Junger Lyriker will die Schönheit der Sprache pflegen

Die Zeile 'Nur wer sich öffnet für den Schmerz, lässt auch die Liebe mit hinein' hat Calvin Kleemann sich in den Unterarm stechen lassen. Sie stammt vom Musiker und Autor Alexander F. Spreng, den Kleemann sehr schätzt.
Die Zeile 'Nur wer sich öffnet für den Schmerz, lässt auch die Liebe mit hinein' hat Calvin Kleemann sich in den Unterarm stechen lassen. Sie stammt vom Musiker und Autor Alexander F. Spreng, den Kleemann sehr schätzt.
Foto: Anna Gellner
Calvin Kleemann hat für sein Alter ein ungewöhnliches Hobby: Er schreibt Gedichte. Ziemlich gute sogar. Am 28. Juli erscheint der zweite Gedichtband des gerade mal 20-jährigen Dortmunder Lyrikers, der sich vorgenommen hat, die Sprache zu erhalten.

Dortmund. Calvin Kleemann hat für sein Alter ein ungewöhnliches Hobby: Er schreibt Gedichte. Ziemlich gute sogar. Am 28. Juli erscheint der zweite Gedichtband des gerade mal 20-jährigen Dortmunder Lyrikers, der sich vorgenommen hat, die Sprache zu erhalten.

Denn nicht nur hätte seine Generation kein Interesse für Kultur, auch die Sprache würde verfallen. Ob am Gymnasium oder anderswo, das mache keinen Unterschied. Calvin Kleemann hat gerade sein Abitur am Heisenberg-Gymnasium gemacht.

Deswegen hat sich Calvin Kleemann etwas vorgenommen: "Ich will Jugendliche für Lyrik begeistern." Wie er das schaffen will? "Die Leser sollen sich in den Gedichten wiederfinden", sagt er. Calvin Kleemann will nicht nur an der Oberfläche kratzen, die "Seele nicht nur streicheln".

Mit seiner kunstvollen Sprache will er das Innerste der Leute berühren. "Als einmal jemand auf meiner Lesung angefangen hat, vor Rührung zu weinen, war das das Schönste für mich."

Sprache aus der Seele

"Geschwür in den Venen der Kunst und der Zeit", heißt es zum Beispiel in seinem Gedicht "Prometheusfunken". Nicht nur durch das Wort "Geschwür" erinnert die Sprache Calvin Kleemanns eher an die der Expressionisten, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihre oft düsteren Gedichte schrieben. Und weniger an moderne Lyriker, deren Sprache man kaum mehr verstehen kann und die nicht "aus der Seele spricht", wie Calvin Kleemann meint.

An seinem neuen Gedichtband "Von Eiben und Linden" hat er drei Jahre lang gearbeitet. In einem Prosatext, also einer Geschichte ohne Verse und Reime, und 16 Gedichten denkt er über Themen wie Liebe, Freundschaft
und die Rolle des Mannes in der Gesellschaft nach.

Keine Fließband-Produktion

Calvin Kleemann produziert seine Texte nicht wie am Fließband. Er schreibt, wenn ihn etwas nicht mehr loslässt. "Ich möchte mich nicht zum Schreiben zwingen", sagt er. Wenn er Ruhe zum Nachdenken braucht, setzt er sich in die Reinoldikirche. Ein Platz, mitten in der Stadt - und trotzdem still.

Und wenn ihn etwas bewegt, ihm spontan ein Gedanke kommt, schreibt er ihn in sein kleines Notizbuch. Diese hastig aufgeschriebenen Sprachfetzen nennt er Herzkunst. Später formt Calvin Kleemann Verse daraus, das ist die Kopfkunst.

Am Ende entsteht ein "Mischmasch" - nicht verkopft, aber reif und reflektiert und ohne Ähnlichkeit mit "pubertären Herzschmerz-Gedichten". "Im Laufe der Jahre habe ich mich weiterentwickelt", sagt er. Sein erstes Gedicht hat Calvin Kleemann mit 14 geschrieben.

Der Künstler der Familie

Die Anfänge waren nicht einfach. Calvin Kleemann stammt aus einer Arbeiterfamilie, er ist der einzige mit Abitur. "Den Status als der Künstler der Familie musste ich mir erkämpfen." Zu seiner ersten Lesung nahm er seine Cousine mit, danach, erzählt er, war das Eis gebrochen. Auch seine Mutter, bei der er noch wohnt, unterstützt ihn mittlerweile - auch, wenn es am Anfang schwierig war.

Im Moment wartet Calvin Kleemann auf einen Studienplatz an der Uni Bochum. Er will Literaturwissenschaft und Philosophie studieren. Und danach? Kunst ist oft brotlos. Trotzdem: "Als Lyriker festen Fuß zu fassen, das wär's", sagt er.

Anna Gellner