Im Selbstversuch beim BVB-Casting

Foto: WR RALF ROTTMANN
Was für ein Gefühl ist es, auf dem Rasen des Dortmunder Stadions vor der Südtribüne zu stehen? Dieser Frage ging DerWesten-Redakteur Stefan Reinke nach und nahm den kürzesten Weg auf den Rasen: über das Casting zum BVB-Jahrhundertchor. Eine Reportage.

BVB-Fan mit eigenem Song

BVB-Fan mit eigenem Song
Stefan Reinke

Dortmund.. So lange ich zum BVB gehe, treibt mich eine Frage um: Wie fühlt es sich an, vor der Südtribüne zu stehen? Da kam der Aufruf zum Casting für die neue BVB-Hymne „Schon seit 100 Jahren“ gerade recht. Schließlich winken als Preis Auftritte im Stadion und in der Westfalenhalle – perfekt!

Mit rund 400 Gleichgesinnten erscheine ich also um 14.30 Uhr an Der Nordtribüne des Stadions. Am Eingang herrscht Gewusel wie an einer Hotelrezeption zur Hochsaison. Wir bekommen unsere Gruppen mitgeteilt – bei mir ist’s Gruppe 6, Auftritt ungefähr um 17.30 Uhr. Meine Mitbewerber üben Texte, geben für die zahlreichen Kameras Kostproben ihres Könnens oder ziehen sich einfach an einen Tisch zurück und warten.

Die Tür zum Casting-Raum wird geöffnet, Dieter Falk, Komponist der Hymne und erfolgreicher Pop-Produzent, erklärt das Prozedere und bittet um eine erste gesangliche Kostprobe des ganzen 400er-Chores: „Boruussiiiaaaaaa!“, hallt es immer wieder durch den Raum. Dann sind die ersten beiden Gruppen dran. In der Jury sitzen Musik-Produzent Max Kaminski, BVB-Tausendsassa Norbert Dickel und eben Dieter Falk.

Die Drei entscheiden über Wohl und Wehe der Bewerber. Mit grünen, gelben und roten Karten bewerten sie die Vorträge. Und gleich in der ersten Gruppe gibt es viele grüne Karten. Ich werde langsam nervös und widme mich verstärkt der Frage, welches Lied ich überhaupt singen soll. In meinem Kopf herrscht eine Kakophonie aus Ärzten, Beatles, Depeche Mode und Fangesängen. Ich vertage die Frage. Ist ja noch ungefähr eine Stunde Zeit, da wird mich die Muse hoffentlich schon noch küssen.

Starke Kandidaten

"Bryan Adams" gibt Kostprobe

"Bryan Adams" gibt Kostprobe
Stefan Reinke

Die Jury ist begeistert von den Kandidaten. Schon in den ersten Gruppen gibt es einige Härtefälle, die ausscheiden müssen. Und ich? Ich habe nicht mal ein Lied. Meine Gruppe ist dran. Ich setze mich in die zweite Reihe, um noch etwas Zeit zum Grübeln zu haben. Außerdem will ich hören, was die anderen so singen. Immer wieder höre ich Falk sagen, dass die Jury kräftige Stimmen sucht. Power ist gefragt. Ich könnte „Yellow Submarine“ singen – das hat sogar Ringo geschafft. Könnte klappen, vor allem, wenn ich im Refrain „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ singe. Dann habe ich zumindest einen Abgang mit Lachern.

Ich bin dran, trete vor die Jury, stelle mich auf das auf den Boden geklebte Kreuz. „Stefan, was singst du?“ Fast hätte ich gesagt: „Das frage ich mich auch“, da höre „You’ll never walk alone“ aus meinem Mund. Da hat die Muse doch noch geküsst! In letzter Sekunde. Gute Wahl eigentlich. Den Text kann ich, Melodie ist okay. Vor allem, weil ich die Original-Melodie aus dem Musical „Carousel“ singe. Ich beginne. Hinter mir tuschelt einer „Das ist nicht You’ll never walk alone“. „Banause“, denke ich und singe um mein Leben. Ich werde immer lauter. Ich merke, dass gleich der Punkt erreicht ist, an dem meine Stimme bricht, also höre ich vor dem Finale auf und blicke erwartungsvoll zur Jury.

Grüne Karten und Applaus

Falk sagt: „Das wird für einen Solo-Part nicht ganz reichen“. Hat der gerade „Solo-Part“ gesagt? Ich wollte Chor. Irgendwie geht’s jetzt ganz schnell: Ich sehe grüne Karten, höre Applaus von den Mitbewerbern, drehe mich um, setze mich und atme durch. Ich bin im Chor.

Irgendwann nach 19 Uhr werden alle Qualifizierten in den Casting-Raum gebeten, die Aufnahme für die CD soll beginnen. Wir starten mit Trockenübungen, denn der Refrain hat so seine Tücken. Dieter Falk steht auf einem Stuhl und leitet uns mit viel Enthusiasmus an. Nach einer Dreiviertenstunde sind wir fertig, die Aufnahme ist im Kasten. Jetzt müssen noch die Solisten ran, der Chor hat Feierabend. Bis zum 19. Dezember. Dann ist Doppelauftritt: erst im Stadion, danach bei der Gala in der Westfalenhalle. Wahnsinn!

 
 

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