Immer mehr Wohnungen im Ruhrgebiet vergammeln

Hayke Lanwert
Horst Bovelek von der Mieterinitiative Jungferntal. Foto: Stefan Arend
Horst Bovelek von der Mieterinitiative Jungferntal. Foto: Stefan Arend
Foto: WAZ

Dortmund. Ausländische Fondsgesellschaften, auch „Heuschrecken“ genannt, haben im Ruhrgebiet im großen Stil Wohnungen gekauft und lassen diese jetzt vergammeln. Manchmal geht es sogar mit ganzen Stadtteilen bergab.

Hier wegzugehen, würde ihr im Traum nicht einfallen. Seit 51 Jahren wohnt sie hier, und als ihr Mann starb, ein ehemaliger Bergmann, und der Schimmel um die Fenster so wucherte, dass sie ihn nicht mehr ignorieren konnte, zog sie nach nebenan. Dreieinhalb Zimmer, auf 55 Quadratmetern in der Gartenstadt Jungferntal. Früher war es hier einmal richtig hübsch, in dieser Siedlung inmitten all des Grüns. Doch nun, wo es allenthalben durch die Ritzen zieht, wo es bröckelt und schimmelt, da stehen die Wohnungen leer.

Dortmund hat es im Ruhrgebiet getroffen wie kaum eine andere Stadt. Denn nirgendwo gab es so viele Werkswohnungen wie hier. Für Bergleute, Stahlarbeiter oder Eisenbahner. Und als sich die Finanzmärkte entfesselten, als ausländische Investmentfonds, Hedgefonds ins Land drängten, da schlugen sie in Dortmund ganz besonders zu. 45 000 von 240 000 Wohnungen sind in ihren Händen. Und mancherorts sieht man das inzwischen auch. Denn sich zu kümmern, zu investieren, das ist nicht jedes Fonds Ding. So verfallen nicht nur Wohnungen und Häuser, sondern mit ihnen oft ein ganzes Quartier, ein Stadtteil.

„Eine Katastrophe! So ein Wohnstandort blutet regelrecht aus. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Dann sinkt die Kaufkraft, schließen die Geschäfte, und am Ende liegt das Image des Stadtteils am Boden”, sagt Thomas Böhm, der stellvertretende Leiter des Dortmunder Wohnungsamtes. Und die Namen, die sie nennen, in Dortmund wie in Castrop-Rauxel oder Essen, es sind immer dieselben. Deutsche Annington (ehemals Eisenbahner-Wohnungsbau), Whitehall (frühere LEG), Fortress (vormals Gagfah) und vor allem Griffin, ein niederländisch-dänischer Fonds.

In desolatem Zustand

„Annington und Fortress leben nur vom Bestand. Sie schütten ihren Anlegern viel aus und vernachlässigen die Substanz”, sagt Helmut Lierhaus, der Sprecher des Mietervereins Dortmund. 8000 Wohnungen solcher Immobilienfonds seien in einem derart desolaten Zustand, dass sie leer stehen oder eigentlich nicht mehr bewohnt werden dürften. Griffin, so Lierhaus, müsse man schon fast als einen Fall von Insolvenzverschleppung bezeichnen. Der Fonds habe noch ganz zum Schluss gekauft, sei dann von der Finanzkrise überrascht worden. So sitze er nun auf Wohnungen, die man ur­sprünglich schnell weiter verkaufen wollte. Den Bestand zu erhalten, zu pflegen, dafür fehle allerdings das Geld.

Beispiel Röntgenplatz in Essen-Altendorf. Etwa 350 Wohnungen der Griffin gehören zu dem Quartier. „Dort gibt es Löcher in den Decken und Dachfirste, die herunter zu stürzen drohen. Ein un­glaublicher Sanierungsstau ist das. Die Griffin hat seit 2006 schon zum dritten Mal die Verwaltungsfirma gewechselt, die sich um die Häuser kümmern soll”, sagt Andrea Tröster vom Stadtteilbüro Altendorf. Im letzten Winter saßen viele Mieter plötzlich in kalten Wohnungen, weil der Versorger die Heizungen abgestellt hatte. „Dabei hatten die Mieter natürlich ihren Abschlag an die Griffin gezahlt”, sagt die Stadtteilmoderatorin.

Dass schließlich Mietervereine und Stadtverwaltung ak­tiv werden, um für halbwegs bewohnbare Zustände zu sorgen, nimmt zu. Sogar von Enteignung ist die Rede. Mit dem Gedanken spielte zumindest Jochen Ott, Chef der Kölner SPD und stellvertretender Vorsitzender der NRW-SPD, nachdem es im Kölner Norden Streit um ein neungeschossiges Wohnhaus gegeben hatte, das massiv von Feuchtigkeit und Schimmel befallen war.

Völlig überfordert

In Dortmund sammelte Helmut Lierhaus vom Mieterverein im vergangenen Winter eigenhändig die Mieten ein, um fällige Reparaturen an Heizung und Fahrstuhl durchführen zu lassen. Er weiß nur allzu gut, wie sehr man in solchen Fällen Handwerker überreden muss, die schon beim letzten Mal nicht bezahlt wurden. „Die dänische Griffin ist mit der Situation völlig überfordert. Ihr fehlt auch offenbar das Geld, wird längst von Banken geführt”, so Lierhaus.

Letzteres bestätigt auch Henrik Frisch, der Geschäftsführer der im dänischen Esbjerg beheimateten Griffin. Man ha­be speziell 2009 Liquiditätsprobleme gehabt, seit 2010 aber mit Unterstützung von Banken begonnen, Schulden zu bezahlen und „in die Renovierung leerstehender Wohnungen zu investieren”.

Das Dortmunder Jungferntal, es könnte tatsächlich ein hübscher Ort zum Wohnen sein. Gelegen im Westen der Stadt, bietet die Siedlung viel Grün, eine Schule direkt vor der Haustür und gute Verkehrsverbindungen. Doch wo­hin man sieht, hängen in den Fenstern diese blau-weißen Plakate mit der Handy-Nummer einer Maklerin. Und oft weiß man nicht, ob die alte Gardine im Fenster nur ein Alibi ist. Die Balkone bröc­keln, dass die Moniereisen bloß liegen. Und wenn etwa Frau Weiß, die 75-jährige Bergmanns-Witwe, wegen ei­ner Reparatur zum Telefon greift, erreicht sie niemanden. „Es heißt immer, die haben kein Geld. Aber die kriegen doch die ganze Miete!”, sagt sie und winkt ab.

Soziale Brennpunkte

Auch in Essen-Altendorf gehen die Menschen weg aus der Griffin-Siedlung. Die einziehen, das sind jene, die sich gar nichts anderes mehr leisten können. Auch so können soziale Brennpunkte entstehen. Dass es anders laufen kann, beweisen kommunale Wohnungsunternehmen wie die Dogewo in Dortmund und Allbau in Essen. Sie investieren pro Jahr zweistellige Millionenbeträge in ihre Häuser, sie reißen ab, wo nichts mehr geht und bauen neu. Vor allem aber achten sie auf das soziale Gefüge im Stadtteil. „Fairmieten” nennt sich das, die Mieter belohnen das schlicht mit Treue.