Jochen Gerz und sein Projekt "2-3 Straßen"

Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund. Drei Städte, drei Straßen und 70 bis 80 Menschen, die für ein Jahr mietfrei wohnen - das sind die Zutaten, aus denen Jochen Gerz 2010 für die Kulturhauptstadt ein Kunstwerk schaffen will, das jeden Rahmen sprengt. „2-3 Straßen” heißt das Projekt. Dortmund ist mit dabei.

Eine Straße am Borsigplatz in Dortmund wird im Kulturhauptstadtjahr 2010 zur Kunst. Jochen Gerz will viel und sagt es kurz: Mit möglichst wenig Einfluss möchte er das Klima und die Identität einer Straße verändern. Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr tragen diese Vision mit und stellen leerstehende Wohnungen bereit. In Duisburg und Mülheim stehen die bereits fest, sind auch schon die ersten Räume bezogen - in Dortmund aber dauerte allein die Straßenauswahl. Nicht sonderlich spektakulär oder sehenswürdig sollte sie sein. Rheinische Straße und Brückstraße waren im Gespräch - jetzt hat sich die Stadt auf den Bereich zwischen Borsig- und Oesterholzstraße festgelegt.

Ein Jahr mietfrei

Dort leben die Kulturfreunde ein Jahr mietfrei und erschaffen ein interaktives Werk; Texte, die schlicht nach Zeitpunkt der Entstehung aneinander gesetzt werden zu einem Unendlichen, an dem auch die Besucher der Straßen mitwirken können. Die neuen Bewohner der 2-3 Straßen kommen aus verschiedenen sozialen Hintergründen, Generationen, auch Ländern: Mitmachen darf, wer sich schnell gemeldet hat und die größte Motivation gezeigt hat.

Gerz, der in Dortmund mit dem „Geschenk” für Furore sorgte, will ein riesiges, lebendes Kunstwerk schaffen: Er fragt, ob die Realität durch geistige, inhaltliche Einflüsse verändert werden kann, ob Menschen - „und zwar nicht der Kunstspezialist” - aktiv an einem solchen Prozess mitwirken können. „Ist das, was, wir als Kultur oder Kunst betrachten, etwas was in einer direkten Auseinandersetzung in der Wirklichkeit stattfinden kann oder brauchen wir dazu die Vermittlung des Museums?”

Begriff der Kunst in Frage stellen

Mit „2-3Straßen” stellt Gerz den Begriff der Kunst selbst in Frage: Er will weg von „Tafelbild, Zeichnung, Skulptur”, will die Menschen aus der Rolle des Betrachters reißen und ermutigen, in ihrem „eigenen Leben kreativ zu sein”. Hinter seiner Arbeit steckt letztlich eine zutiefst demokratische Überzeugung: „Ich glaube, dass die Leute sich gern engagieren würden und dass die Kunst dafür ein Terrain sein kann.” Mehr Risiko, Eigenverantwortung, Engagement sind seine Stichworte. Er als Künstler tritt aus dem Rampenlicht- „ohne die Menschen kann die Arbeit nicht entstehen.

„2-3 Straßen” ist im Grunde ein idealistisches Stadtentwicklungsprojekt: Inspiriert von der „Besucherschule” 1972 auf der documenta will Gerz eine andere, aktivere Wahrnehmung der Wirklichkeit schulen. Die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen ist der Motor: „Im Paradies würden nicht sehr viele Bilder gemalt.” Ein Scheitern nimmt Gerz in Kauf: „Das finde ich das beste an der Kunst, dass sie dadurch nicht schlechter wird, dass sie scheitert.”

 
 

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