensteuern brechen weg – der Unterhalt für die Gotteshäuser steigt. Was also tun mit den Gebäuden? Einige Dortmunder Gemeinden gehen kreativ mit Situation um.

Schrumpfende Gemeinden, kaum noch Gottesdienstbesucher: Die christlichen Kirchen stecken tief in der Krise. Ihr fallen auch immer mehr Kirchengebäude zum Opfer, die wegen der sinkenden Einnahmen durch die Kirchensteuer nicht mehr finanziert werden können.

Betrachtet man die Statistik der Ein- und Austritte, wird das ganze Dilemma deutlich. Am 31. Dezember 2009 lebten rund 166 000 Katholiken in Dortmund. Davon traten im ersten Halbjahr 2010 schon 635 aus, im gleichen Zeitraum im Vorjahr waren es noch 476. Diese Steigerung sei wohl auch der aktuellen Diskussion um die Missbrauchsfälle geschuldet, denkt Michael Bodin, Redakteur der katholischen Pressestelle Dortmund. „Für viele war das wohl so etwas wie eine Initialzündung.“ Dem stehen 156 Eintritte (Stand 2006) gegenüber, aktuelle Zahlen fehlen. Auch in der evangelischen Kirche sieht es nicht besser aus. Von den rund 196 000 Mitgliedern traten im Jahr 2009 1223 aus der Kirche aus, nur 498 Gläubige traten ein.

12 000 Euro Heizkosten im Jahr

Was also tun mit Gebäuden, die immer weniger Gläubige besuchen? Ein Abriss wie bei der Bonifatiuskirche in Schüren kommt für die meisten nicht in Frage. Alternative Ideen gibt es viele.

Beispiel Dorstfeld: „Eine Kirche jeden Sonntag zu heizen kostet allein 9000 bis 12 000 Euro im Jahr“, rechnet Gert Steding, Kirchmeister der Eliasgemeinde, vor. Seine Gemeinde hat deshalb eine Machbarkeitsstudie darüber in Auftrag gegeben, wie viele Gebäude sie sich noch leisten kann. Nur zwei große Standorte dürfen demnach übrig bleiben. Daraufhin wurde das Gemeindehaus in der Germaniasiedlung an Bethel vor Ort verkauft und das Gemeindehaus in Kley an das Christliche Jugenddorfwerk vermietet.

Auch das Gemeindehaus St. Stephanus ist der klammen Kasse zum Opfer gefallen. „Auch dadurch ist dort allerdings die Gemeindestruktur in die Knie gegangen.“ Mit den Erlösen aus diesen Verkäufen habe die Gemeinde einen Kindergarten gebaut. Außerdem habe man die Käufer sorgfältig ausgewählt. „In Holland gibt es sogar Kaufhäuser in Kirchen. Das wollten wir nicht.“

Die Kirche in der Dorstfelder Hochstraße, die ebenfalls zur Eliasgemeinde gehört, harrt bisher noch ihrer zukünftigen Bestimmung. „Wir hatten an eine Jugendkirche, ein Orgelmuseum, eine Urnenbegräbnisstätte oder auch an eine gastronomische Einrichtung gedacht“, erklärt Steding. Mittlerweile hätten sich zwei Varianten herauskristallisiert, bei denen das Gebäude erhalten bliebe, zu denen er sich aber noch nicht äußern wolle. „Die Gespräche laufen noch.“

Kirche wird zum Kolumbarium

Beispiel Liebfrauenkirche: Die katholische Liebfrauenkirche wird derzeit zu einem Kolumbarium, einer Grabstätte für Urnen, umgebaut. Nach Abschluss der Bauarbeiten im November diesen Jahres werden hier mehrere tausend Urnenplätze zur Verfügung stehen. Der Betreiber, momentan die Propsteigemeinde, will das Gebäude durch die Pachtgebühren unterhalten. Doch bevor dies möglich ist, musste die Kirche zunächst profaniert werden. „Das ist ein ritueller Akt, bei dem das Allerheiligste, die geweihte Hostie, aus der Kirche getragen wird“, so Bodin. Gottesdienste finden hier nicht mehr statt.

Beispiel Eving: Die evangelische Gemeinde Eving hat sich für die Erhaltung des Kirchengebäudes entschieden und stattdessen das Gemeindehaus aufgegeben. Dem ging ein Umbau der Segenskirche zu einem Gemeindezentrum mit Gottesdienststätte voraus, bei dem eine Etage in die Kirche eingezogen wurde. Oben Gottesdienst, unten Gemeindezentrum sozusagen. „Hier befindet sich auch das Gemeindebüro“, sagt Anne-Kathrin Koppetsch vom VKK.

Beispiel Lydiagemeinde: Auch hier sind anstelle von Kirchen Gemeindezentren veräußert worden. Das Wichern Zentrum etwa ist schon seit vielen Jahren ein Kultur und Tagungszentrum der Diakonie und in einem Teil des Markuszentrums haben nun Ärzte ihre Praxisräume.

Wie auch immer eine alternative Nutzung aussieht: für die Gemeinde bedeutet sie einen radikalen Schnitt. „Für diejenigen, die an der Kirche hängen, ist das schon schwierig“, weiß Gert Steding. „Aber man kann das Geld nur einmal ausgeben, für die Menschen oder für die Gebäude.“

 
 

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