Jugendliche im Kopf frei machen

Maike Rellecke
Szenen von Ausgrenzung haben die Schüler erarbeitet.
Szenen von Ausgrenzung haben die Schüler erarbeitet.
Foto: Leonie Lunkenheimer
Beim „Dorstfeld-Projekt“ des Schauspielhauses haben Schüler der weiterführenden Schulen des Stadtteils rechte Gewalt und Intoleranz thematisiert. Am 12. Dezember zeigen sie Lösungsvorschläge, aber keine Antworten.

Ein junger Mann, der ganz offensichtlich ausländischer Herkunft ist, wird in der U-Bahn angepöbelt. Ein schlimme Erfahrung. Aber viel schlimmer: Keine der anderen Fahrgäste reagiert. – Solche Szenen gehören für Jugendliche aus dem Stadtteil Dorstfeld zum Alltag. Beim „Dorstfeld-Projekt“ des Schauspielhauses haben Schüler der weiterführenden Schulen des Stadtteils rechte Gewalt und Intoleranz thematisiert.

„Zivilcourage war von Anfang an mit ein Thema“, erzählt Schauspieler Thomas Hof, der das Projekt leitet. „Gegen Nazis sein, ist einfach. Aber die Grauzonen in der Mitte der Gesellschaft sind spannend.“ Drei Monate lang hat er mit Schülern der Martin-Luther-King-Gesamtschule, der Wilhelm-Busch-Realschule und des Reinoldus- und Schiller-Gymnasiums diskutiert und geprobt.

„Wir haben Szenen durchgespielt, wo es darum ging, dass ein türkisches Mädchen von ihrem deutschen Freund schwanger ist. Sie sagt es ihrer Mutter und die antwortet: Du musst abtreiben!“, beschreibt er eine Szene. „Aber ein anderes Mädchen sagte sofort: Du darfst nicht abtreiben, du bist Muslimin.“ Gibt es eine Lösung?

Verschiedene Lösungen erarbeiten

Eine eindeutige Antwort lässt sich schlecht finden und das mussten die Schüler auch nicht. „Es geht darum verschiedene Lösungen durchzuspielen und die Jugendlichen im Kopf frei zu machen“, beschreibt Hof. „Wir wollten mit diesem Projekt die Köpfe erreichen, die man am stärksten beeinflussen kann – die Jugendlichen“, erklärt Chefdramaturg Michael Eickhoff. Wenn nicht mit dem Programm des Schauspiels, dann über Projekte wie dieses.

Am Mittwoch, 12. Dezember, werden Szenen nacheinander an allen drei Schulen gespielt. „Ich frage die Schüler: Wer will eine Geschichte erzählen? Dann können sie improvisieren, aber auch auf die Szenen zurückgreifen, die wir geprobt haben.“ Je zwei Schulen begegnen sich auf diese Art: Eine Klasse die spielt und eine, die die Rolle des aktiven Publikums übernimmt, das ins Schauspiel eingreifen kann, um Lösungen zu finden.

Fachlehrerin Ulla Riese hat das Projekt in ihrem Wahlpflichtfach „Darstellendes Spielen“ am Reinoldus- und Schiller-Gymnasium umgesetzt und hat schon eine Veränderung bei den Schülern festgestellt: „Die Schüler kennen gewalttätige Prollrollen vom zusehen. Die Empatie tritt aber dann in Kraft, wenn sie es selber spielen, die Worte in den Mund nehmen und die Schäbigkeit empfinden.“

Die Martin-Luther-King-Gesamtschule hat schon entschieden, das Projekt mit eigenen Mitteln weiterzuführen. „Es ist schwer, Zivilcourage draußen umzusetzen. Aber es ist wichtig darüber nachzudenken“, betont Thomas Hof.