Katharina Grompe hat Olympia 2016 im Visier

Katharina Grompe beim Training im Stadion Rote Erde.
Katharina Grompe beim Training im Stadion Rote Erde.
Foto: Stefan Reinke
De 19-jährige Sprinterin Katharina Grompe ist die zurzeit schnellste Dortmunderin. Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften holte sie die Bronze-Medaille über die 200 Meter. Jetzt trainiert sie für die Freiluft-Saison. Wir sprachen mit ihr über Talent, Geld und Rio 2016.

Dortmund.. Die gebürtige Dortmunderin Katharina Grompe hat das Zeug dazu, das nächste große sportliche Aushängeschild ihrer Heimatstadt zu werden. Die für die LG Olympia Dortmund startende Sprinterin holte bei den Deutschen Hallenmeisterschaften vor heimischem Publikum in der Helmut-Körnig-Halle überraschend die Bronze-Medaille. Langfristig hat Grompe ambitionierte Ziele: Sie will bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro den Vorlauf über ihre Paradestrecke 200 Meter überstehen. Kurzfristig steht erst einmal eine Reise in die USA an, zum größten und ältesten Leichtathletik-Wettbewerb des Landes.

Katharina Grompe trainiert in der Trainingsgruppe von Marcus Hoselmann. Der Coach ist vom Talent seines Schützlings überzeugt. Im Trainingslager auf Mallorca haben Trainer und Team hart an den Grundlagen für die Sommer-Saison gearbeitet, Grundlagen im Tempo- und Kraftbereich gelegt.

Schule und Leistungssport unter einen Hut bekommen

Im Gespräch kommt die 19-Jährige Grompe mit viel Enthusiasmus rüber. Hinter ihr liegt eine anstrengende Trainingseinheit im Stadion Rote Erde. Dennoch sprudeln die Antworten nur so aus der angehenden Studentin heraus.

[kein Linktext vorhanden]Im Interview spricht Katharina Grompe darüber, wie hart es ist, Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bringen: Sie redet über Verzicht, Zweifel und Schmerzen und verrät, warum ein missglückter Staffellauf der eigentliche Startschuss für ihre Karriere war.

Du wirst in diesem Jahr 20. Wann hast du gemerkt, dass du Talent hast?

Katharina Grompe: Ich selbst habe das gar nicht so wahrgenommen. Es gab eine Situation bei den Bundesjugendspielen in der dritten Klasse. Wir waren eine der langsamsten Klassen und mussten an einem Staffellauf teilnehmen. Als mir der Stab übergeben werden sollte, ist mein Klassenkamerad weitergelaufen und hat auch noch den Stab fallen lassen. Da waren wir natürlich Letzter. Ich bin hinter dem Stab hergelaufen, bin losgerannt und habe irgendwie noch alles aufgeholt.

Das Sprint-Talent war geboren.

Grompe: Nee. Ich habe dann mit Judo angefangen. Mein Trainer meinte zwar, ich hätte Talent, wäre aber zu unruhig und ständig am herumhüpfen. Ich sollte doch mal was Anderes machen. Meine Eltern hatten da auch schon meinen Bewegungsdrang bemerkt und gefragt, ob ich vielleicht sprinten wolle. Ich hatte immer gerne Leichtathletik im Fernsehen geguckt und fand das ganz toll. Ich bin dann zum TVE Barop gegangen und habe es einfach mal probiert.

Wann wurde klar, dass du das auch als Leistungssport betreiben kannst?

Grompe: Ich habe den Verein gewechselt, weil ich mich mit Stefanie Pähler, Esther Oeler und Jovanna Klaczynski super gut verstanden habe. Die trainierten alle bei Wolfgang Franke. Da war das Leistungsniveau ziemlich hoch und wir hatten eine gute Staffel und dachten, wir könnten was reißen. Das hat dann ja auch geklappt. Da war ich ungefähr 13 Jahre alt, glaube ich.

Musstest du auch in jungen Jahren schon vieles dem Sport unterordnen?

Grompe: Ja. Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass ich sehr vielseitig erzogen werde. Ich war auf einer Kunstschule, habe Akkordeon und Keyboard gespielt und mich insgesamt sehr kreativ betätigt. Je mehr das aber mit der Leichtathletik wurde, desto mehr Dinge musste ich aufgeben. Es passte einfach nicht mehr. Als ich dann vor fünf Jahren zu Marcus Hoselmann gewechselt bin, wurde klar gesagt, dass ich Talent habe, aber auch konzentriert auf ein Ziel hinarbeiten müsse. Schule und Sport müssten parallel laufen, den Rest müsste ich aufgeben. Das hat bisher aber super geklappt, auch wenn es schwierig war. Ich konnte zum Beispiel einige gute Bekanntschaften nicht mehr pflegen und einige, die eben keinen Leistungssport betreiben, können das nicht nachvollziehen, wenn man so viel dem Sport unterordnet. Aber je älter ich werde, desto besser verstehen die Leute das und ich bekomme sehr viel Unterstützung.

Lange und schmerzhafte Verletzung ließ Zweifel an der Karriere wachsen

Hast du auch manchmal Zweifel, ob es das wert ist? Speziell, wenn du verletzt bist? Eine größere Krise hattest du ja schon.

Grompe: Vor einem bis anderthalb Jahren hatte ich eine ganz schwierige Phase. Es fing mit einer Gürtelrose an. Da habe ich angefangen, zu überlegen, wo das her kommen kann und was ich vielleicht ändern muss. Das war sehr schwierig, weil ich auch noch Stress in der Schule hatte. Ich war aufs Goethe Gymnasium gewechselt. Dort versuchte man, mir entgegenzukommen...

... das Goethe Gymnasium nennt sich ja Sport-Gymnasium.

Grompe: Ja, aber die hatten da noch nicht die Möglichkeiten, die sie gerne hätten. Das war da noch sehr am Anfang. Jedenfalls war mein Jahrgang an der neuen Schule weiter als der an meiner alten. Ich hatte einfach Defizite und hing schulisch daneben. Und im Sport lief es durch die Gürtelrose und eine Oberschenkelverletzung, bei der keiner wusste, was es war, auch nicht. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Keiner wusste eine Lösung, aber ich hatte chronische Schmerzen und dann auch ein Schmerzgedächtnis entwickelt. Zum Glück habe ich dann durch Freunde, Familie und vor allem meinen Trainer viel Unterstützung bekommen. So bin ich da wieder raus gekommen.

Es gibt als solche Phasen. Ich habe dadurch aber gelernt, in gewissen Situationen ruhig zu bleiben.

Du hast über das Goethe Gymnasium als Sportschule angesprochen. Wie siehst du generell die Möglichkeiten für einen Nicht-Fußballer in Dortmund sportlich erfolgreich zu sein oder erst einmal eine gute sportliche Ausbildung zu bekommen?

Grompe: Einerseits sind die Möglichkeiten in Dortmund breit gefächert. Das Sportangebot ist groß. Aber das Goethe- und das Max-Planck-Gymnasium sind die einzigen Schulen, die sportunterstützend arbeiten. Man wird zum Beispiel viel freigestellt. Der Nachteil bei mir war aber, dass ich zwar freigestellt wurde, den Stoff aber über große Referate nachholen musste. Das hat mehr Arbeit gemacht als der Schulbesuch. Ich musste mir den gesamten Stoff selbst aneignen. Die Lehrer gehen ja davon aus, dass du, wenn du zwei Wochen im Trainingslager bist, Zeit zum Lernen hast. Hat man aber nicht bei zwei bis drei Trainingseinheiten am Tag. Irgendwann muss man ja auch mal chillen. Das verstehen viele nicht. Durch den Doppeljahrgang und das Abi nach der zwölften Klasse wird das noch schlimmer.

Gehen da viele Talente verloren? Allein dadurch, dass es gar keine Chance gibt, sie zu entdecken?

Grompe: Ja, auf jeden Fall. Der Leistungsdruck in der Schule ist groß. Die Schule erwartet, dass die Kinder den Alltag managen und alles geregelt kriegen. Da ist der Stress schon groß genug. Da denken sich viele: "Die Schule macht so viel Arbeit, da habe ich für Sport keine Zeit." Dann kommen noch die Beschwerden von Freunden hinzu. Bei mir hieß es auch oft: "Kathi, du bist nie mit uns unterwegs." Wer da nicht die nötige Unterstützung von Freunden, Familie und Verein bekommt, hört schnell wieder auf und geht lieber feiern oder fährt in Urlaub statt ins Trainingslager.

"Leichtathleten müssen zwei Jobs haben"

Mit Leichtathletik wird man in Deutschland nicht unbedingt reich und berühmt.

Grompe: Nee, das stimmt wohl.

Ist dir das erst mal egal? Hast du einen Plan, was du neben der Leichtathletik machen willst?

Grompe: Leichtathleten müssen zwei Jobs haben: Sport und einen Job. Das muss man gemanaged kriegen. Man bekommt aber auch Unterstützung von Universitäten oder Fachhochschulen. Dabei kommt es aber auch auf die Leistung an, zum Beispiel auf den Kaderstatus. Wenn du im Bundeskader bist, bekommst du viele Möglichkeiten. Man muss nebenbei auf jeden Fall einen vernünftigen Beruf haben, den aber mit dem Sport kombinieren können. Ich fange im September an zu studieren, mache momentan ein Praktikum für mein Fachabi. Später würde ich gerne etwas in Richtung Sportmanagenent und Vermarktung machen. Eventuell auch als Fitness-Coach arbeiten. Mit Leichtathletik kann man halt nicht so viel Geld verdienen. Das zu erwarten, wäre utopisch. Aber dafür hat man ein großes Ziel, das die Fußballer nicht haben: Olympia.

Du hast schon Sponsoren. Inwieweit hilft das? Musst du deine Sportklamotten noch selbst kaufen?

Grompe: Ich habe keinen eigenen Sponsor. Die Sparkasse sponsert den Verein. Nike ist quasi mein Ausrüster. Da habe ich ein gewisses Budget. Das waren vor Olympia noch 4000 Euro, jetzt sind es noch 2000. Das reicht auch absolut fürs Jahr. Und die Deutschland-Klamotten bekommt man ja eh gestellt (strahlt übers ganze Gesicht). Ich fände es natürlich schön, wenn sich Sponsoren melden würden. Das ist in der Leichtathletik schwierig, weil sich alles auf Fußball stürzt. Aber: Kleinvieh macht auch Mist (lacht). Ich bin froh über alles, was kommt.

Als männlicher Leichtathlet muss man vermutlich bekloppt sein oder positiv formuliert: eine markante Persönlichkeit haben, um sich vermarkten zu können. Robert Harting oder Tim Lobinger sind da Beispiele. Reicht bei Leichtathletinnen nicht schon gutes Aussehen?

Grompe: Ich glaube, eher nicht. Nicht so wie im Tennis vielleicht. Man braucht eher Charakter. Wenn du nur gut aussiehst, kann man zwar ein Poster von dir machen, aber letztlich brauchst du etwas, wofür du als Person stehst. Schlichtes Beispiel: Wenn du Laktose-Intoleranz hast, kannst du glaubwürdig Werbung für Katjes Gums machen. Dann identifizieren die Leute dich mit dem Produkt.

Leichtathletik Werden wir etwas sportlicher: Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund bist du zum ersten Mal bei den "Großen" gelaufen und bist Dritte über deine Paradestrecke, die 200 Meter, geworden. Klingt dieser Erfolg noch nach?

Grompe (lacht und strahlt): Es war ein richtig geiles Gefühl, denen mal zu zeigen, wo der Hammer hängt! Niemand hatte mit mir gerechnet - ich selbst auch nicht. Ich bin da mit meiner 24:50 rumgetuckert und wusste gar nicht, wo ich stehe. Ich konnte nicht viel trainieren und hatte überlegt, ob ich in der Halle überhaupt die 200 laufe. Dann kam die Rampensau in mir auf, die Atmosphäre in der Halle war klasse, da dachte ich, ich laufe doch mal. Das wurde dann richtig gut. Über die 60 Meter lief es ja schon gut. Das Finalrennen war das erste Rennen, das mir persönlich richtig Spaß gemacht hat. In den Rennen vorher bin ich immer vorne weg gelaufen, außer bei internationalen Rennen. Das war aber so ein cooles Gefühl, so richtig Power zu geben, das klingt auf jeden Fall noch nach. Da ist auch noch viel mehr drin. Das Niveau, das ich bei den DM hatte, kann ich auf jeden Fall noch steigern.

Und das lässt sich auch in die Freiluft-Saison retten?

Grompe: Draußen laufe ich viel, viel lieber. Drinnen sind die Kurven enger und ich mag die Schräge nicht. Ich mag es, aus der Kurve zu beschleunigen und dann auf der langen Geraden alles zu geben.

Was trainierst du momentan?

Grompe: An der Grundschnelligkeit wurde im Winter gut gearbeitet. Jetzt geht's an die spezifische Schnelligkeit und die Sprintausdauer. Außerdem mache ich ganz lockere Dauerläufe zur Regeneration.

Bei Olympia 2016 in Rio den Vorlauf überstehen

Beim Blick auf deine bisherigen Erfolge fällt auf, dass da viele Staffel-Wettbewerbe vertreten sind. Wenn das Gespräch auf Staffeln kommt, scheint bei dir auch immer irgendwie die Sonne aufzugehen (Kathi Grompe fängt über das ganze Gesicht an zu strahlen). Ja, genau, so wie jetzt. Was ist für dich das Besondere an Staffeln?

Grompe: Ich liebe Staffeln. Seit dem Vorfall in der Grundschule. Ich liebe dieses Team-Gefühl. Außerdem muss ich dann immer an Tallinn denken (Staffel-Gold und Europarekord bei den U20-Europameisterschaften, Anm. d. Red.). Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, den Startschuss zu hören und zu wissen: "Du läufst jetzt 400 Meter" - obwohl man ja eigentlich nur 100 Meter läuft. Aber dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit ist toll, speziell wenn man weiß, dass man auf einem Niveau ist und wirklich etwas reißen kann.

Das hört sich nach dem Traum vom Schlusstag der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro an.

Grompe: Ja, schon. Aber für Olympia 2016 habe ich mir auf jeden Fall auch vorgenommen, im Einzel über 200 Meter auf der Bahn zu stehen und da nicht nur den Vorlauf zu laufen. Das ist ambitioniert, aber möglich.

Lässt sich dieses Ziel in Dortmund erreichen oder müsstest du dazu nach Wattenscheid oder Leverkusen wechseln? Man stellt sich Bayer als das Bayern München der Leichtathletik mit traumhaften Bedingungen vor.

Grompe: Tja, das ist die Frage. Ich denke gar nicht über einen anderen Verein nach. Ich bin Dortmunderin, bin hier geboren, ich bin mit den Trainingsbedingungen sehr, sehr zufrieden und würde sehr, sehr gerne hier bleiben. Es wäre allerdings schön, wenn ich als Dortmunder Mädchen vielleicht noch ein paar Dortmunder Sponsoren finden würde (lacht). Ich komme mit dem Vorstand gut klar, auch wenn der vielleicht etwas mehr den Kontakt zu den Athleten pflegen könnte. Aber an einen Wechsel habe ich noch nicht gedacht. Ich gehe mit meinem Trainer, mein Trainer geht mit mir. Ich kenne hier das ganze Umfeld, wohne hier, das möchte ich nicht missen. Irgendwann muss man sich aber vielleicht wirklich Gedanken machen, vor allem wenn es finanziell schwierig wird. Ich hoffe einfach, dass der Verein dann hinter mir steht und wir die großen Ziele gemeinsam erreichen.

Rio 2016 ist noch weit weg. Was liegt in naher Zukunft an?

Grompe: Ich fliege nach Philadelphia zu den Penn Relays (die älteste und größte Leichtathletik-Veranstaltung der USA, Anm. d. Red.). Das ist ein toller Wettkampf, über den ich schon so viel gehört habe. Es heißt immer, da müsse man unbedingt al gelaufen sein. Das war ursprünglich ein Wettkampf für College-Staffeln. Irgendwann haben die angefangen, auch internationale Staffeln einzuladen, die dort dann quasi außer Konkurrenz und just for fun mitlaufen und sehen, wo die anderen Nationalstaffeln so stehen. Da freue ich mich unheimlich drauf - drei Tage jeweils vor 15.000 Zuschauern laufen, das wird ein Super-Wettkampf. Danach kommen die U23-Europameisterschaften, da würden wir gerne den Staffel-Titel holen. Joa, und dann kommen natürlich noch die Weltmeisterschaften in Moskau.

 
 

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